Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

GRAZ / Oper: Musikalische Broadway-Fabel GUYS AND DOLLS

12.01.2020 | Operette/Musical

Sky Masterson (Christof Messner) und Kollegen beim Würfelspiel. Foto: Oper Graz / Werner Kimetitsch

GRAZ / Oper: Frank Loessers musikalische Broadway-Fabel GUYS AND DOLLS

1. Aufführung (Premiere) in dieser Inszenierumg

11. Jänner 2020

Von Manfred A. Schmid

Siebzig Jahre nach der Uraufführung kann die „musikalische Broadway-Fabel“ von Frank Loesser, nach einer Geschichte des New Yorker Autors Damon Runyon, immer noch mitreißen und Begeisterung auslösen. Guys and Dolls, in Graz mit englischen Songs und Dialogen in deutscher Sprache aufgeführt, gilt allgemein als Muster- und Meisterstück des amerikanischen Musicals alten Stils der 50-er Jahre, braucht aber, anders als etwa der Klassiker Kiss me Kate, keine Aktualisierungskniffe, um heute noch so wirkungsmächtig zu sein wie zur Entstehungszeit. Die in Hans Kudlichs Bühne konzentriert eingefangene  Atmosphäre im New York der schrägen 20-er Jahre, mit den spielsüchtigen Klein- und Halbganoven, die ihrer Wettleidenschaft unter den gestrengen Augen der Gesetzeshüter nachgehen, wo der findige Organisator Nathan Detroit immer auf der Suche nach neuen Standorten für die Abhaltung verbotener Glücksspiele ist, wo es von mehr oder weniger leichten Damen aus der Revueszene nur so wimmelt und wo sich eine Abordnung der Heilsarmee tagtäglich unbeirrt und ebenso erfolglos um das das Seelenheil der armen Sünder kümmert, wird von Regisseur Henry Mason in rasanten Szenenwechseln und mit einem starken Sinn für die liebevolle Zeichnung der Hauptpersonen mit pulsierendem Leben erfüllt. Das Stück nach einem Buch von Jon Swerling und Abe Burrows  handelt von Liebe, von den Nöten eines Lebens am Rande der Legalität und von der Moral. Vor allem aber geht es um die kleinen und größeren Schwächen der kleinen Leute. Ohne erhobenem Zeigefinger, dafür aber voll von Menschlichkeit.

Im Mittelpunkt stehen zwei Liebespaare: Der seit 14 Jahren verlobte, sich vor der Verehelichung standhaft drückende Nathan Detroit, der vom Ausrichten illegaler Wetten lebt, und seine Beziehung zu der von ihm angebeteten, vom kleinen häuslichen Glück träumenden Tänzerin Miss Adelaide. Dazu kommt der gewitzte, geschmeidige Wettkönig Sky Masterson, der mit hohem Einsatz darauf wettet, Sarah Brown, die spröde, fromme Anführerin der Heilsarmee, dazu überreden zu können, ihn auf einen Trip in das verruchte Spielerparadies Havanna zu begleiten. Als ihm dies – unter Aufbietung all seines Charmes sowie einiger Tricks – tatsächlich gelingt, verliebt er sich Hals über Kopf in sie und entfacht auch in ihr starke Gefühle. Die Chemie zwischen beiden Paaren scheint, trotz einiger Rückschläge, wohl von Anfang an zu stimmen. Davon erzählt das Duett „I’ve Never Been in Love Before“ von Sarah und Sky: Ein Happyend ist garantiert.

Rob Pelzer ist der Überlebenskünstler und scheinbar ewige eheliche Drückeberger Nathan Detroit, dem es gelingt, mit seiner offenen, authentischen Art die Sympathien des Publikums auf sich zu ziehen. Er überzeugt sowohl gesanglich als auch darstellerisch. Als unnahbarer Heilsarmee-Lieutenant Sarah Brown ist Johanna Spantzel zunächst eine für männliche Avancen ganz und gar unerreichbare, voll der Missionierung verschriebenen junge Frau. Wie sie dann in den Bars und Tanzlokalen von Havanna allmählich auftaut, sich öffnet und erste Erfahrungen in der bislang unbekannten Welt der Erotik macht, zeugt von großer Wandlungsfähigkeit. Christof Messner ist der souverän agierende, beste Spieler in der amerikanischen Glücksspieler-Szene, arrogant, selbstherrlich und selbstbewusst. Erst in seine Beziehung zu Sarah entdeckt er, was ihm in seinen Leben bisher fehlte: Zuneigung, Treue und Verlässlichkeit. Messner ist top als charismatische Figur, gesanglich aber nicht ganz so überzeugend.

