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HALLE: SIEGFRIED – Premiere

29.04.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Opernhaus HALLE: SIEGFRIED von Richard Wagner. Premiere am 28.04.2012


Andreas Schager als Siegfried. Foto: Gert Kiermeyer

Eine Allegorie auf die (Un-)Freiheit

Was bedeutet Freiheit? Bin ich frei? – Diese Fragen begleiten mich beim Verlassen des Opernhauses am  Premierenabend. Die Koproduktion mit dem Theater im Pfalzbau Ludwigshafen unter der szenischen Leitung von Hansgünther Heyme zeigt keine Welt der Riesen, Götter und Alben. Nein – vielmehr werden Menschen gezeigt, die örtlich im Nirgendwo und vor allem in sich selbst gefangen sind.

Ist Mime ein freier Mensch? Nein – aber nach der Deutung von Heyme könnte er sein. Sein Mime ist nicht der böse, vor Machtlust geiferende  Albe. Er ist zunächst einmal ein Charakter, getrieben von Angst, etwa wenn er auf seinem Kontroll- und Schaltturm im ersten Aufzug sitzend sinniert und wacht. Er ist aber auch der treu ergebene Mime, der – wenn auch damit überfordert – Siegfried großgezogen und genährt hat. Dass Mime seinen Ziehsohn vergiften will, ist weniger seinen bösen Anlagen als seiner Angst ums eigene Überleben und Wotans Intrige geschuldet. Mime könnte den „Ring“ verlassen, indem er sich der Vorhersehung Wotans entziehen würde – doch fehlt ihm die Kraft und der Glauben an die eigene Stärke, diesen steinigen Weg gehen zu können.

Ist Wotan frei? Nein – er ist der Unfreiste von allen. Er ist Gefangener der eigenen Arroganz, des Glaubens an die eigene Überlegenheit und der Kraft des Wollens. Planvoll zieht Wotan im zweiten Aufzug als Wanderer die Stoffkulissen für Siegfried, um den benötigten Helden zu kreieren, verkennt aber damit, dass er nur einen zweiten Wotan heranzieht.

Ist Siegfried frei? Nein – auch Siegfried ist in der Inszenierung Heymes nicht frei. Zwar wird seine charakterliche Reifung im dritten Teil des Rings noch nicht abgeschlossen sein – doch wird der Hang zu Arroganz und naiver Unbedachtheit bereits deutlich – schon der Umgang mit Mime zeigt dies. Siegfried bleibt der kraftstrotzerisch-pubertierende Held. Lediglich in den Begegnungen mit der Weiblichkeit kann Siegfried all dies ablegen, innehalten und seine Sehnsüchte offenbaren.

Auch Alberich (nach dem Ring und dem Sieg über Wotan gierend), Fafner (sich nach dem Tod sehnend) und Erda (in Passivität verharrend) bleiben in sich gefangen, fern jeglicher Weiterentwicklung.

Die räumliche Unfreiheit wird wie auch im Rheingold durch eine Matrix stilisiert: Die Figuren sind limitiert durch eine große schwarze Wand mit unzählbar vielen mit Zahlen- und Buchstaben codierten Kästen. Die Matrix gebiert (etwa die Erdafigur im Rheingold), die Matrix nimmt (beispielsweise wenn die zwei Geishas erscheinen, um die Schuhe und Habseligkeiten des erstochen Mime wieder in die schwarze Zahlen- und Buchstabenmasse zu verbringen).

Ist Brünnhilde frei? Zunächst wird sie von Siegfried aus dem Schlaf befreit. Sie zeigt sich freudig aber auch hadernd, ob ihres Statusverlustes: Sie ist „nur“ noch Frau. Aber sie nimmt dies und ihre Liebe zu Siegfried an – auch im Wissen, dass dies die Konsequenz ihrer eigenen Entscheidung ist, war Sie es, die entgegen der Weisung Wotans Siegmund und Sieglinde im Kampf gegen Hunding geschützt hat. Ja – Brünnhilde ist frei, sie wird frei sein, weil sie in der Lage ist, Verantwortung für ihr Handeln und ihre Umwelt zu übernehmen.

