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GRAZ: GRIECHISCHE PASSION – Fesselnd wie am ersten Tag

13.03.2016 | Oper

Graz: „DIE GRIECHISCHE PASSION“ – 12.3.2016 (Pr. 5.3.2016) –                                      Fesselnd wie am ersten Tag

Im Festspiel-Heft 1999 schrieb ich: „Bohuslav Martinůs Meisterwerk aus der Mitte des 20. Jhs., erstmals in der Urfassung geboten, hat im Bregenzer Festspielhaus eine Aufführung erlebt, die dazu angetan war, einem neuen Opernklassiker Tür und Tor zur Welt zu öffnen. Musik und Handlung, Szene, Gesang und Spiel bildeten eine festgefügte Einheit, die sich jedem Dabeigewesenen unauslöschlich einprägte. Hier gab es im Publikum keine Differenzen über eine neue „Interpretation“, hier gab’s nur Betroffenheit von einem hochaktuellen, tief berührenden und dabei musikalisch wunderschönen Stück.“

Inszeniert hatte David Pountney und die Hauptrollen sangen zwei damals noch eher „namenlose“ Sänger: Christopher Ventris und Nina Stemme. Diese Co-Produktion mit Covent Garden führte mich im September 2004 dann auch nach London. Dass die für uns Wiener etwas näher gelegene Grazer Oper das Werk nun herausgebracht hat, stellte meinen Besuch außer Frage. Und abermals empfand ich Werk und Wiedergabe als geradezu sensationell.

Die exzellente Werkeinführung vor Beginn durch die junge Dramaturgin Marlene Hahn (deren Interview mit dem Regisseur im „Merker“-Heft“ 2/2016 zu lesen war) sowie das Publikumsgespräch nach der Aufführung bestätigten, dass Ausführende und Aufnehmende gleicher Meinung waren. Denn auch der Grazer Intendantin Nora Schmid war es gelungen, ein optimales Sänger-Ensemble unter optimaler Führung zu vereinen, das mit begeistertem Einsatz das an die Grenzen theatraler Leistbarkeit und des dem menschlichen Verstand Fassbaren führt.

An jenen Grenzen nämlich sind alle überragenden Kunstwerke angesiedelt. Wenn sich die Story noch dazu als derart aktuell erweist, bedarf es nur noch der musikalischen und szenischen Überhöhung, um vollste Faszinationskraft zu erreichen. Man sitzt 2 ½ Stunden auf der Sesselkante, gebannt, erschüttert, ergriffen, und durch die Musik ebenso erregt wie beglückt. Sie hat nämlich traumhaft schöne Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint, sei es aus Betroffenheit oder weil es Augenblicke innerer Harmonie sind.

Dass die Kazantzakis-Story von Flüchtlingen handelt, die von Türken aus ihrem niedergebrannten Dorf verjagt wurden und in einem anderen Dorf auf der nämlichen Insel Kreta um Aufnahme bitten, dort aber von den Obrigkeiten als unerwünschte Fremdlinge abgewiesen werden, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Dass der Christus-Darsteller und die Maria Magdalena-Interpretin aus dem gerade vorbereiteten Passionsspiel rollengemäß christlich handeln möchten, vom lokalen Priester und dessen Gefolgschaft aber schließlich aus Volksverführer geächtet und „Christ re-crucified“ (wie der Originaltitel der Erzählung lautet) , in diesem Fall von der Menge getötet wird, ereignet sich – wohlgemerkt! – nicht etwa zwischen Christen und Muslimen, sondern innerhalb desselben Landes unter Menschen mit gleicher Sprache und demselben – christlichen – Glauben. Die angeblich religiösen Handlungsmotive sind nichts weiter als Befürchtungen eines Machtverlusts von Seiten der etablierten Gesellschaft.

