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GRAZ: LUISA MILLER – Derniere

08.02.2016 | Oper

Graz: „LUISA MILLER“ –Opernhaus, 7.2. 2016 (Dernière)

José Manuel als Rodolfo und Sophia Brommer als Luisa
José Manuel als Rodolfo, Sophia Brommer als Luisa. Copyright; Werner Kmetitsch/ Oper Graz

 Wenn sich dutzende Wiener Opernfans trotz starker Konkurrenz („Tosca“ in der Wiener Staatsoper mit Angela Gheorghiu) auf den Weg nach Graz begeben, um die dortige Sonntagnachmittagsvorstellung zu besuchen, dann muss dort schon etwas Besonderes geboten werden. Verdis „Luisa Miller“ stand ja schon seit 26 Jahren nicht mehr auf dem Spielplan der Wiener Staatsoper (lediglich im Theater an der Wien konnte man dieses Werk im Jahr 2001 erleben). Daher ließen sich viele Wiener die Gelegenheit nicht entgehen diese Oper (endlich wieder) zu sehen. „Luisa Miller“ hatte es in Österreich schon immer schwer. Die Wiener Erstaufführung fand zwar schon am 20. April 1852 im K. K. Hoftheater nächst dem Kärntnerthore im Rahmen einer italienischen Stagione statt. Die Erstaufführung an der Wiener Staatsoper ging jedoch erst am 23. Jänner 1974 über die Bühne. (Bis 1990 gab es dann insgesamt 38 Vorstellungen.) Und in Graz wurde die Oper überhaupt noch nie gespielt. Dies war auch der Anlass, warum die Intendantin der Oper Graz, Nora Schmid, dieses Werk bereits im ersten Jahr ihrer Amtszeit auf den Spielplan gesetzt hat.

„Luisa Miller“ war nach „I Masnadieri“ („Die Räuber“) und „Giovanna d’Arco“ („Johanna von Orléans“) Verdis dritte Schiller-Oper (der „Don Carlos“ sollten dann noch viele Jahre später folgen) und wird sehr zu Unrecht zu den weniger reifen Frühwerkengezählt. Eigentlich würde es diese Oper verdienen gemeinsam mit „Rigoletto“, „Il Trovatore“ und „La Traviata“ in einem Atemzug genannt zu werden, denn Verdi beweist in diesem Werk schon eine unglaubliche musikalische Reife. Die wenigen Einwände, die man vielleicht vorbringen mag, betreffen vielmehr die Dramaturgie und das Libretto. Allerdings darf man nicht außer Acht lassen, dass Verdi diese Oper für das Teatro San Carlo in Neapel (Uraufführung am 8. Dezember 1849) geschrieben hat, und die dortige Zensur in dem absolutistisch regierten Staat so streng war, dass gewisse Änderungen und Entschärfungen (der Titelheld durfte nicht Ferdinando wie der regierende König heißen und Luisas Gegenspielerin durfte nicht die Mätresse des Grafen sein etc.) daher unumgänglich waren. Daher hat der Textdichter Salvatore Cammarano die politischen und sozialkritischen Passagen aus Schillers „Kabale und Liebe“ weitestgehend eliminiert und sich auf die Liebeshandlung konzentriert. Außerdem hat er die Handlung von einem deutschen Fürstentum in ein Tiroler Bergdorf verlegt.

Der Regisseur Paul Esterhazy setzt bereits hier an. Er verlegt den Schauplatz der Handlung wieder zurück in ein deutsches Fürstentum um 1850 und damit in die Entstehungszeit der Oper. Vater Miller ist hier kein pensionierter Soldat sondern ein protestantischer Pastor. Diese Änderung begründet er durch die vielen religiösen Aspekte in der Partitur (viele Gebete, mehrmaliges Läuten der Kirchenglocken, ja sogar Orgelspiel). Und er hat das Ganze als ein Kammerspiel (was die Originalvorlage ja ist) inszeniert. Er hat daher den Chor, der in diesem Stück überhaupt keine dramaturgische Funktion hat und nur wegen der Opernkonvention eingebaut werden musste, neben die Bühne ins schwarze Off verbannt und kann sich daher voll und ganz auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der sechs Hauptfiguren konzentrieren.

Dazu hat ihm Mathis Neidhart(der auch die historisierenden Kostüme entworfen hat) ein tolles Bühnenbild gebaut, das einen Wiener sehr an Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock“ erinnert. Zunächst sehen wir Millers eher ärmliche Wohnstube mit einem Kamin, einem Spiegel, einem Lehnstuhl und einem Betschemel vor einem Kreuz an der Wand. Später fährt dann dieses Bühnenbild hinunter und gibt den Blick frei auf das darüber liegende, herrschaftliche Zimmer des Grafen Walter mit einem Kamin, einem Spiegel und einem Lehnstuhl, nur alles viel luxuriöser. Und an der Stelle, wo bei Miller der Betstuhl steht, steht beim Grafen der Tresor mit Geld.

