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HAGEN: DIE GROSSHERZOGIN VON GEROLSTEIN. Premiere

12.01.2013 | KRITIKEN, Oper

HAGEN: DIE GROßHERZOGIN VON GEROLSTEIN Premiere: 12. Januar 2013

 Diese Aufführung der „Großherzogin von Gerolstein“ hätte Jacques Offenbach sicher gefallen. Sie besitzt saftigen Witz, viel raffinierte Ironie, ihr eignet Vitalität, aber auch Charme. Und RICHARD VAN GEMERT als höchst ungelenk verliebter Prinz Paul dürfte die größte Lachnummer weit und breit sein. Mit der Mezzopartie der Großherzogin hat sich DAGMAR HESSE glücklich ein neues Terrain erobert, nachdem sie im Sopranfach nachzulassen begann. Aber so wie jetzt kann’s noch lange weiter gehen. Als Darstellerin sprüht sie, ebenso wie der bassgroßmächtige RAINER ZAUN als General Bumm und ANDREAS LETTOWSKY als Graf Puck, dem ständig die Perücke vom Kopf fällt. Als Baron Grog steuert TILLMANN SCHNIEDERS eigene Komikfarben bei. TANJA SCHUNs Wanda ist in jeder Hinsicht liebenswert, JEFFERY KRUEGER als Fritz ein charmanter Junge. Obwohl grippal angeschlagen, stürzte er sich mutig in die Premiere, musste dann aber doch durch den vorsorglich herbeigerufenen WILLIAM SAETRE (vom Musiktheater im Revier Gelsenkirchen) vokal gedoubelt werden. Für diese Rettung Dank, die Stimme nahm man in Kauf. Schließlich noch Kammersänger HORST FIEHL (Nepomuk), welcher nach dem Schlussbeifall zu seinem 50jährigen Bühnenjubiläum geehrt wurde. Der Rezensent kann sich noch erinnern, den Sänger zu entsprechender Zeit u.a. als einen der besten Posas erlebt zu haben.

 Offenbachs Operette oder Opéra bouffe ist sicher zu Teilen auch ein Klamaukstück, aber eines auf hohem Niveau. Und wenn es schon Hiebe setzen soll, dürfen Autoren nicht zimperlich sein. Die „Großherzogin“ macht sich über das Militär lustig, über seinen Ritualen und Verstiegenheiten, über den erotischen Überschwang von Damen ebenso wie Herren, über einen frivolen Way of Life. Das Ganze ist garniert mit einer hier leichtfüßig süffigen, dort deftig angerührten, doch stets pikant rhythmisierten Musik. Dass diese Qualität unter STEFFEN MÜLLERGABRIEL mit nur reduzierter Finesse geboten wurde, ist zwar bedauernd festzuhalten, doch wurde dadurch die Freude an der Aufführung nicht geschmälert, zumal die brausende Inszenierung manche Feinheiten wohl ohnehin „geschluckt“ hätte.

 ROMAN HOVENBITZER, schon oft erfolgreich am Theater Hagen tätig, greift mächtig in die Trickkiste des Unterhaltungstheaters. Ständig gibt es etwas zu lachen, aber man amüsiert sich auf intelligente Art und Weise. Ein gelungener Balance-Akt. HERMANN FEUCHTER (Bühne) und ANNA SIEGROT (Kostüme) bieten Opulenz ohne Selbstzweck. Der einhellig bejubelte Chor wie auch der Extrachor sowie das Ballett von RICARDO FERNANDO sind voll im Einsatz und liefern etwa im Kampfgetümmel des 3. Aktes eine wirklich begeisternde Choreografie. Die Hagener Aufführung (mit einer speziellen Textfassung) macht während ihrer 3 Stunden durchgehend und ausnehmend Spaß.

 Weniger Anlass zur Freude bereitet derzeit eine „Rote Liste bedrohter Kultureinrichtungen“, in welche aus der NRW-Region neben den Opernhäusern von Köln und Bonn auch das Theater Hagen aufgenommen wurde. Die derzeitigen Arbeitsbedingungen (selbst der Kauf einer Briefmarke muss praktisch nachgewiesen werden) lähmen, die Zukunftsperspektiven nach einer Existenz von 100 Jahren sind vage. Der köstliche Offenbach-Abend – ein Tanz über dem Abgrund?

 Christoph Zimmermann

 

 

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