Sowohl in Bregenz wie jetzt in Graz wurde von einer realistischen Bühnengestaltung Abstand genommen zugunsten einer symbolischen Darstellung der verschiedenen Handlungsebenen. Aber der Schweizer Regisseur Lorenzo Fioroni ist noch einen Schritt weiter gegangen, indem er nicht eingleisig die Flüchtlingsschar als die armen „Guten“ und die Einheimischen als die wohlhabenden „Bösen“, sondern dort wie da vielschichtige Charaktere zeigt.  Fotis, der geistliche Anführer der Vertriebenen, eine machtvolle Erscheinung in der traditionellen Gewandung eines griechischen Popen, strahlt zwar Güte und Wohlwollen aus, aber die sämtlich in fließende, engelhaft wirkende Gewänder gekleideten  Frauen und Männer suggerieren eine Art Heiligkeit, die reichlich übertrieben scheint, zumal wenn plötzlich eine junge Frau ihr an Hunger verstorbenes Kind ganz real  dem Dorfpriester Grigoris (im dunken Straßenanzug, wie auch die anderen Dorfbewohner) entgegen hält und er für allgemeines Entsetzen sorgt, weil er behauptet, das Kind sei an der Cholera gestorben, vor der man sich zu hüten habe…  Andererseits wirkt die auch kostümlich angenommene Christus-Rolle durch den Schäfer Manolios, zuletzt  mit nacktem Oberkörper und nackten Beinen,  nur noch mit Lendenschurz angetan, Kopf und Körper blutbefleckt, denn doch – beabsichtigt! – etwas gar zu weit gegriffen.  Aber gerade hiermit ist dem Regisseur ein großes Kunststück gelungen: Die von Martinů gar nicht beabsichtigte tatsächliche Aufführung des Passionsspiels findet hier statt, vor einem Beifall spendenden Publikum, während offenbar wird, dass hier Bühne und Wirklichkeit fatal ineinander greifen. Auch das Publikum wird quasi mit einbezogen in das immer dramatischer werdende „Spiel“, indem die Dorfbewohner durch den Mittelgang des Parketts in Richtung Bühne lautstark gegen die aufrührerischen Apostel protestieren und mit brutalem Geschrei den Tod des „Anführers“ fordern. Nicht nur von Judas, sondern von der aufgebrachten Menge wird er gelyncht.

Zwei Elemente beherrschen von Anfang an die Bühne: im Hintergrund befindet sich ein riesiger, die ganze Bühnenbreite einnehmender Steinblock, der wohl den Berg symbolisieren soll, auf den die paar hilfreichen Dorfbewohnter die Zuzügler verweisen, wo andererseits Manolios=Christus und Katerina=Maria Magdalena große Kreuze aufstellen. Da muss Manolios mühsam hinaufklettern und rutscht mit der symbolischen Last auch einmal wieder herunter. Auf der linken Seite der Bühne ist ein Gerüst aufgebaut, von dessen Höhe Grigoris und die anderen Autoritäten auf das Getriebe in den „Niederungen“ des Lebens herab schauen. Die heute üblichen Video-Einblendungen, die immer wieder Gesichter und Geschehnisse vergrößert zeigen, aber auch zusätzliche Assoziationen ermöglichen, haben mich diesmal nicht gestört.

Während in Bregenz die Hochzeitsszene in griechischer Nationaltracht gebracht wurde, tragen die Dorfbewohner hier heutige Alltagsgewänder. Und ehe sich Lenio, die vormalige Braut des Manolios, den seine geistlichen Verpflichtungen von der Heirat Abstand nehmen lassen, für einen anderen jungen Mann entscheidet, nehmen die beiden sehr berührend unter Weinkrämpfen voneinander Abschied. Die musikalisch auf tschechisch-griechischer Folklore basierende Szene, von Martinů als ganz wichtige Auflockerung des tragischen Geschehens gedacht, findet ein jähes Ende, wenn Manolios erscheint und vom Priester Gregoris verflucht und verstoßen wird.

Großartig der Schluss: der getötete Christus liegt auf dem Boden mit ausgestreckten Armen, wie der Gekreuzigte, und Katerina, die ihre Sünden als Dorfprostitutierte bekannt und zu ihrem besseren Ich gefunden hat, steigt von dem Steingebilde herab und nimmt ein junges Lamm (oder das verstorbene Kind?) in ihre Arme. So bleibt sie zurück und die Flüchlinge ziehen weiter…Der Vorhang schließt sich nicht während der letzten Takte der Musik, sondern erst nach deren leisem Verklingen und einer spannungsgeladenen Generalpause erlischt die gesamte Bühnenbeleuchtung – und in die Finsternis hinein geht sehr langsam der Vorhang zu. Will sagen: alles bleibt offen; jeder Zuschauer möge für sich entscheiden, was er von der Sache hält…

Hier erlebt man gekonntes Theater, das dem wohl als mündig eingeschätzten Zuschauer nichts aufzwingt. Von Paul Zoller stammt die Bühnengestaltung, Annette Braun entwarf die Kostüme und Franck Evin war für das Licht hauptverantwortlich. Die Zusammenarbeit des gesamten Teams muss bestens funktioniert haben.

Dank Lorenzo Fioronis exzellenter Personenregie konnten sowohl die Solisten wie auch die Chörsänger als Individuen wie als Gemeinschaft Großartiges leisten. Chor & Extrachor der Oper Graz sowie der Chor der Kunstuniversität (Einstudierung: Franz Jochum) unter der musikalischen Gesamtführung des bewährten Chorleiters Bernhard Schneider waren gesanglich und darstellerisch im Volleinsatz. Sakrales und sehr Weltliches, Statik und Bewegung im richtigen Moment überzeugten gleichermaßen. Eine Sondererwähnung verdient die Sprachbehandlung. Ohne Verfolgung der schlecht leserlichen deutschen Übertitel war beinah der gesamte englische Text zu verstehen.

