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HALLE: GÖTTERDÄMMERUNG

10.03.2013 | KRITIKEN, Oper

HALLE: GÖTTERDÄMMERUNG“ – 9.3. 2013

Während die Regie hier eine klare Linie vermissen ließ, lebte auch diese Aufführung von den Sängern und der orchestralen Wiedergabe – ein paar Einschränkungen dort wie da mindern den positiven Gesamteindruck nicht erheblich.

Hansgünther Heyme scheint vor allem Probleme mit der Chorführung und dessen Kostümierung gehabt zu haben. Zu willkürlich ist die Ausstaffierung der Gibichsmannen mit verschiedenfarbigen Schirmkäppchen und einer Art Sportjacken, zu gewollt modisch die der Damen mit engen Röcken und wenig kleidsamen braunen Seidenblusen, noch weniger einleuchtend deren maskenhaft und vor allem hässlich verschminkte Gesichter und unvorteilhafte Perücken.

Blass und unentschieden erscheinen und bewegen sich die Gruppen. Was der Regisseur diesen Personen damit vorwerfen will, wollte sich mir nicht erschließen. Dass sie manipulierbar sind? Ein alter Hut. Sozialkritik am falschen – mittelalterlichen – Objekt. Es handelt sich um Vasallentreue. Und die ist komponiert! „Heil dir Gunther!“ lässt keine Hintergedanken zu. Gesanglich kam das auch genau richtig und ganz prächtig zum Ausdruck. Ein großes Lob an Chordirektor Jens Petereit für die prägnante Einstudierung des relativ klein besetzten Ensembles!

Gott sei Dank ist die Charakterisierung der Hauptpersonen werkgetreu geblieben. Lisa Livingston ist nicht die erste Sängerin der Brünnhilde, die hier ihr volles Potential entfalten und, mehr als in den vorhergehenden „Ring“-Opern, in jeder Beziehung überzeugen konnte. Da passte alles: die große, stattliche Erscheinung, Kleid und Maske sympathisch und repräsentativ, und vor allem die große Stimme mit geradezu opulenter Tiefe und Mittellage, aber auch sicher ansprechender und vor allem ausdrucksstarker Höhe. Jubel, Schmerz, Verzweiflung und die großformatige finale Selbstopferung wurden vokal und im vehementen darstellerischen Einsatz ergreifend gestaltet. Total unschuldig durfte auch Andreas Schager den Siegfried porträtieren. Das ist ein tenoraler Heldentyp, der nicht nur souverän die hohen Töne singt, sondern geradezu in der Höhe lebt! Hohes C inbegriffen. Ein Siegfried, der an sich glaubt und dem man auch seine Spontanreaktionen fraglos abnimmt. „Ha, schönstes Weib!“, seine Begeisterung für die Blutsbrüderschaft, für die Fahrt zum Brünnhildenfels, „Trink, Gunther, trink!“ Er springt auf der Bühne umher, lacht in die Gegend, dreht sich vor purer Lebenslust im Kreise und geht so natürlich vollkommen arglos dem Hagen in die Falle. Und ist figürlich ein Olympia-Kandidat…Bemerkenswert auch noch, wie er in der Verkleidung als Gunther so total die Stimme verstellt, dass sie wirklich wie dessen Bariton klingt. Relativ nüchtern wirkt Siegfrieds Sterben – da fehlt noch die Transzendenz. Dass der Regisseur ihm irgendwelche Blumenblätter zerpflücken und zu Boden fallen lässt, war dabei wenig hilfreich.

Frühalt, fahl und bleich“ war der Hagen von Christoph Stegemann keineswegs. So mancher junge Bass vor ihm hatte damit Probleme. Da wir das wahre Alter von Alberichs Sohn nicht kennen, muss man wohl auch akzeptieren, dass dessen Stimmkraft noch wachsen muss. Er sang seinen Part anständig und war klug genug, Chor und Orchester im 2. Akt nicht unbedingt überbrüllen zu wollen. Großartig war Bernd Vogel in der Doppelrolle als Gunther und Alberich, beide Male eine Autorität mit menschlichen Zügen, die Mitgefühl möglich machten. So auch die schönstimmige, herzlich in Siegfried verliebte, aparte junge Gutrune von Anke Berndt, die ebenfalls jugendliche Lebensfreude ausstrahlte. Mit viel Stimmkraft und Leidenschaft waltete auch Gundula Hintz (auch 2.Norn) ihres mahnenden Amtes als Waltraute, sodass in dieser Szene kein szenischer Leerlauf entstand. Ceri Williams und Romelia Lichtenstein sekundierten ihr wortdeutlich in attraktiven Glitzerkleidern (rot, blau, grün) als Fäden spinnende Schicksalsfrauen. Vom Gesang der Rheinmädchen (Ines Lex, Melanie Hirsch, Sandra Maxheimer) lenkten die doppelten Gesichter (die hässlich geschminkten eigenen und die seitlich am Kopf haftenden weißen Masken) ab. Schade! Zwiegesichtige Figuren? Ich würde sagen: Da hat ein Regisseur wieder einmal zu weit gedacht…lch hätte mir an Siegfrieds Stelle von denen jedenfalls auch nichts sagen lassen.

Vieles in dieser Inszenierung begreift man nur, wenn man den gesamten „Ring“ gesehen hat, klärte mich mein Regensburger Merker-Kollege auf. Ich unterlasse daher detaillierte Auseinandersetzungen mit den diversen Aktionen im 3. Akt. Das schon im 1.Akt Siegfrieds und Brünnhildes Domizil umbrennende Feuer, das auch die Schlussszene erleuchtet, möchte ich aber lobend erwähnen. Sonst passiert da nichts optisch sonderlich Eindrucksvolles.

Die Vordergründigkeit, mit der im handlungsreichen „Siegfried“ musiziert wurde, reichte als Gestaltungsprinzip für die komplexere „Götterdämmerung“ doch nicht ganz aus. Da vermochte Karl-Heinz Steffens die Spannungsbögen über ganze Szenen und Akte nicht durchzuziehen. Es klang oft nach „Taktschlagen“, ohne dass eine persönliche Klanggestaltung vernehmbar war. Sogar in Wagners so konzentriertem Mittelakt gab es ein paar Lücken, denen allerdings von der Szene her auch nicht entgegengesteuert wurde. Dass Steffens Generalpausen gern überdehnt, war mir schon im „Siegfried“ aufgefallen (z.B. nach „Weißt du, was Wotan will?“ riss einfach der musikalische Faden ab). Die Sänger wurden jedoch gut betreut und die Staatskapelle Halle bot in allen Gruppen großartige Leistungen.

Sieglinde Pfabigan

Im Februar 2014 (14., 18., 21., 23.2.) gibt es den nächsten Hallenser „Ring“.

 

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