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GRAZ: DER OPERNBALL von Richard Heuberger. Premiere

16.11.2015 | Allgemein, Operette/Musical

Graz: „DER OPERNBALL“ –   Oper, 14.11.  2015 (Premiere)

Nadja Mchantaf, Sieglinde Feldhofer und Margareta Klobučar
Nadja Mchantaf, Sieglinde Feldhofer, Margareta Klobucar. Foto: Werner Kmetitsch

 Wie soll sich eine Operndirektion verhalten, wenn nach jahrelanger Planung und wochenlangen Proben die Neuinszenierung einer Operette ansteht, in der es um die Lebensfreude der Pariser und deren amouröse Erlebnisse geht, und in der Nacht vor der Premiere Paris von einem schrecklichen Terroranschlag erschüttert wird, der viele Todesopfer gefordert hat? Soll man die Vorstellung absagen, wie das das Theater Magdeburg getan hat (Verschiebung der Premiere der Offenbach-Operette „Pariser Leben“ um zwei Wochen)? Oder soll man die Premiere stattfinden lassen, wie das nun das Opernhaus Graz mit Heubergers „Opernball“ getan hat? Das Team der Grazer Oper hat mit einem Aushang im Foyer sowie mit eingelegten Zetteln in den Programmheften sein Mitgefühl den Opfern des Terroranschlages und deren Angehörigen gegenüber ausgedrückt, aber gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck verliehen, mit den Mitteln der Kunst dem Schrecken der Realität etwas entgegen setzen zu können. Meiner persönlichen Meinung nach war die Entscheidung der Intendantin Nora Schmid, die Aufführung nicht abzusagen, richtig. Die Lähmung unseres Kulturlebens würde den Selbstmordattentätern posthum noch einen zusätzlichen Erfolg bescheren.

Richard Heubergers Operette „Der Opernball“, am 5. Jänner 1898 im Theater an der Wien uraufgeführt, handelt davon, dass ein Ehepaar aus der Provinz zu einem befreundeten Ehepaar nach Paris auf Besuch kommt. Die Männer wollen unbedingt auf dem Opernball, um dort ein amouröses Abenteuer zu erleben. Der Ball in der Opéra Garnier war zum Zeitpunkt der Handlung um 1880 ja immer ein Maskenball, bei dem alle gesellschaftlichen und sozialen Schranken wenigstens für eine Nacht aufgehoben waren und man sich ungeachtet seines Standes vergnügen konnte. Die  Ehefrauen schöpfen jedoch Verdacht und beschließen die Treue ihrer Männer auf die Probe zu stellen (also eine umgekehrte Ausgangssituation wie in „Così fan tutte“). Natürlich gibt es jede Menge Verwechslungen, bevor sich dann am Tag nach dem Ball bei allen Betroffenen Katerstimmung (nicht nur wegen des Champagners) einstellt. Inhaltliche Ähnlichkeiten mit der „Fledermaus“ von Johann Strauß, die 1874 ebenfalls im Theater an der Wien uraufgeführt wurde, sind ebenfalls nicht zu leugnen.

Richard Heuberger wurde 1850 in Graz geboren wurde auf Befehl des Vaters zunächst als Techniker ausgebildet, seine große Leidenschaft galt aber immer schon der Musik. Und so hängte der junge Ingenieur seinen Posten bei der Eisenbahn an den Nagel, weigerte sich auch an der Regulierung der Mur mitzuarbeiten und verließ Graz in Richtung Wien um Musiker zu werden. Er wurde Dirigent des Akademischen Gesangsvereins, später übernahm er auch die Leitung der Singakademie, die vor ihm bereits Johannes Brahms inne gehabt hatte. Victor León (1858-1940), der so viele Libretti für Komponisten wie Johann Strauß, Franz von Suppé, Franz Lehár, Emmerich Kálmán und Leo Fall verfasst hatte, schrieb für Heuberger das Textbuch. Ursprünglich sollte die Operette am Carl-Theater uraufgeführt werden. Doch der dortige Direktor weigerte sich die Operette herauszubringen, da sie seiner Meinung nach „zu schwierig“ bzw. „zu anspruchsvoll“ sei. Und tatsächlich ist die Partitur dieser Operette kein bloßes Potpourri von Schlagern; die Melodien entwickeln sich aus orchestralen Tonsätzen und zeigen eine wendige Beherrschung von Kontrapunkt und motivisch-thematischer Arbeit. Die Orchestrierung ist vortrefflich, große Teile des 1. Aktes wurden übrigens von Alexander Zemlinsky orchestriert, der zu diesem Zeitpunkt Kapellmeister am Carl-Theater gewesen ist.