MIss Adelaide (Bettina Mönch) bei ihrem Revuerauftritt. Foto: Oper Graz / Werner Kimetitsch

Das wahre Herz und Kraftzentrum des Geschehens ist Bettina Mönch als Adelaide. Allen Rückschlägen zum Trotz glaubt dieses gutherzige, vertrauensselige Revuegirl an das Glück an der Seite ihres heiß geliebten Nathan. Um ihrer Mutter zufrieden zu stellen, hat sie ihr, über die Jahre hinweg, brieflich sogar ein Familienleben als verheiratete Frau mit inzwischen sechs Kindern vorgegaukelt.  Sie ist im Grunde aber nicht so naiv, wie es zunächst den Anschein hat. In ihrem großen Bekenntnis „Adelaide’s Lament“ zeigt sie, dass sie die verfahrene Situation in ihrem Verhältnis zu Nathan voll durchschaut. Trotzdem gibt sie nicht auf, setzt weiter bedingungslos auf ihre große, einzige Liebe, vergibt Nathan und behält am Ende doch Recht: Beide landen vor dem Traualtar.

Frank Loesser hat ein Gespür für packende Melodien und zündende Rhythmen. Er bietet Big-Band-Sound in bester Broadwaymanier sowie – in der Havanna-Episode – auch lateinamerikanisches Flair zu ausgelassenen Rumba- und Salsa-Klängen. Das Musical lebt von seinen großen musikalischen Nummern. Die Tanzszenen werden in der Choreographie von Francese Abós ganz natürlich in die Handlungsabläufe eingebaut. Sie sind kein Beiwerk, sondern ebenso wichtig für die Geschichten, die hier erzählt werden, wie die Songs und Dialoge.

Besonders gelungen ist das Männer-Ballett beim Würfelspiel, das von latenten Spannungen und testosteron-gesteuerter Aggressivität geprägt ist. Hinter den Masken von Machismo und Bravado, Bluff und Schwadronieren wird die Verletzlichkeit der nach außen hin so taff wirkenden Akteure sichtbar. Einen ebenso starken Eindruck hinterlässt die tanzende Männerrunde in der großen, von Nicely Nicely Johnson (Christoph Scheeben) angeführten Ensembleszene im Hauptquartier der Heilsarmee, wo sie sich die Gambler  – nicht ohne Zwang –  ausgerechnet zu einer mitternächtlichen Gebetsstunde eingefunden haben. Und da verwandelt sich, spätestens mit dem Erklingen von „Sit Down, You’re Rocking the Boat“, die religiöse Zusammenkunft innerhalb kürzester Zeit in ein rockendes Gospel-Meeting, von dem sich nur der spät herein platzende Polizeioffizier Brannigan (Mario Lerchenberger), streng laut Dienstvorschrift, unbeeindruckt zeigt.

Das gesamte Ensemble – Sänger, Chor, Ballett und Statisterie – zeigt sich höchst motiviert, perfekt vorbereitet und blendend gelaunt. Geboten wird eine liebenswerte Ansammlung von ein paar Heiligen und vielen kleinen und größeren Sündern, von denen manche viel zu erzählen haben, wie z.B. der sanfte Prediger Arvide Abernathy  (Thorsten Tinney) in „More I Cannot Wish You“, oder der quicklebendige Benny Southstreet (Matthias Schlung) an der Seite seines Kumpels Johnson. Ein anderer hingegen, der aus Chicago stammende, gefürchtete Big Jule (John F. Kutil), ist höchst einsilbig. Und hat auch so viel zu erzählen. Die Gaunerszene der Kleinganoven von damals zeigt sich, im Vergleich zur heutigen Verbrecherindustrie der anonym und brutal agierenden Clans, jedenfalls weit weniger gefährlich und bedrohlich. Vielmehr geradezu liebenswert.

 Die Grazer Philharmoniker unter der musikalischen Leitung von Marcus Merkel erweisen sich als ein, wie es sich für ein Drei-Sparten Haus eben gehört, gewandtes und im Cross-over äußerst versiertes Orchester. Sie spielen fein à la carte. Und diesmal steht eben nicht Oper oder Operette auf dem Speiseplan, sondern Musical. Und was da geboten wird, schmeckt in der Tat vorzüglich. Einhellige stehende Ovationen. Von Gourmets ebenso wie von Gourmands. – Guys and Dolls: Das wird ein Renner.

 

 

 

 

Diese Seite drucken