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HEILBRONN: MADAME BOVARY von Gustave Flaubert – ganz auf die Hauptdarstellerin zugeschnitten. Premiere

20.09.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Theater

Madame Bovary“ als Premiere im Theater Heilbronn am 19 September 2014

GANZ AUF DIE HAUPTDARSTELLERIN ZUGESCHNITTEN

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Juliane Götz. Foto: Thomas Braun

Premiere von „Madame Bovary“ nach Gustave Flaubert in einer Bearbeitung von Tine Rahel Völcker im Theater Heilbronn am 19. September 2014/

Juliane Götz brillierte in der Rolle als Madame Bovary in Heilbronn in verschiedenen Facetten. Es gelang ihr, das komplizierte Seelenleben der jungen Arztgattin in unsere heutige Zeit zu übertragen. In der schlichten Regie von Axel Vornam, die sich ganz auf die Hauptdarsteller konzentriert, entfaltet sich der Fortgang dieser Tragödie wie von selbst und die karge Ausstattung von Tom Musch unterstreicht diesen Aspekt.

Die aus einfachsten Verhältnissen stammende Emma Bovary begegnet dem von Oliver Firit etwas naiv verkörperten Landarzt Charles Bovary, der sie nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet. Sie erhofft sich von dieser Ehe gesellschaftliche Anerkennung, aber ihr Hunger nach wilder Leidenschaft ist zu groß, um glücklich zu werden. Wie sehr die junge Frau in diesem goldenen Ehekäfig gefangen ist, verdeutlicht Juliane Götz als nuancenreiche Darstellerin am besten. Aus Unzufriedenheit verfällt sie in Lethargie. Charles will ihr helfen, willigt sogar in einen Umzug in die Stadt ein, um einen neuen Patientenstamm aufzubauen. Dies gestaltet sich alles als höchst schwierig und geht schließlich schief, weil Charles auch noch als Arzt versagt und von Emma schließlich als „Pfuscher“ bezeichnet wird. Dann bekommen sie ein Kind – ein Mädchen. Emma hatte sich aber zu sehr auf einen Jungen gefreut, sie fühlt ihr Leben auf „das einer Stubenfliege reduziert“.

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Juliane Götz. Foto: Thomas Braun

Bei der durchaus subtilen Inszenierung kommt die bewusste Steigerung dieses gewaltigen Seelendramas nicht zu kurz. Die gepeinigte Seele des Menschen steht auch in dieser modernen Textbearbeitung von Tine Rahel Völcker immer wieder im Mittelpunkt. Emma flüchtet sich verzweifelt in die Arme von Liebhabern und kehrt doch immer wieder zu Charles zurück. Ferdinand Seebacher als Leon und Sebastian Weiss als Rodolphe stellen diese Liebhaber mit fast stoischer Kälte da. Dies ändert sich auch nicht, als sie Emma als „Hure“ demütigen. Als eiskalte neoliberale Textilhändlerin Lheureuse überzeugt Katharina Voß, die Emma Bovary betrügt und um Geld erpresst. Auch die von Sabine Unger als herrische Matrone dargestellte böse Schwiegermutter Emmas trägt letztendlich zu ihrem Selbstmord bei, der bei dieser Aufführung zum schaurigen Höhepunkt wird. Denn hier lässt sich die Regie wirklich etwas einfallen: Juliane Götz schildert als Emma Bovary sehr exaltiert die Tat – und als sie ihren Körper aufschlitzt, regnet es plötzlich Blut von der Bühnendecke herab. Diese Schockwirkung verfehlt ihr Ziel beim Publikum nicht. Tine Rahel Völcker macht in ihrer Bearbeitung deutlich, wie sehr die verzwickte Situation der Emma Bovary in unsere heutige Zeit übertragbar ist. Die Sitten des gesellschaftlichen Umfeldes werden zur Zielscheibe der Kritik. Die seltsame Verbindung dieser unglücklichen Ehegeschichte mit der bürgerlichen Welt steht bei Axel Vornams Inszenierung im Zentrum des Geschehens. Nils Brück als Bekannter Charles Bovarys, Homais, wird ebenfalls recht undurchsichtig geschildert, denn er versucht, sich an die Staatsmacht heranzumachen. So ist dieses undurchsichtige gesellschaftliche Geflecht für Emma Bovary nicht zu entwirren, sondern treibt sie immer weiter in die psychische Isolation. Dabei weist Tine Rahel Völcker wiederholt auf aktuelle feministische Forderungen hin. Bei der Aufführung gewinnt auch Oliver Firit als Charles Bovary immer mehr Profil, der zuletzt gegen Gott und die Welt rebelliert und am Freitod seiner Frau zerbricht. Emma Bovary kann ihren Wahlspruch „Wenn man glücklich ist, ist man frei!“ nicht in die Tat umsetzen. Sie bleibt bis zum bitteren Ende in sich selbst gefangen.

Dies ist ein Aspekt, den die Inszenierung trotz mancher Schwächen gut verdeutlicht. Juliane Götz stellt am Schluss der Inszenierung eindringlich Emmas Tochter Berthe dar, die ihr tristes und kinderreiches Leben an der Rampe des Theaters vor einem verblüfften Publikum Revue passieren lässt. Axel Vornam ist es auch plastisch gelungen, die einzelnen Szenen geschickt auszublenden. So hat man als Zuschauer das Gefühl, einen Film mit vielen Szenenausschnitten zu betrachten, der sich kaleidoskopartig zu einem Puzzle zusammenfügt. Für die Hauptdarstellerin Juliane Götz gab es am Ende Ovationen. Von ihr wird man sicherlich noch viel hören, sie war in Heilbronn schon als wandlungsfähige Prinzessin in „König Drosselbart“ zu erleben. Axel Vornam ist es hier als Regisseur jedenfalls weitgehend gelungen, Gustave Flauberts berühmten Roman für die heutige Gegenwart aufzufrischen.  

 

ALEXANDER WALTHER

 

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