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HAMBURG/ Staatsoper: DIE WALKÜRE – Gediegenes Repertoire mit Jennifer Holloway als sensationeller Sieglinde

Die Walküre_4 (C)Monika Rittershaus
Foto (aus einer früheren Aufführung): Monika Rittershaus

HAMBURG / Staatsoper: DIE WALKÜRE, 7.1.2018

Gediegenes Repertoire mit Jennifer Holloway als sensationeller Sieglinde

Dreimal steht sie auf dem Programm der Hamburger Staatsoper, „Die Walküre“ aus der Hamburger Ring-Inszenierung 2008-2010 von Claus Guth (7., 14. und 20.1.2018). Nach Simone Young setzt nun Kent Nagano mit wohl überlegtem dramaturgischem Aufbau schlank und sehnig-muskulös die großartige Partitur in Klang. Teils verlangsamt er wie Barenboim vor allem das Tempo in den monologischen Passagen extrem, das Ende des ersten Aktes oder der Walkürenritt ringen dafür in galoppierender Dynamik Gänsehaut ab. Nicht alles kommt perfekt aus dem Orchestergraben bei dieser ersten Aufführung der Serie, vor allem das Blech erlaubt sich den einen oder anderen Schnitzer. Insgesamt musiziert das Philharmonische Staatsorchester Hamburg aber auf hohem Niveau, ohne je die samt-seidig bis furiose Farbmagie, wie man sie aus Wien oder Bayreuth kennt, zu erreichen.

Im ersten Akt liefern Robert Dean Smith als Siegmund, Jennifer Holloway als Sieglinde und Liang Li als Hunding exemplarischen Wagner-Gesang vom Feinsten. Robert Dean Smith hat enorme Erfahrung mit dieser Rolle und vermag der Gestalt des unglücklichen Wölfing einen großen Reichtum an menschlichen und vokalen Ausdruckfacetten abzuringen. Mit metallisch leuchtenden Höhen und baritonaler Tiefe reiht er sich in die erste Reihe herausragender Siegmund-Interpreten. Der Schwert Monolog und die Todesverkündigung werden zu großen Opernmomente. Desgleichen gelingt Jennifer Holloway mit ihrem bruchlos geführten, echten jugendlich dramatischen Sopran das Kunststück, lyrische Innigkeit und silbern schimmernde Höhen sowie endlose Legatobögen und dramatische Ausbrüchen zu einem großen Bogen zu einen. Edel timbriert sorgt Jennifer Holloway für das größte Hörvergnügen des Abends. Ihr „Oh hehrstes Wunder“ Herrlichste Maid“ bleibt lange im Gedächtnis haften. Liang Li setzt als prolliger Hunding auf dunkles Drohen, die eigentliche Ohnmacht seines Dräuens vom ersten Moment an fühlbar machend.