Mit einer ausgezeichneten Personenführung gelang es Paul Esterhazy einen spannenden Opernkrimi zu inszenieren. Vor allem die Figur des Wurm hat davon profitiert, denn dieser geriet hier als Personifizierung des Bösen schlechthin zur Hauptfigur. Der Regisseur hat diese Figur beim Namen genommen und lässt Wurm die ganze Zeit aus Öffnungen in der Wand oder von der Deckekriechen, im Spiegel erscheinen, ja sogar die Wand entlang oder aus dem Kamin kriechen; das Böse ist einfach überall (wie Doktor Mirakel in „Hoffmanns Erzählungen“). Wenn er Luisa den Brief diktiert, gibt er sich damit nicht zufrieden, er vergewaltigt Luisa anschließend, damit es für sie kein Zurück mehr geben kann. Am Ende, wenn Luisa und Rodolfo dank seiner Intrige durch Gift sterben, tötet Wurm noch den Grafen Walter während Vater Miller offensichtlich durch Herzinfarkt tot zu Boden sinkt. Das Böse hat (wieder einmal) gesiegt.

Sophia Brommer als Luisa und Wilfried Zelinka als Wurm
Sophia Brommer (Luisa), Wilfried Zelinka (Wurm). Copyright: Werner Kmetitsch/ Oper Graz

Aber auch musikalisch stand diese Aufführung auf hohem Niveau. Mit Ausnahme von Petar Naydenov, der in jeder Hinsicht blass war (leider sang nicht der ursprünglich dafür vorgesehene Mika Kares), war ein gutes, teilweise sogar exzellentes Ensemble auf der Bühne. Der fesche mallorquinische Tenor José Manuel besitzt eine schöntimbrierte lyrische Stimme, die zwar nicht allzu groß ist, aber gut geführt wird und vor allem nach der Pause so richtig aufgeblüht ist. Nach seiner schön phrasierten Arie „Quando le sere al placido“ wurde er vom Publikum zu Recht mit Bravos überschüttet. Dshamilja Kaiser sang mit ihrem sattem Mezzosopran die Federica so schön, dass man wirklich bedauern musste, dass Verdi sich nicht gegen Cammaranound die Neapler Opernkonvention durchsetzen konnte; er wollte ja diese Partie aufwerten und als gleichwertige Gegenspielerin zu Luisa mit einer eigenen Arie ausstatten. Wilfried Zelinka als Wurm war einfach großartig, sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Es wird ihm ja hier auch körperlich wirklich viel abverlangt. Elia Fabbian besitzt einen virilen Bariton, der nur leider etwas eindimensional eingesetzt wird. Leise Töne, wie sie einem zärtlich liebenden Vater Miller im Duett mit seiner Tochter anstehen würden, sind seine Sache nicht. Dafür trumpft er dann in den dramatischen Passagen mit seiner sicher geführten Stimme auf. Star des Abends war jedoch Sophia Brommer in der Titelpartie. Mit ihrem farbenreichen, gut geführten Sopran, mit schönem Legato und perfekten Koloraturen sowie völlig überzeugender und berührender Darstellung war sie eine Traumbesetzung als Luisa Miller. Zwei Kleinrollen wurden hier szenisch noch stark aufgewertet. Laura ist hier nicht Luisas Freundin sondern die alte Dienerin im Hause Millers. Und aus dem Bauern wurde hier ein Lakai, der zugleich der Lustknabe des Grafen Walter ist. (Dass Rodolfo während seiner Cabaletta den Liebhaber seines Vaters erwürgt, war eine der wenigen überflüssigen Regieeinfälle.) Beide Kleinrollen wurden von Statisten ausgezeichnet dargestellt. Die Stimmen dazu von Yuan Zhang (eine wunderschöne, satte Alt-Stimme) und Sungwook Choi (ein Solist aus dem Männerchor) erklangen wie der gut einstudierte Chor der Oper Graz (Einstudierung: Bernhard Schneider) aus dem dunklen Off neben der Bühne. Robin Engelen dürfte mit dem Grazer Philharmonischen Orchester sehr gut gearbeitet haben, denn aus dem Orchestergraben hörte man einen schönen, dynamisch gut abgestuften Klang vom Feinsten. Damit fand das packende Drama nicht nur auf der Bühne statt, auch im Orchestergraben loderten die Leidenschaften.

Für die großartige Aufführung wurden die Mitwirkenden am Ende mit lange anhaltendem Applaus und vielen Bravo-Rufen bedankt. Und der Grazer Oper ist für die Wiederentdeckung eines Meisterwerkes zu danken.

Walter Nowotny

 

 

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