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HEILBRONN: DON PASQUALE oder Verwirrungen beim Zahnarzt. Gastspiel Gärtnerplatz München

24.01.2015 | Allgemein, Oper

Don Pasquale im Theater Heilbronn . VERWIRRUNGEN BEIM ZAHNARZT

Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ als Premiere des Staatstheaters am Gärtnerplatz München im Theater Heilbronn am 23. Januar 2015

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Isaac Galan, Marco Filippo Girolami, Sophie Mitterhuber, Alessandro Luciano. Foto: Theater Heilbronn

Brigitte Fassbaender
inszeniert diese komische Oper Donizetts als beissende Satire, bei der die Zahnarztpraxis des von Isaac Galan mit sonorem Bariton gesungenen Doktors Malatesta rasch zum Folterstudio für den gesanglich äusserst wandlungsfähigen Bassisten Marco Filippo Romano wird, der dem Don Pasquale eine höchst komödiantische Aura verleiht. Als reicher und geiziger Junggeselle will er sich auf seine alten Tage eine Frau nehmen. Und auf einer sich stets verändernden Bühne (Bettina Munzer, die auch für die Kostüme verantwortlich ist) beschreibt Brigitte Fassbaender temperamentvoll die unaufhaltsame Entwicklung, an deren Ende Don Pasquale zum Trottel und von den Protagonisten mit Faschingsuntensilien beworfen wird. Sehr gut wird hier herausgestellt, wie es dem perfiden Doktor Malatesta schließlich mit spitzbübischer Raffinesse gelingt, dem notorischen Eigenbrötler die junge Norina (ausgezeichnet: Sophie Mitterhuber) aufzuschwatzen, der der alte Schwerenöter schließlich rettungslos verfällt. Vom Himmel scheint immer wieder ein kleiner Engel als Putte herabzuschweben, der Don Pasquale in der höchsten Not trösten will. Zunächst möchte Don Pasquale seinen Neffen Ernesto (ein exzellenter Tenor: Alessandro Luciano) mit einer reichen Dame verkuppeln, damit ihm dieser nicht mehr auf der Tasche liegt. Dann jedoch gelingt es Doktor Malatesta, dem alten Geizhals ein Schnippchen zu schlagen. Er schlägt ihm seine Schwester Sofronia als Braut vor, hinter der sich allerdings Norina verbirgt. Wie sich Norina nach der Blitzhochzeit mit Don Pasquale in eine Furie verwandelt, stellt Brigitte Fassbaender in einem köstlichen Verwirrspiel grell heraus. Dieses Problem spitzt sich durch Norinas maßlose Geldausgaben immer mehr zu, wobei sich die Perspektiven des Bühnenbildes ständig verändern. Da tritt zwischen einem Pflanzen-Ambiente plötzlich ein leibhaftiger Ritter in Silberrüstung herein, wobei man nie weiß, wer sich dahinter verbirgt. Norina hat im Hause des mittlerweile verzweifelten Don Pasquale immer mehr die Hosen an, sie trägt Männerkleidung. Marco Filippo Romanos Leid als ausser sich geratener Don Pasquale explodiert in Brigitte Fassbaenders Inszenierung geradezu, er scheint das Bühnenbild in einem maßlosen Wutanfall aus den Angeln heben zu wollen. Schließlich überrascht der Gefoppte Norina und Ernesto sogar noch beim Ehebruch, was das Fass überlaufen lässt. Don Pasquales Scheidung von Norina folgt die Versöhnung, denn er erkennt jetzt, dass Norina und Ernesto als Paar wie füreinander geschaffen sind. Er muss auch begreifen, dass Norina und Sofronia dieselbe Person sind. So ist er letztendlich von seinem Leiden geheilt. Und das Motto lautet: „Heirate im Alter nicht“.

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Foto: Theater Heilbronn

Brigitte Fassbaenders schlüssige Inszenierung besticht immer wieder durch den reichen Perspektivwechsel, wobei die seltsame Gesellschaft im Rom des 18. Jahrhunderts einmal sogar als Trauerzug persifliert wird, der in Nebelschwaden geheimnisvoll über die Bühne zieht. Das unrühmliche Ende von Don Pasquales Ehe wird so auf skurrile Art und Weise angedeutet – rechts oben befindet sich das Ehebett, wo Doktor Malatesta seine Intrigen spinnt. Die emotionalen Wechselbäder zwischen Don Pasquale und Ernesto arbeitet Brigitte Fassbaender glänzend heraus. Sie betont zwar den Geist der Commedia dell’arte, unterstreicht aber auch die Tiefgründigkeit der Handlung. Man begreift als Zuschauer, dass es sich hier um wahrhaft Liebende handelt. Einzig Doktor Malatesta ist nur durchtrieben und zwielichtig. Alle Protagonisten haben bei dieser Inszenierung ein reiches Innenleben. Man stellt bei der Aufführung rasch fest, dass Brigitte Fassbaender selbst Sängerin ist, denn sie versteht es hervorragend, für Sängerinnen und Sänger zu inszenieren und diesen auf der Bühne Leben zu geben. Die erheblichen Verletzungen, die die handelnden Personen einander zufügen, treten wiederholt in den Mittelpunkt. Wie schwer die Wechselbäder dieses komplizierten Gefühlslebens aber zu verkraften sind, zeigt sich hier immer deutlicher. Don Pasquales zweiter Frühling hält bis zum Ende des zweiten Aktes an, als Norina endlich die Karten auf den Tisch legt. Doktor Malatesta erscheint als gnadenloser Sadist, der sein perfides Spiel geradezu sinnlich genießt.

Auch musikalisch kann diese gute Inszenierung rasch für sich einnehmen. Marco Comin dirigiert Chor und Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz München wie aus einem Guss. Die Verflechtung des italienischen Melos mit den rhythmischen Raffinessen der französischen Opera comique gelingen vortrefflich. Besonders die Wiener Walzerfreudigkeit hat es Marco Comin angetan, er betont sie mit dem Orchester sehr delikat. Norinas Koloraturfeuerwerk bei der Arie „O diese Glut in Blicken“ zeigt die aussergewöhnlichen stimmlichen Qualitäten von Sophie Mitterhuber, die auch beim Richard-Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen in „Intermezzo“ aufgetreten ist. Sphärenhafte Elemente untersteicht Marco Comin ferner bei der Serenade des Schlussbildes „O süße Nacht“, wo sich mediterraner Klangzauber wirkungsvoll entfalten kann. Gitarre und baskische Trommel begleiten das Ganze mit diskretem Humor. Ein weiter Höhepunkt dieser exzellenten Aufführung ist der Dienerchor im dritten Akt, wo das Ensemble ganz aus sich herausgeht. Das Klarinettensolo in der Ouvertüre sprüht vor Witz und Charme. Christa Schneider verleiht dem Notar eine bissig-pedantische Note. Den heiteren Strom des Wohllautes, den der berühmte Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick einst feststellte, kann man jedenfalls deutlich heraushören. Der melodische Fluss und die abgerundete Form mitsamt der ausdrucksvollen Charakteristik geraten harmonisch nie aus den Fugen. Und der häufige Wechsel der Tongeschlechter mitsamt den reizvollen chromatischen Figurationen, Girlanden und Arabesken entzünden auch beim fulminanten Sängerensemble glühend-blitzende Funken. Schwirrende Tonraketen und berührender Belcanto-Zauber triumphieren.    

 Alexander Walther      

 

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