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HANNOVER: DIE TEUFEL VON LOUDUN von Krzysztof Penderecki

05.04.2012 | KRITIKEN, Oper

Packender Opernabend in der Staatsoper Hannover: „Die Teufel von Loudun“ von Krzysztof Penderecki (Vorstellung: 4. 4. 2012)


Die extrem drastische Inszenierung der „Teufel von Loudun“ in Hannover bot dem Publikum eindrucksvolle Bilder (Foto: Thomas M. Jauk)

Die nicht allzu oft gespielte Oper „Die Teufel von Loudun“ von Krzysztof Penderecki, die im Jahr 1969 als Auftragswerk der Hamburgischen Staatsoper entstand, erlebte in der Staatsoper Hannover in einer packenden, aber dennoch zwiespältigen Inszenierung eine Renaissance. Die Handlung der Oper basiert auf einen historischen Prozess, der 1634 gegen den Priester Urbain Grandier geführt wurde und der in ganz Europa Aufsehen erregte. 1952 schrieb der britische Dichter Aldous Huxley seinen Roman The Devils of Loudun, der ein brodelndes Amalgam aus politischer Intrige und exorzistischer Hysterie darstellt, das den 1933 geborenen polnischen Komponisten zu seiner Oper inspirierte – wohl auch im Hintergrund seiner Biographie, hatte er doch die Schrecken des Nationalsozialismus mit politischer Hexenjagd hautnah miterlebt.

 Das Libretto verfasste der Komponist nach Huxleys Roman und der Dramatisierung von John Whiting unter Benutzung der deutschen Übertragung des Dramas von Erich Fried, wobei er das Motto des Kirchenlehrers St. Chrysostomos – „Dem Teufel ist nicht zu glauben, wenn er auch die Wahrheit spricht.“ – seinem Werk voranstellt. Die Handlung der 30 Szenen, welche die zweifelhafte Doppelmoral des religiösen Fanatismus pointiert, in Kurzfassung: In einer nächtlichen Vision sieht Jeanne des Anges, die Priorin des Ursulinenklosters von Loudun, den Pfarrer des Ortes, Urbain Grandier, auf dem Scheiterhaufen und hat in ihren Wahnvorstellungen erotische Phantasien, die sie mit ihm auslebt. Da Grandier tatsächlich keine moralisch reine Weste besitzt, sondern Affären mit der jungen Witwe Ninon und dem Mädchen Philippe hat, fallen Jeannes Visionen auf nahrhaften Boden. Grandiers Feinde, zu denen auch Kardinal Richelieu gehört, nutzen Jeannes Phantasien für eine Intrige, um den politisch unbequemen Pfarrer zu verfolgen. Ein Schauprozess gegen ihn nimmt in kürzester Zeit hysterische Ausmaße an: Jeanne und andere Nonnen des Klosters werden als vom Teufel Besessene stigmatisiert und exorzistischen Riten unterworfen, während Grandier in der Haft brutal gefoltert wird. Obwohl ihm kein Geständnis abzuringen ist, werden Jeannes Visionen wahr: Grandier wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Allerdings nicht in der sehr drastischen und oft brutalen Inszenierung von Balázs Kovalik, in der Grandier nach extremen Folterungen in einem ausgehöhlten Kreuz von den klerikalen Fanatikern mit Beton zu Tode gebracht wird. Zwar erreichte der Regisseur in vielen Szenen eine atmosphärische Dichte von großer Intensität, doch seine Idee, die Phantasien von Jeanne in einem Metallcontainer in Schaukastenformat darzustellen, verursachte durch die extrem kitschigen Bilder bei vielen Damen im Publikum bloß Gelächter.

In Florian Parbs hatte der Regisseur einen kongenialen Partner, der auf die Bühne mehrere stählerne Gerüste stellte, die zur Verstärkung der Dramaturgie beitrugen. Dazu ein aufschlussreiches Zitat von ihm aus dem sehr informativ gestalteten Programmheft: „Ein Gerüst verknüpft verschiedene Elemente und fasst gleichermaßen ein. Das Bild eines Gehirns ist dafür nicht abwegig, mit seinen sich gegenseitig beeinflussenden Teilen. In der Umsetzung interessiert mich vor allem, wie man aus heutigem architektonischem Material ein Bild herstellen kann, welches plötzlich in eine andere Bedeutungsebene übergeht. Das Gerüst bedeutet bei uns daher sehr viel mehr als nur eine Baustelle.“

So präsentierte sich der größte Teil der Bühne eben wie eine Baustelle, auf der sich viele  Bauarbeiter mit Helmen und Werkzeugkoffern tummelten, eine rote Betonmischmaschine immer stärker in den Vordergrund rückte, bis am Schluss der zum Tod verurteilte Priester mit Beton zugeschüttet wird. Da diese Inszenierung in die heutige Zeit verlegt wurde, werden die Nonnen während ihrer Massenhysterie mit einer Kamera fotografiert und ein Laptop wird herumgetragen.

