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HEIDELBERG: Theaterzelt: DER TAUSENJÄHRIGE POSTEN

09.05.2012 | KRITIKEN, Oper

Heidelberg Theaterzelt: Schubert: Der tausendjährige Posten, am 8.5.2012

Das Theater Heidelberg befindet sich trotz den schwierigen räumlichen Interimszeiten in einem sehr guten Zustand. Nun zeigt man ein Pasticcio aus zwei Schubertschen Singspielen (Der vierjährige Posten und Die Zwillingsbrüder), die mit einem völlig anderen Sujet collagiert werden. Es wird der reale Fall eines SS-Sturmführers, der nach dem Weltkrieg einen Identitätswechsel vornahm und es bis zu seiner Enttarnung zum Literaturprofessor brachte, vorgestellt. Irene Dische und Elfriede Jelinek liefern das Libretto, dem es zwar nicht an feiner Ironie, jedoch an dramatischer Kraft fehlt. Zu fern ist Schuberts manchmal harmlose Musik den neuen Texten, sodass sich ein runder Abend nicht recht einstellen will.

Gute Unterhaltung aber wird geboten. Das Sujet als lächerliche Farce zeigt Regisseurin ANDREA SCHWALBACH. ANNE NEUSER liefert viel 50iger-Jahre Ausstattung. Das Professorenehepaar wird gedoppelt mit Schauspieler und Sänger und dadurch ergeben sich skurrile Situationen. Dennoch wird man nicht recht warm, da sich Stück und Aufführung nicht wirklich zu einer Haltung bekennen, und jede politische Schärfe vermieden oder karikiert wird. Wenn dann der Kollege/ Liebhaber noch aus Sibirien im Fellmantel kommt, kippt das Werk ins Beliebige ab. Man muss eben alle Musiknummern Schuberts integrieren. Herrlich sind die vielen kleinen Zitate aus Schuberts Oeuvre in flüchtiger A-Capella Manier. Das Heidelberger Orchester zeigt sich in launiger Frische unter der luftigen Stabführung DIETGER HOLMs. Gesungen wird in der weitläufigen Akustik des Theaterzeltes rundweg gut.

Stimmlich sehr versiert ist HYE-SUNG NA als Lieschen, die von der prächtigen Schauspielerin CHRISTINA DOM gedoubelt wird. WINFRIED MIKUS als Prof. Schall hat einen mühelosen Tenor, den er manchmal etwas präsenter demonstrieren könnte. So bleibt das szenische Zentrum eher sein schaupielerndes Alter Ego DIETMAR NIEDER. Mit schimmernd-einnehmendem Timbre zeigt FRANZ SCHLECHT (Prof. Spiess) baritonale Vielseitigkeit, während WILFRIED STABER als Journalist mit raumfüllender Bassgröße aufwarten kann. MICHAEL ZAHN bringt sich ensembledienlich als Prof. Schulze ein. Szenisch stark eingebunden mit vielen heiteren Details ist der Chor und Extrachor unter Leitung JAN SCHWEIGERs.

Ein ambitionierter Versuch, Schauspiel und Oper zu verschmelzen, gelingt auf Grund der Stückvorlage nur teilweise. Die Aufführung zeigt aber die Leistungsfähigkeit des Heidelberger Theaters. Das schüttere Auditorium dankt es mit herzlicher Zustimmung

Damian Kern

 

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