Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Gustav KUHN

22.09.2003 | Dirigenten, INTERVIEWS

Interview, 09/2003: Gustav KUHN, „Meine Brünnhilden werden die 60 nie überschritten haben“

INTERVIEW 09/2003 / Gustav KUHN: „Meine Brünnhilden werden die 60 nie überschritten haben“
F: Professor Kuhn, Sie dirigieren und inszenieren den „Ring“ in Erl, während in Bayreuth Festspiele sind. Verstehen Sie sich als Konkurrenz?

K: Nein, überhaupt nicht! Meine Sänger kommen ja von einer Akademie in Italien und sind daher meist noch nicht groß im Gechäft wie die, die in Bayreuth singen.

F: Nennen Sie doch mal einige Daten – wie sind denn die Auslastungszahlen?

K: Nun, wir haben heuer mehr als 95% der 1500 Plätze im Festspielhaus verkauft. Und es gibt schon Vorbestellungen für das nächste Jahr…

F: …in dem wieder der „Ring“ gegeben wird?

K: Ja. Wir planen, den „Ring“ bis 2007 jährlich im Sommer aufzuführen. Das Haus in Erl steht ja praktisch immer leer. Nur alle sechs Jahre gibt es die Passionsspiele und jeden Herbst einige Konzerte.

F: Ihre Inszenierung gibt den Sängern sehr viel Raum. Was ist Ihnen wichtiger: der Gesang oder die Musik des Orchesters?

K: Nun, das Orchester ist ja bei uns auf der Bühne, im Hintergrund, aber für das Publikum sichtbar. Davor haben wir einen Gazevorhang gespannt, der jedoch dem Klang keinen Abbruch tut. Entscheidend ist, dass alles zusammengeht – als Gesamtkunstwerk. Es gibt kein Primat des Orchesters über die Sänger, aber auch nicht umgekehrt. Wichtig ist mir übrigens nicht so sehr, dass jeder Ton der Sänger immer einhundertprozentig stimmt, es kommt mir mehr auf die Präsenz der Darsteller an. Daher sind die Walküren eben auch sehr erotische Frauen, und Brünnhild wird in meinen Inszenierungen nie 180 Kilo wiegen und die Sechzig überschritten haben.

F: Läuft nicht das ständig präsente Orchester Wagners Idee vom mystischen Abgrund (dem Graben) zuwider?

K: Ich denke nicht. Wagner wollte ja etwas völlig neues, wichtig war ihm Verständlichkeit, Transparenz und eine neue Ästhetik. Ich glaube fest daran, dass er sich unter den heutigen Umständen einer vernetzten, medialen Welt nicht mehr so sehr für den Orchestergraben und die Guckkastenbühne begeistern würde.

F: Ihre Musiker spielen den Ring an sechs Tagen ohne Zweitbesetzung. Wie ist das möglich?

K: Es wird oft behauptet, etwa die Bläser könnten unmöglich eine Wagner-Oper durchspielen. Das ist kompletter Unsinn! Es ist alles eine Einstellungssache. Wir haben sehr lange Probenzeiten und alle Musiker spielen – natürlich zum Teil, an einigen Tutti-Stellen etwa, mit Assistenten – alle Aufzüge aller Opern. Übrigens haben wir hier auch keine große Hierarchie: so gibt es keine erste, zweite und dritte Trompete, sondern alle gelten als gleichberechtigte erste Trompeter.

F: Haben Sie Ambitionen, auch in Bayreuth zu dirigieren oder sogar zu inszenieren?

K: Mittlerweile nicht mehr. Sehen Sie, 1984 gab es ein Gespräch mit Wolfgang Wagner, er lud mich ein, es kam aber nicht zu einer Zusammenarbeit. Einige Zeit zuvor war ich nach Istanbul und an die Bonner Beethovenhalle engagiert worden. Jeweils kurz bevor ich dort anfangen sollte, brannte das Theater ab! Wolfgang Wagner sagte mir damals, er habe Angst um sein Haus…

F: …Sie haben aber dennoch fast alle großen Orchester der Welt dirigiert. Warum liegt Ihnen jetzt Erl so am Herzen?

K: Hier ist so etwas wie Arkadien. Meist noch jüngere Sänger und Musiker können hier einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen: in der Gruppe zu arbeiten, langfristig und in familiärer Atmosphäre. Sie werden aufgefangen. Ich arbeite ja auch viel in Italien und in Südtirol und so gibt es zudem einen interkulturellen Austausch zwischen diesen Regionen.

F: Zum Schluß noch eine Frage zur Zukunft der Tiroler Festspiele in Erl: denken Sie auch daran, andere Werke aufzuführen oder bleibt es beim „Ring“? „Parsifal“ oder Stockhausens „Licht“-Zyklus böten sich doch an!

K: Wir hatten ja letztes Jahr die „Fledermaus“. Vorstellen kann ich mir aber auch „Tristan“ und vor allem den „Parsifal“ – allein schon wegen des Ortes. Stockhausen mag ich gerne – und „Licht“ würde ich hier sofort realisieren. Man muß aber abwarten, wie die Finanzierung weiter geht. Wir haben ja ein Budget von rund 1,2 Mio. Euro, inklusive der Karteneinnahmen, wovon größere Häuser vielleicht eine Produktion machen, und wir einen kompletten szenischen Ring (in zwei Zyklen) plus ein Dutzend Gesprächskonzerte!

F: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

(c) Jörn Florian Fuchs 2003

 

Diese Seite drucken