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HAGEN: FAUST. Premiere

17.01.2015 | Oper

Hagen: FAUST von Gounod.   Premiere am 17. Januar 2015

 Vor einem Jahrzehnt stand Gounod beliebt(est)e Oper zuletzt auf dem Spielplan des Theaters Hagen – und zwar als „Margarethe“. Hinweis darauf, dass Diskussionen über eine adäquate deutsche Titelgebung bis in die jüngste Zeit andauern. Dies durchaus nicht ohne Grund, wobei die Goethe-Ferne der Opernadaption eine maßgebliche Rolle spielt. Arrigo hat sich von vorneherein solcher Diskussion entzogen, indem er einen „Mefistofele“ schrieb.

  Die aktuelle Titelwahl für Gounod in Hagen wird von der Inszenierung HOLGER POTOCKIs gestützt, ja gefordert. Sie zeigt, wie sich bei dem alten, im Krankenhaus dahin dämmernden Faust das Leben noch einmal zu Wort meldet, ein schuldhaftes Leben. Der Patient sucht es zu beenden, doch reicht seine Kraft nicht, um die Schlauchapparaturen neben seinem Bett außer Funktion zu setzen. Doch dann erreicht ihn der natürliche Tod. Die letzten Sekunden vor dem Aufgehen im Jenseits lassen – so glaubt man, so wurde es auch bewiesen – Vergangenes noch einmal wie im Zeitraffer vor einem Sterbenden vorüberziehen. So auch bei Faust, beginnend damit, dass der segnende und die letzte Ölung spendende Priester zum Dämon mutiert, zum Drahtzieher in Fausts delirischer Retrospektive. Auch das Personal des Krankenhauses wechselt seine Identität. So wird aus einem jungen Doktor Valentin, aus einer Schwester Marguerite. Diese wird sich am Schluss dem Verstorbenen ein letztes Mal zuwenden, verzeihend, wie es scheint, zumindest verständnisvoll und mitleidend.

Das sich unter Grauschleiern herausschälende Gesicht des alten Faust auf einer Projektionsleinwand legt dieses Konzept von Anfang an unmissverständlich fest. Es geht freilich nicht in jedem Moment voll auf. Dass Faust im 1. Bild aus dem Off (Krankenhaus) singt, kann man als innere Stimme deuten, aber die Duplizität der Figuren bei der Ermordung Valentins wirkt nicht ganz schlüssig, auch wenn die Absicht klar wird, Grenzen zwischen Erlebtem und Fiktivem zu verwischen. Dazu gehört die zirkushaft bunte Ausstattung von LENA BREXENDORFF ebenso wie die mit Schnallen zusammengehaltene Anzugsjacke von Faust, welche damit einem Krankenhauskittel gleicht.

 Nicht jedes Bild besitzt die gleiche Deutungsqualität, doch ist die schlüssig symbolisierte Walpurgisnacht positiv hervorzuheben. Hier sind alle Personen der Handlung wie ein stummes Gericht versammelt, so auch der traurige Siebel oder der blutüberströmte Valentin. Der alte Faust fährt mit seinen Händen über einen Kindersarg. Nach dem Gefängnis-Terzett vor dem Vorhang gibt dieser noch einmal den Blick frei auf das Krankenhauszimmer. Das Premierenpublikum, ohnehin merklich begeistert, zeigte sich von der szenischen Deutung sehr angetan.

 Ein besonderes Kompliment ist dem PHILHARMONISCHEN ORCHESTER HAGEN unter STEFFEN MÜLLER-GABRIEL (1.Kapellmeister und Studienleiter am Haus) zu machen. Das Vorspiel wird ausgesprochen differenziert in punkto Dynamik und Klangfarbe geboten, ein Niveau, welches sich – einige kleinere Grobheiten ungeachtet – auch später hält: eine imponierende Arbeit. Auch der verstärkte Chor (WOLFGANG MÜLLER-SALOW) leistet Beachtliches.

Für die Titelpartie hat man den Australier PAUL O’NEILL gastverpflichtet. Er verfügt über einen angenehm lyrisch grundierten Spinto-Tenor, dessen sichere, unangestrengte und metallisch leuchtende Höhe (einmal das hohe D) besonders frappiert. Diese Qualität fehlt VERONIKA HALLER, deren Marguerite zudem an vokaler Sensibilität gewinnen dürfte. In Spiel und Erscheinung überzeugt sie freilich. Dem Siebel gibt KRISTINE LARISSA FUNKHAUSER sympathische Konturen, MARILYN BENNETT ist eine resolute Marthe, KENNETH MATTICE verkörpert jungburschenhaft und mit kernigem Bariton den Valentin. Bei RAINER ZAUN gibt es die eine oder andere gestische Übertreibung (Spiel der Finger), und die Stimme ist für den dämonischen Méphistophélès wohl doch etwas matt. Aber er bleibt ein Vollblutdarsteller. PAUL JADACH ist Wagner, KLAUS KLINKMANN der alte Faust.

 Christoph Zimmermann

 

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