Angelika Höckner entwarf Kostüme der Jetztzeit, bei denen das Kardinalsrot bei den Nonnen und Priestern, aber auch bei den Büstenhaltern der weiblichen Bevölkerung Louduns, die sich zu entkleiden beginnt, als eine kollektive Hysterie ausbricht, als treffliche „Reizfarbe“ wirkte.

Aus der großen Besetzung, die Pendereckis Oper erfordert, stachen die Darsteller der beiden Hauptrollen besonders heraus. Die georgische Mezzosopranistin Khatuna Mikaberidze bot als Priorin Jeanne sowohl stimmlich wie schauspielerisch eine bemerkenswerte Leistung. Wie sie ihre verdrängten Sehnsüchte und sexuellen Wünsche sowie ihre Wahnsinnsphantasien über den Priester, dem sie noch nie begegnet war und den sie dennoch beschuldigte, als Teufel in sie gefahren zu sein, auch mimisch ausdrückte, war so packend und eindringlich, dass einem der Atem stockte. Aber auch ihre hysterischen Ausbrüche, die an ihre Stimme höchste Anforderungen stellten, waren von selten gehörter Wirkung.

 Darstellerisch nicht minder beeindruckend der amerikanische Bariton Brian Davis als Priester Grandier, der schon durch seine männliche Erscheinung Wirkung auf Frauen erzielt und diese auch auszuspielen versteht. Dass er sich als charismatischer Prediger und durch seine politische Haltung Feinde macht, wird ihm schließlich zum Verhängnis. Stimmlich wusste er besonders in den Schlussszenen, als er trotz allen Folterungen zu keinem Geständnis bereit ist, zu glänzen.

 Aus dem großen Ensemble sind die beiden Bässe Tobias Schabel als grausamer Teufelsaustreiber Vater Barré und Albert Pesendorfer als Vater Rangier sowie der Tenor Latchezar Pravtchev in der Rolle des Baron de Laubardemont hervorzuheben. Die Mezzosopranistin Mareike Morr gab ein verführerische Witwe Ninon, die Sopranistin Ina Yoshikawa das junge, von Grandier geschwängerte Mädchen Philippe. Als Bürgermeister d’Armagnac konnte der Tenor Roland Wagenführer stimmlich und darstellerisch gefallen – ebenso wie der Bariton Christopher Tonkin als Prinz Henri de Condé, der als Gesandter des Königs die Besessenheit der Nonnen – von den Mezzosopranistinnen Neele Kramer und Julie-Marie Sundal sowie von der Sopranistin Ania Vegry vorzüglich dargestellt – als Betrug entlarvt.

 Dem Chor der Staatsoper Hannover (Einstudierung: Dan Ratiu) kam in vielen Szenen, wie beispielsweise bei den orgiastischen Exzessen der Ursulinerinnen und bei der Massenhysterie der Bevölkerung von Loudun, eine Hauptrolle zu, die er stimmlich und darstellerisch gut bewältigte, wobei er des Öfteren nur Töne und Laute wiederzugeben hatte.

 Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover gab unter der Leitung von Stefan Klingele (welch „sprechender“ Name für einen Dirigenten!) die expressiven und gregorianisch gefärbten Klangwelten der Partitur auf so radikale Art und Weise wieder, dass man meinen könnte, die Hexenjagd auf der Bühne hätte auch auf den Orchestergraben übergegriffen.

 Die von der Aufführung zum Teil betroffen reagierenden Zuschauerinnen und Zuschauer spendeten dem Sängerensemble sowie dem Dirigenten und seinem Orchester am Schluss minutenlang Beifall. Khatuna Mikaberidze und Brian Davis, die Darsteller von Jeanne und Grandier, wurden verdientermaßen mit Bravorufen bedacht. Während sie dem Publikum  angedeutete Küsse zuwarf, dankte er mit dem Kreuzzeichen!

 Udo Pacolt, Wien – München

 

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