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GRAZ: DIE TOTE STADT. Musikalischer Hochgenuss

22.01.2015 | Allgemein, Oper

Musikalischer Hochgenuss in Graz: „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold (Vorstellung: 21. 1. 2015)

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Sieben Doppelgängerinnen von Marie bevölkerten die Bühne (Werner Kmetitsch)

Am Opernhaus Graz wurde erstmals die in letzter Zeit in vielen Städten gespielte Oper „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold zu einem musikalischen Hochgenuss. In einem Vorwort zur Handlung des Werks, dessen Libretto frei nach Georges Rodenbachs Roman Brugues-la-Morte  von Paul Schott (alias Julius Korngold) verfasste und das 1920 am selben Tag in Hamburg und Köln uraufgeführt wurde, ist im Programmheft zu lesen: Szenen einer Ehe: Seit vielen Jahren sind Brigitta und Paul ein Paar. Sie führt liebevoll den Haushalt, ohne die früher so genossene Nähe zwischen ihnen je wieder herstellen zu können, er lebt an ihr seine Sehnsüchte nur noch in zunehmend exzessiver werdenden Phantasien aus, die er „Marie“ und „Marietta“ nennt…

 Schon bei dieser Lektüre wird klar, dass Johannes Erath in seiner Inszenierung auch Eingriffe in die Handlung dieser „Traumoper“ vorgenommen hat. So ist Pauls Haushälterin Brigitte ein Ebenbild von seiner verstorbenen Marie, die zusätzlich als siebenfache Doppelgängerin die Bühne bevölkert, deren zentraler Mittelpunkt eine Treppe ist, die ins „Nirgends“ führt (oder gar in den Himmel?).

 Die Gauklerszene, die oft als Commedia dell‘ arte gespielt wird, ist diesmal eine Schauspieltruppe mit Figuren aus Filmen, wie Marilyn Monroe und Nosferatu, was wohl als Anspielung auf Korngolds spätere Karriere als Filmkomponist in den USA zu deuten ist. Fritz als Pierrot wirkt wie ein Transvestit, in der „religiösen“ Szene, die optisch mit einem riesigen Kreuz sehr opulent wirkt, quert ein Flagellant die Bühne (Ausstattung: Herbert Murauer, dessen Kostüme aus den 50er Jahren von eindrucksvoller Eleganz sind). Dass sich die Riesentreppe im Laufe der Handlung trotz reizvoller Spiegelungen (Lichteffekte: Joachim Klein) fürs Bühnenspiel des Öfteren als hinderlich erweist, war vorauszusehen. Dass der Regisseur Pauls Träume immer gewaltvoller werden lässt, ist hingegen nachzuvollziehen, erwürgt er doch schließlich Marietta mit Maries Haarzöpfen. Insgesamt war die Inszenierung von starker Morbidität erfüllt.

 

 Als Paul bot der ungarische Tenor Zoltán Nyári eine beeindruckende Leistung. Mit enormer Stimmkraft und großer Wortdeutlichkeit bewältigte er auch die schwierigsten Passagen seiner Rolle, als er gegen die expressive Musik zu bestehen hatte.  Ihm ebenbürtig erwies sich die israelische Sopranistin Gal James als Marietta (und Marie), die sowohl stimmlich wie schauspielerisch überzeugte. Eindrucksvoll ihr Lied Glück, das mir verblieb, dem musikalischen Leitmotiv der Oper.

 Brigitta, deren Kostümierung als Marie anfangs irritierte, wurde von der Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser blendend gesungen und gespielt. Frank, Pauls Freund, und Fritz, der Pierrot, wurde vom serbischen Bariton Ivan Orešćanin dargestellt, der leider in der Gauklerszene dem Ohrwurm Mein Sehnen, mein Wähnen die liebliche Innigkeit raubte.

 Zur insgesamt guten Ensembleleistung trugen noch die Tenöre Manuel von Senden als Graf Albert und Taylan Reinhard als Victorin sowie die Mezzosopranistin Anna Brull als Tänzerin Lucienne bei. Ebenso der Chor (Leitung: Bernhard Schneider) und die Singschul’ /Leitung: Andrea Fournier) der Oper Graz.

 Das Grazer Philharmonische Orchester bescherte dem Publikum unter der Leitung von Dirk Kaftan durch seinen faszinierenden Klangrausch einen musikalischen Hochgenuss.

Die Zuschauer und Zuschauerinnen bedankte sich am Schluss mit minutenlangem Beifall und vielen Bravi-Rufen, alle anderen Mitwirkenden wurden mit Bravo- und Brava-Rufen bedacht.

 Udo Pacolt

 

 

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