Wahrscheinlich werden viele Neugierige gekommen sein, um den großen Liedsänger Matthias Goerne in der Rolle des Wotan zu erleben. Von CD und Audio Blu-ray her sind bereits die Mitschnitte des Rheingold und Walküren Wotan sowie sein Siegfried-Wanderer aus dem Hong-Konger Ring unter der musikalischen Leitung von Jaap van Zweden bekannt. Aber die Konserve bietet bekanntlich immer etwas anders als der Live-Eindruck: Matthias Goerne singt den Wotan mit lyrischer Grundierung, besonders im Monolog des zweiten Aktes ist er nicht auf Sprechgesang wie viele seiner Kollegen angewiesen, sondern schöpft aus dem Vollen bei prächtigster Phrasierung und feinstem Legato. Goerne betont eher den gefallenen Patriarchen und gescheiterten Weltenlenker denn den (noch immer) mächtig auftrumpfenden Gott. Allerdings enttäuscht Goerne in den großen Ausbrüchen und im Kampf gegen die Orchesterwogen im dritten Akt. Sein „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie“ ist kaum hörbar. Ähnlich uneinheitlich ist die stimmliche Leistung von Lise Lindström als Brünnhilde. Wenngleich Lindström in ihrer fragilen Mädchenhaftigkeit und großen humanen Attitüde tief berührt, ist sie vom Stimmtypus her keine Hochdramatische. Ihr fehlt es für eine klassische Walküren-Brünnhilde an Volumen und Expansionsfähigkeit, an echter Tiefe und sämiger Mittellage. Dafür wartet Lindström mit einer tollen Höhe und tadellosen Bögen, einer perfekten Artikulation und hoher Bühnenpräsenz auf. Mir persönlich hat sie als Bühnenfigur und in der Art, diese stimmlich zu charakterisieren gut gefallen, was ja auf dem Theater ein wesentliches Kriterium ist. Mihoko Fujimura sang die (wievielte eigentlich schon?) Fricka zickig routiniert und mit großer Stimme. Die in dieser Inszenierung als trotzig schwer erziehbare Gören wild umhertappenden Walküren waren mit Iulia Maria Dan (Helmwige), Helen Kwon (Gerhilde), Gabriele Rossmanith (Ortlinde), Nadezhda Karyazina (Waltraute), Katja Pieweck (Siegrune), Dorottya Láng (Rossweiße), Ann-Breth Solvang (Grimgerde) und Marta Swiderska (Schwertleite) luxuriös und stimmmächtig besetzt. Ein so homogenes Oktett habe ich noch selten erlebt.

Zum Schluss einige Worte zur Regie des Claus Guth und dem potthässlichen Bühnenbild von Christian Schmidt. Der erste Akt spielt in einer Ikea Küchen-Versuchsanordnung. Wotan als mächtiger Dramaturg lenkt die Menschen des Stücks wie Figuren in einer Laborsituation durchs Leben. Natürlich darf er um das Plateau, das im zweiten Akt neonbeleuchtet bedrohlich über Siegmund und Sieglinde hängen wird, bereits im ersten Akt herumwuseln. Eine Küchenzeile, ein Tisch und zwei Sessel, eine Türe, aus der Siegmund dann das Schwert zieht – man denkt es ist der Garderobenhaken – das war’s. Sieglinde serviert Siegmund Bier aus dem Kühlschrank, für die großen Momente der Winterstürme muss ein kalter Scheinwerfer genügen. Der zweite Akt spielt in Wotans kahlem Büro, die Modelle der anderen beiden Akte stehen im Raum verteilt. Brünnhilde steigt durchs jalousienbewehrte Fenster, in einen engen beigen Handwerkerdrillich gezwängt. Im dritten Akt sehen wir einen ausgebombten grauenhaft heruntergekommenen dreckigen Raum in einer Erziehungsanstalt/Irrenhaus. Brünnhilde, Sieglinde und Wotan müssen über eine Leiter nach unten klettern, die hehren Wunschmädchen agieren als vollkommen verwahrloster Trupp auf und mit rollbaren Stockbetten. Der Feuerzauber, der aufgrund einer technischen Panne  – wie schon anlässlich der Premiere  – nur die halbe Bühne einnimmt, flackert armselig dahin. Und wer noch mehr wissen will, wie etwa, wer da noch aller als stummes Personal auftreten darf (u.a. acht gefallenen Helden), lese im Internet die Besprechungen aus den Jahr 2008.

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Copyright: Monika Rittershaus

Diese Inszenierung ist kein wirkliches Ärgernis, sie ist einfach hässlich und banal, das ist das Problem. Wer sich über solches Regietheater noch ärgert, verschwendet seine Energie. Schlimm dabei ist, dass der Operngast in Geiselhaft der “höheren politischen oder psychologischen Einsichten” der Regie genommen wird. Mit der Musik hat die Optik dieser gähnend routinierten Deutung rein gar nichts zu tun. Augen zu und durch heißt also die Devise.

 Dr. Ingobert Waltenberger