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GUSTAV MAHLER-Edition 1950-2003 – Profil Hänssler

19.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

mahler GUSTAV MAHLER-Edition 1950-2003 – Profil Hänssler 21 CDs – Spannende Interpreten-Auswahl abseits des Mainstreams, manchmal wäre jedoch weniger historisch ansprechender gewesen! 

Diese Gustav Mahler Kompilation verbindet – quasi als Marke der Label Profil Edition – Aufnahmen teils mit Referenzcharakter der Vergangenheit mit interessanten Interpretationen aus jüngerer Zeit. Da die Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten der Mahler-Rezeption stammen, hinterlässt die Zusammenstellung von Stil und Aufnahmetechnik her äußerst heterogene Eindrücke. Insbesondere die historischen Live-Mitschnitte etwa der 3. (wiederholte Patzer des Blechs im letzten Satz) oder der 8. Symphonie (historische Aufnahmen wie diese aus den fünfziger Jahren mit großem Choranteil sind immer problematisch) sind akustisch für Liebhaber opulenter moderner Aufnahmetechnik oder perfekt im Studio produzierter Musik sicherlich nicht befriedigend Daran ändern auch große Namen von Dirigenten nichts, zumal im Falle etwa der dritten Symphonie auch eine Studioproduktion unter Jascha Horenstein mit dem London Symphonie Orchestra (1971) existiert, die auch technisch großartig gelungen ist. Es gibt aber auch Liebhaber historischer Aufnahmen, denen die künstlerische Gesamtaussage und das Fluidum eines Konzerts wichtiger sind als technische Perfektion. Und da findet man im Web durchaus Stimmen, die den Live-Mitschnitt Horensteins aus den 60-ern der späteren Studioproduktion vorziehen. 

Dies gesagt, könne wir uns den verborgenen Schätzen der Box zuwenden: Historische Aufnahmen von Bruno Walter, Leopold Stokowski, Dimitri Mitropoulos, Georg Solti, Klaus Tennstedt, Jascha Horenstein, Hans Rosbaud, Hermann Scherchen, Brigitte Fassbaender oder Gundula Janowitz treffen auf aktuellere mit Giuseppe Sinopoli, Bernhard Haitink, Diana Damrau, Iván Paley und Robert Dean Smith. Sie dirigieren bzw. singen  sämtliche Symphonien Mahlers inkl. „Das Lied von der Erde“ (in zwei Versionen) und dem selten gespielten „Blumine“-Satz der ersten Sinfonie sowie die Liederzyklen „Lieder eines fahrenden Gesellen“, „Rückert-Lieder“, „Kindertotenlieder“, „Das klagende Lied“ und sogar die von Gustav Mahler fertiggestellte Fassung von Carl Maria von Webers Oper „Die drei Pintos“. 

Bei den Symphonien folgt der klassisch-legendären Produktion mit Authentizitätsanspruch der Ersten „Der Titan“ mit dem Columbia Symphony Orchestra unter Bruno Walter eine etwas steifere Version der Auferstehungssymphonie mit der Dresdner Staatskapelle unter Bernhard Haitink live aus der Semperoper 1995. Die schon erwähnte künstlerisch wahrscheinlich unüberbietbare Version der dritten Symphonie unter der Leitung von Jascha Horenstein mit Hellen Watts als Sängerin des Altsolos folgen zwei grandiose Aufnahmen der vierten und fünften Symphonie (einmal mit dem SWR Sinfonieorchester Baden Baden 1976, einmal mit einmal mit dem NDR aus Hamburg 1980 unter dem immer noch unterschätzten Mahler-Dirigenten Klaus Tennstedt. Bei der 6. Symphonie live 1955 unter Dimitri Mitropoulos mit den New York Philharmonics ist mir das Klangbild (viel) zu historisch, um adäquat Vergnügen aus der künstlerischen Qualität schöpfen zu können. Das gilt auch für die 1953 aufgenommene 7. Symphonie mit dem Sinfonieorchester des Südwestfunks Baden-Baden unter Hans Rosbaud. Wie schon gesagt, ganz gruselig wird es bei der live Aufnahme der Achten unter Leopold Stokowski aus dem Jahr 1950. Das geht nicht. Da hätte man schon wegen der Aufnahmequalität eine andere Option finden müssen. Auch wenn sich unter den Solisten so illustre Namen wie George London, Martha Lipton oder Eugene Conley finden. Wunderbar in jeder Hinsicht die neunte Symphonie mit der Staatskapelle Dresden unter Giuseppe Sinopoli live wiederum aus der Semperoper 1997. Das Adagio der Zehnten ist mit dem Orchester der Wiener Staatsoper unter Hermann Scherchen zu hören. 

Wirklich besondere Aufnahmen sind hingegen den Liedern und Vokalwerken vorbehalten. Da sind an erster Stelle die wahrlich schaurig schön gesungenen Kindertotenlieder mit Brigitte Fassbaender, dem NDR Sinfonieorchester unter Klaus Tennstedt, live im Kieler Schloss 1980 aufgenommen, zu nennen. Für die beiden Teile des Knaben Wunderhorn hat man zur Freude der Sammler auf eine rare Version mit Klavier (Stephan Matthias Lademann) mit den Solisten Diana Damrau und Ivan Paley zurückgegriffen. Die Lieder eines fahrenden Gesellen bringt wieder eine Begegnung mit Bruno Walter und der vorzüglichen Mildred Miller als Interpretin aus Hollywood 1960. Die älteste Aufnahme der Box stellen die Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit mit der Sopranistin Desi Halban und dem New York Philharmonic ebenso unter Bruno Walter dar, der auch die Rückert-Lieder mit Kathleen Ferrier und den Wiener Philharmonikern aus dem Musikverein 1952 dirigiert. 

Das „Lied von der Erde“ wird in zwei Versionen dargereicht: Einmal unter Sir Georg Solti mit Hertha Töpper und James McCracken, und dem Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester aus dem Jahr 1961, die zweite in Mahlers Klavierfassung  mit Tenor und Bariton (Robert Dean Smith, Ivan Paley; Stephan Matthias Lademann Klavier). Liebhaber der Wiener Mahler Tradition werden beim „Klagenden Lied“ mit Gundula Janowitz, Sonja Draksler und Julius Patzak und dem großen Rundfunkorchester Wien unter Kurt Richter jubeln. Als große Überraschung gibt es noch die von Mahler komplettierte Version der Oper Die drei Pintos von Carl Maria von Weber in einer Aufnahme des irischen Wexford Festivals unter Paolo Arrivabeni aus dem Jahr 2003. 

In Anbetracht des niedrigen Preises ist auch nichts verloren, sich die Box anzuschaffen, wenn man sich nur für einen Teil der Aufnahmen interessiert. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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