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GUBAIDULINA Violakonzert, BRUCKNER 9. Symphonie

17.02.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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GUBAIDULINA Violakonzert, BRUCKNER 9. Symphonie / Livekonzert der Jungen Deutschen Philharmonie / Label Ensemble Modern Medien / Edel 2 CDs 

Die Junge Deutsche Philharmonie, ein studentischer Edelklangkörper der besten Instrumentalisten aller deutschsprachigen Musikhochschulen, pflegt nicht zuletzt aus pädagogischen Gründen ein umfangreiches und  abwechslungsreiches Repertoire. Die jeweils aktuellen Stücke werden in Tourneen einem breiten Publikum vorgestellt. So auch der mittels vorliegenden Albums veröffentlichte Mitschnitt eines Konzertes vom 5. Oktober 2015 aus der Berliner Philharmonie, das von Jonathan Nott künstlerisch betreut wurde. Zum 40-jährigen Jubiläum des selbstverwalteten Orchesters im Jahr 2014 trat dieser hervorragende „Chef“ die Position als Erster Dirigent und künstlerischer Berater der Jungen Deutschen Philharmonie an. 

Sofia Gubaidulinas hat den Solopart ihres für meinen Geschmack etwas spröden Konzertes für Viola und Orchester komplett überarbeitet. Der exzellente französische Bratschist  Antoine Tamestit kam also zur Ehre, dieses Konzert in der auf der CD festgehaltenen Form uraufzuführen. Er spielt seinen Part mit aller zur Gebote stehenden technischen Meisterschaft, wo sich auch die vertracktesten Stellen wie selbstverständlich in den musikalischen Bogen im spezifischen mystischen Kosmos der russischen Starkomponistin fügen.  Das Orchester bewegt sich zum Teil in ungewöhnlichen Farben, weil die Partitur unter anderem Wagner-Tuben, eine Bassflöte, ein Cembalo und verschiedene Zimbeln verlangt.  

Bei der 9. Symphonie von Anton Bruckner ist schon aufgrund vorhandener Vergleichsmöglichkeiten in erster Linie die Arbeit des Dirigenten und Orchesters zu würdigen. Als Bruckner am 11. Oktober 1896 starb, waren drei Sätze der Sinfonie fertig gestellt – in dieser Fassung stellt die Junge Deutsche Philharmonie das Werk vor. Nott dirigiert diese Musik der letzten Dinge recht flüssig und dramatisch-symphonisch stringent. Weihrauch ist seine Sache nicht, daher ist auch das metaphysische Element weniger im Zentrum seiner Interpretation. Dem Hörer wird kein musikalischer Gottesdienst zelebriert, sondern er erlebt  eine Annäherung an Bruckner rein aus den Strukturen der Komposition heraus. Das heißt nicht, dass es dem Konzert an Tiefe und existentieller Emotion mangelt. Nott: „Bei mir entsteht bei der Introduktion des Konzertes das Gefühl, als ob ich in eine dunkle Kirche ginge, aufgeregt, vielleicht verängstigt und Gott flehend fragte, was mich mit dem Tod, und darüber hinaus, erwarte. … Ich will damit deutlich machen, dass sich der erste Satz viel mehr mit dem Ich und seinem (Lebens-)Kampf beschäftigt als mit dem Jenseits und seiner Erlösung.“  

In Notts Lesart erreichen jedoch schroffe Brüche und erratisches Aufbäumen nur eine abgeschliffenere und damit mildere Form. Mit überlieferten akustischen Dokumenten von Dirigentengenies à la Furtwängler, Celibidache oder Wand, die im romantischeren Duktus auch das Mehr an Fraktur mit Blick auf die Spiritualität im kleinen Finger mitführten, kann sich der Mitschnitt nicht messen. Hier ist auch zu berücksichtigen, dass das Orchester, was Klangraffinement und Dynamik anlangt, bald an (technische) Grenzen stößt. Daher bedeutet die vorliegende Aufnahme, zumindest was Bruckner betrifft, eher eine aktuelle Bestandsaufnahme der Qualität eines Jungen Orchesters, als einen neuen Ansatz oder ernsthaften Diskussionspunkt in der überreichen Bruckner-Rezeption bieten zu können. Aber auch das ist selbstverständlich legitim und wichtig. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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