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HAMBURG: SALOME – Großer Erfolg in Hamburg mit alter Inszenierung

09.11.2016 | Oper

Großer Erfolg in Hamburg mit alter Inszenierung: „Salome“ von Richard Strauss (Vorstellung: 8. 11. 2016)

Am 9. April 1995 fand an der Staatsoper Hamburg die Premiere von „Salome“ von Richard Strauss in der Inszenierung von Willy Decker statt, die nun am 8. November 2016 ihre 53. Vorstellung erlebte. Es wurde eine Aufführung, die vom Publikum mit minutenlangem Jubel – vor allem für Allison Oakes in der Titelrolle und für Wolfgang Koch als Jochanaan – gefeiert wurde. Doch auch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, das Kent Nagano leitete, wurde am Schluss der Vorstellung mit frenetischem Beifall überschüttet.

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Allison Oakes als Salome auf der riesigen Treppe der Willy Dekker-Inszenierung (Foto: Ralf Brinkhoff / Birgit Mögenburg)

Als sich der Vorhang hob und auf der Bühne nur eine riesige, ineinander verschachtelte Treppe zu sehen war, erinnerte ich mich an die vielen unsäglichen „Treppen-Inszenierungen“, die auch zu Unfällen geführt hatten. Doch die exzellente Personenführung des Regisseurs Willy Decker zog das Publikum bald in seinen Bann. Auszüge aus einer Einführung des Regisseurs, die im Programmheft unter dem Titel „Ein Ort der Kälte“ abgedruckt ist, weisen unter anderem ausführlich auf seine Idee mit der Treppe hin:

„Die Pracht im Palast des Herodes liegt eigentlich hinter der Bühne und ist nicht sichtbar. Die Terrasse, auf der die Oper spielt, ist eher ein Ort der Einsamkeit und Schmucklosigkeit, wo Dinge versteckt sind, die man lieber verdrängt. Es ist ein deprimierender Ort, an dem man sich im allgemeinen nicht gerne aufhält, zu dem man herabsteigt. Daher auch ist die Bühne eine riesige Treppe, denn eine Treppe ist im Grunde kein Ort, sondern ein Weg. Das Gefühl von Haltlosigkeit, keinen klaren Boden unter den Füßen zu haben, beschreibt für mich die Grundsituation des Stücks. Wir befinden uns in einer Welt des Übergangs, der Dekadenz – und dieses Wort bedeutet ursprünglich Abstieg. Es geht ein Riss durch diese Welt, und im Zentrum des Risses sitzt Jochanaan, verdrängt und unberührt, dessen Worte die Herodes-Welt zum Einstürzen bringen.“

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Salome (Allison Oakes) und Jochanaan (Wolfgang Koch mit übermächtigem Schatten)
Foto: Ralf Brinkhoff / Birgit Mögenburg

Das Gefühl, keinen klaren Boden unter den Füßen zu haben, merkte man manchem Darsteller in der Aufführung an, nicht aber der britischen Sopranistin Allison Oakes, die als Salome mit einer unglaublich leichtfüßigen Art über die Treppen huschte und dabei noch erotisch wirkte. Sie hatte in fast jeder Szene eine lasziv-sinnliche Ausstrahlung – auch im „Tanz der sieben Schleier“, obwohl sie nicht einen einzigen abwarf. In ihrem engen weißen Kleid, das nur ab den Knien weitgeschnitten war, schwebte sie auf verführerische Art über die Stufen der Treppe und sang ihre Partie makellos in den höchsten Tönen. In der letzten Szene platzierte sie den abgeschlagenen Kopf des Jochanaan oberhalb seines dunklen Mantels, auf dem sie sich bäuchlings niederließ, um triumphierend mit hoher Stimme „ich küsse deinen Mund, Jochanaan“ zu singen. Eine großartige Schluss-Szene, bei der dem Publikum der Atem stockte – ehe es in einen offenbar befreienden Jubel ausbrach, als der Vorhang fiel.

Die Vorstellung begann anfangs zurückhaltend, man hörte die Sänger kaum, doch im Laufe des Abends brillierte das Sängerensemble stimmlich immer stärker. Neben Allison Oakes als Salome vor allem der Bariton Wolfgang Koch als Jochanaan, der seine Rolle mit enormer Bühnenausstrahlung spielte und exzellent sang. Ebenso überzeugend waren der Tenor Jürgen Sacher als Herodes und die koreanische Koloratursopranistin Hellen Kwon in der Rolle der Herodias. Zu nennen sind auch der turkmenische Tenor Dovlet Nurgeldiyev als Narraboth und die polnische Mezzosopranistin Marta Swiderska als Page.

Erwähnenswert die kreative Lichtgestaltung durch Manfred Voss, die besonders in der Szene wirkte, als Jochanaan die Treppe betritt und sein Schatten übermächtig an der Wand alles überstrahlt.

Brillant das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, das unter der Leitung von Kent Nagano alle Feinheiten der schillernden und reizvollen, oft sinnlichen Partitur von Richard Strauss, der das Libretto nach dem gleichnamigen Drama von Oscar Wilde selbst verfasst hatte, zum Besten gab. „War das ein herrlicher Ohrenschmaus“, bemerkte meine Hamburger Sitznachbarin zu mir nach der Vorstellung. Ich konnte ihr nur zustimmen.

Udo Pacolt

 

 

 

 

 

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