Die szenische Deutung von Heyme ist stark und glaubhaft, weil sie die Charaktere in ihrer Menschlichkeit zeigt, die Figuren bleiben in ihrem Handeln authentisch. Heyme karikiert nicht. Er fokussiert die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die Figuren, nicht auf Umgebung. Entsprechend vollzieht sich Handlung zeitlich als auch räumlich unbestimmt. Heyme bedient sich moderner (etwa die Matrix) und zugleich tradierter (beispielsweise die bemalten Kulissenvorhänge im zweiten Aufzug) Elemente. Die Kostüme erinnern an Bühnenoutfits der zwanziger Jahre, geben damit einen Hinweis, lassen aber dennoch eine eindeutige zeitliche Zuordnung nicht zu. Dadurch entsteht letztlich eine spannende Allegorie zur (Un-)Freiheit.

Auch musikalisch überzeugt diese Produktion. Das Hallische Orchester zeigt sich bestens für diesen Siegfried präpariert. Hans-Peter Steffens (musikalische Leitung) beginnt den ersten Aufzug transparent und klar. Er entlockt dem Orchester in der Begegnung Alberich/Wanderer schon fast kammermusikalische Töne. Gleichwohl beweist er, dass er das Gefühl für die dramatischen und wuchtigen Teile der Partitur besitzt. Dies stellt er im besonderen Maße zu Beginn der Brünnhildenerweckung unter Beweis: Steffens lässt die Sonne in einem derartigen orchestralen Glanz aufgehen, der mich für einen Moment völlig in der Musik aufgehen ließ. Steffens ist zudem ein verlässlicher Begleiter der Sänger, die an diesem Abend ebenfalls überwiegend Großartiges leisten.

Dies gilt allem voran für Andreas Schager als Siegfried und Ralph Ertel als Mime. Andreas Schager gibt am Premierenabend sein Rollendebut als Siegfried. Die Partie ist ihm auf den Leib geschrieben. Strahlend und jugendlich erklingt sein Tenor. Er weiß sowohl in den dramatischen als auch in den lyrischen Passagen zu überzeugen. Protzend und nach Aufruhr gierend erklingen die Nothungrufe im ersten Aufzug, ganz warm und innig, fast zerbrechlich das Sehnen nach seiner Mutter. Er ist ein jugendlicher Dandy, der neben seiner vokalen Interpretation auch optisch und darstellerisch dem ungestümen Helden entspricht. Kleinere Textverdreher versinken bei dieser intensiven Darstellung in Bedeutungslosigkeit.

Auf gleichem Niveau verkörpert Ralph Ertel den Mime. Er verfügt über eine besondere Textverständlichkeit: Jedes einzelne Wort ist deutlich artikuliert und wunderbar nuanciert gesungen. Die Stärke der Interpretation Ertels liegt in der Natürlichkeit. Seine vokale Darstellung ist nie überzeichnet, was mit dem szenischen Ansatz der Figur in Übereinstimmung steht. Erst am Ende des zweiten Aufzugs lässt Ertel seinen Mime auch stimmlich zur hässlich abstoßenden Albenfigur werden. Gérad Kim als Wanderer verfügt an sich über einen wohlklingenden, erdig timbrierten Bariton. Jedoch vermag er das Herrschende, die Überlegenheit seiner Figur nicht in seine vokale Darstellung aufzunehmen. Besonders in der Begegnung mit Erda im dritten Teil mangelte es an dieser stimmlichen Dominanz. Deborah Humble als Erda zeigte eine warme Tiefe und eine dramatische Höhe. Sie bewältigte ihren wenn auch nur kurzen Auftritt als alterndes Showgirl mühelos. So ganz durchdrang mich ihre Stimme an diesem Abend jedoch nicht.

Wie schon in der Walküre wird die Brünnhildenfigur von Lisa Livingston gesungen. Sie macht ihre Sache ordentlich. Mir fehlte jedoch die Jugend und der stählerne Glanz in ihrer Stimme. Dies fiel umso mehr auf, als dass ihr mit Andres Schager ein perfekter Siegfried zur Seite stand. Ihre darstellerische Leistung überzeugte dagegen und  gerade die weibliche Scheu vor der Vereinigung mit Siegfried als ihr zentrales Charakteristikum im „Siegfried“ stellt sie in völliger Natürlichkeit dar. Die Premierenbesetzung wird durch Ines Lex als schönzwitschernden Waldvogel, Gerd Vogel ältlich geifernden Alberich und Christoph Stegemann als wenig präsenten Fafner ergänzt.

Retrospektiv betrachtet war dies – auch unter Berücksichtigung der kleinen Kritikpunkte – ein wundervoller, rundum gelungener Abend. Ring – 2013 – Halle: Ich bin dabei.

Tom Karl Soller

 

 

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