Die Ausdrucksvielfalt der Musik des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů

 (1890 – 1959), der während seiner langen Aufenthalte in Paris, den USA, Italien und der Schweiz alle musikalischen Formen und Farben namhafter Zeitgenossen und gängiger Musikgattungen vom Impressionismus bis zum Jazz begierig in sich aufsog und mit böhmischer Folklore anreicherte, lässt sich unmöglich in einigen Sätzen beschreiben. So kontrastreich, so gewaltig, so detailreich vom vielfach variierten Glockengeläute bis zu den feinsten Streicher- und Holzbläser-Soli, kantabel oder auch melodramatisch eingesetzt,  sodass das gesprochene Wort mit oder ohne Musik eine wichtige Rolle erhält, ja sogar handlungsmäßige Höhepunkte setzt – lässt sie uns beständig den Atem anhalten und bietet allen Mitwirkenden dankbare Aufgaben. Dirk Kaftan ist es gelungen, mit dem herrlich spielenden Grazer Philharmonischen Orchester (das diesen Namen verdient!) die komplexe Oper mit höchster Spannkraft als fesselndes Ganzes zu präsentieren.

Mit Rolf Romei (der uns in einem ‚Merker“-Interview aus Basel, wo er u.a. als Lohengrin und Parsifal, Faust oder Hoffmann große Erfolge feierte, im Heft 1/2014 vorgestellt wurde) lernten wir einen wunderbaren jugendlichen Heldentenor auf lyrischer Basis mit beweglicher, bruchlos geführter, sehr schöner Stimme und einen trefflichen Rollengestalter kennen. Als „guter Hirte“ Manolios steigert er sich sehr glaubwürdig in seine verantwortungsvolle Rolle als Christus hinein, der zuletzt mit vollem Bewusstsein „sein Kreuz auf sich nimmt“. Mit seiner schlanken Figur blieb er auch noch als Gekreuzigter ein ästhetischer Anblick. Die allseits gepriesene Premierensängerin Djamileh Kaiser war eine ergreifende, hingebungsvolle Katerina, obwohl sie ihre Rolle diesmal nur spielen, wegen Indisposition aber nicht singen konnte. Die als Ersatz auc Schottland eingeflogene Judith Howarth tat dies mit ausdrucksstarkem, leuchtendem Sopran vom seitlichen Notenpult aussehr eindrucksvoll. Der Premieren-Priester Fotis, Markus Butter, war so krank, dass er auch nicht auftreten konnte. Der Regieassistent Christian Thausing übernahm den Spielpart des die Flüchtlinge anführenden Priesters, dem Baurzhan Anderzhanov seine wohlkligende Baritonstimme lieh. Diese zusätzliche Herausforderung für die Sänger und den Dirigenten wurde von allen klaglos bewältigt. Besonders markante Charaktere boten noch: der steirische Bass-Bariton Wilfried Zelinka als gestrenger, zugleich aber charakterschwacher, am finalen Debakel hauptschuldiger Priester Gregoris; der als langjähriges Grazer Ensemble-Mitglied gleichsam mit allen Wassern gewaschene „Tenor für alles“, Manuel von Senden, den das sog. „Charakterfach“ nicht dran hindert, sehr schön zu singen, als zunächst zu unrechtem Handeln verführbarer, dann aber reuiger Zwischenträger zwischen Dorfbewohnern und den Fremden, sehr passend für die Rolle des Petrus; die blonde Schönheit Lenio, Tatjana Miyus, die sich  dem sie liebevoll zu trösten versuchenden Nikolio von Christian Scherler vermählt; der türkisch-österreichische Tenor Taylan Reinhard als Panait, der sich gegen die Rolle des Judas wehrt, ihr dann aber gerecht wird; der Bariton Ivan Oroščanin als sturer Dorfältester Archon; der polnische Bariton Dariusz Perczolt als Kostandis, dann als  Apostel Jacobus besonders aktiv an der Seite des Manolios; „an old man“ spielt der Grazer Grieche Konstantin Sfiris, seit 1986 in allen großen Bassrollen am Hause zu hören; und aus den Gruppen treten zwei Damen mit schönen Soli hervor: Sofia Mara als Despinio und Yuan Zhang als „An old woman“.

Aus dem prächtigen Ensemble sollte man eigentlich jede/n Einzelne/n namentlich anführen. Bitte umVerständnis, dass dies nicht möglich ist.

 Gewiss ist kein Besucher unberührt aus dem schönen Grazer Opernhaus gegangen. Man muss diese Produktion gesehen und gehört haben! Hoffentlich wird sie auf Ton- und Bildträger festgehalten.    

Sieglinde Pfabigan

 

 

 

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