Die aktuelle Neuinszenierung von Bernd Mottl kann mit einem prächtigen Bühnenbild sowie einer überzeugenden Personenführung aufwarten. Für Graz hat Peter Lund eine neue, zeitgemäße Textfassung geschrieben, wobei nicht nur die Dialoge sondern auch die Gesangstexte ein wenig modifiziert wurden. Das Ganze driftet nie in billigen Klamauk oder Slapstick ab. Im ersten Akt befinden wir uns im Hause von Georges Duménil in Paris. Ein prachtvoller Stiegenaufgang, der einem irgendwie bekannt vorkommt, ein Sofa und viele rote Samtvorhänge vermitteln die Prunksucht eines (neu-)reichen Parisers. Bei der Verwandlung zum zweiten Akt werden die Samtvorhänge hochgezogen und die Bühne ein wenig gedreht, sodass die Prunkstiege nun frontal zum Publikum steht. Und nun wird bestätigt, was man schon im ersten Akt vermutet hat. Dieser großartige Stiegenaufgang ähnelt mehr der Feststiege der Grazer Oper denn jener der Pariser Oper, wohl eine kleine Verbeugung des Bühnenbildners Friedrich Eggert vor der Stadt Graz und/oder vor dem in Graz geborenen Komponisten. Während wir im ersten Akt mit traumhaften Kostümen der Belle-Époche von Alfred Mayerhofer und mit phantasievollen, exzentrischen Hüten verwöhnt wurden, erscheinen nun auf dem Opernball alle Damen in einem rosa Domino aus Lack (mit Schweinchen-Maske), während die Herren in schwarzen Lackanzügen als Fledermäuse auftreten. Im dritten Akt sehen wir das Bühnenbild von hinten und sind nun in der Jetztzeit angelangt. Die vom Ball heimkehrenden Akteure tragen nun Freizeitkleidung der Gegenwart, und auch ein Handy darf natürlich nicht fehlen. Erst ganz zum Schluss, zum vermeintlichen Happyend, erscheinen wieder alle in den historisierenden Kostümen des 1. Aktes. Die Eheprobleme, die Sehnsucht nach Seitensprüngen, der Trend zur Untreue, dies alles gab es damals – und gibt es heute. Es hat sich nichts geändert in den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau.

Und der Grazer Oper steht dafür ein Ensemble zur Verfügung, wie es besser nicht sein könnte. Martin Fournier ist mit seinem hellen Tenor als Georges Duménil ein Lebemann, wie er im Buche steht. Als seine gelangweilte Frau Marguérite steht ihm die stimmlich großartige Margareta Klobučar als Rosalinden-verwandte Primadonna in nichts nach. Wie ganz anders hingegen das frisch vermählte Paar aus der Provinz. Ivan Oreščanin mit seinem angenehmen Bariton als fescher, junger, schüchterner Provinzcasanova Paul Aubier, der so gerne mal fremdgehen möchte, aber sich nicht traut. Und Nadja Mchantaf mit schönem, dunkel timbriertem Sopran als seine frisch aus der Klosterschule entsprungene, total verklemmte Ehefrau Angèle. Zwischen den beiden Paaren wieselt als fadenziehendes Kammermädchen Hortense die umwerfende und auch stimmlich hervorragende Sieglinde Feldhofer  herum. Und dann gibt es natürlich noch Angèles Tante Palmira Beaubuisson (köstlich Lotte Marquardt als dominanter Ehedrachen), den unter ihrem Pantoffel stehenden Gatten Theofil (großartig Gerhard Ernst als notgeiler alter Knacker) sowie deren pubertierenden Neffen Henri. Köstlich, wie der auch stimmlich großartige Tenor Alexander Kaimbacher den Wandel vom jungfräulichen, verklemmten Buben zum Manne darstellt. Er ist ja der einzige, der in dieser rauschenden Ballnacht ans Ziel kommt und durch Hortense seine Unschuld verliert. Die anderen drei Herren gehen ja Dank der Intrigen der Damen leer aus. Und die Fäden im 2. Akt zieht János Mischuretz als schmieriger, geldgieriger und bestechlicher Oberkellner Philippe. Marius Burkert am Pult des Grazer Philharmonischen Orchesters lässt mit schwungvollen
Tempi Heubergers Melodien zart erblühen. Der Dirigent hat dankenswerterweise auch den immer gestrichenen Chorpart im zweiten Akt, den er in der Originalpartitur in der Wiener Stadtbibliothek aufgefunden hat, wieder eingefügt.

Richard Heuberger ist also nach langer Zeit wieder in seiner Heimatstadt angekommen. Dieser Komponist teilt das Schicksal so vieler anderer Komponisten (Pietro Mascagni, Ruggiero Leoncavallo etc.), die mit nur einem Werk berühmt geworden sind. Heuberger befürchtete schon zu Lebzeiten, dass man über den Erfolg der Operette „Der Opernball“ seine symphonischen Werke, seine Lieder und Chöre, seine Ballette und Opern vergessen wird. Und leider behielt er Recht. Wer kennt schon andere Werke von ihm als seine Operette „Der Opernball“ (die übrigens viele Jahre lang erfolgreich in einer großartigen Inszenierung von Robert Herzl auf dem Spielplan der Wiener Volksoper gestanden ist) mit ihrem Ohrwurm „Komm mit mir ins Chambre séparée“? Um diesem Umstand etwas abzuhelfen hat sich die Direktion der Grazer Oper dankenswerterweise etwas Besonderes einfallen lassen. Da der Chor der Oper Graz ja an diesem Abend nicht gerade überbeschäftigt war, hat er zusätzlich noch drei wirklich großartige Chorkompositionen von Heuberger einstudiert, die er unter der musikalischen Leitung von Georgi Mladenov in der Pause auf der Feststiege der Grazer Oper klangschön gesungen hat. Und dazwischen haben noch zwei Mitglieder des Opernstudios, der polnische Bariton Dariusz Perczak und die chinesische Mezzosopranistin Yuan Zhang (mit traumhaftem Timbre), Lieder von Heuberger dargeboten. Diese Kompositionen weisen Heuberger als einen der interessantesten Komponisten in den Jahren des Überganges vom 19. zum 20. Jahrhundert aus.  

Die sehenswerte Produktion steht noch bis 10. März 2016 auf dem Spielplan der Grazer Oper. Man sollte also beim Besuch dieser Vorstellung keinesfalls in der Pause die Darbietung dieser Heuberger-Kostbarkeiten auf der Feststiege versäumen. Wer weiß, wann man diese Kompositionen wieder zu Gehör bekommen wird?

Walter Nowotny

 

 

 

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