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GRAZ: DER FERNE KLANG – Derniere

02.11.2015 | Oper

Graz: „DER FERNE KLANG“ –   Oper, 1.11.2015 (letzte Aufführung)

Johanni van Oopstrum und Dshamilja Kaiser_c_werner_kmetitsch
Johanni van Oostrum, Dshamilja Kaiser . Copyright: Werner Kmetitsch

 Der österreichische Komponist Franz Schreker, 1878 als Sohn eines jüdischen Photographen aus Böhmen und einer Mutter aus einer altsteirischen Adelsfamilie in Monaco geboren, war einer der meistgespielten deutschsprachigen Komponisten seiner Zeit. Seine Opern erreichten zeitweise höhere Aufführungszahlen als diejenigen von Richard Strauss. Wie dieser ist Schreker ein Spätromantiker, zugleich weist seine musikalische Sprache aber auch expressionistische Elemente auf. Von der Psychoanalyse Sigmund Freuds beeinflusst, zeichnet Schreker als sein eigener Librettist schonungslose seelische Portraits seiner Opernprotagonisten, die teilweise sogar autobiographische Züge aufweisen. Bereits in den späten Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war Schreker Angriffsobjekt der Kulturpolitik der Nationalsozialisten. 1932 hat er auf Grund des NS-Terrors die in Freiburg geplante Uraufführung seiner Oper „Christophorus“ selbst zurückgezogen. (Die Uraufführung fand dann zwar tatsächlich in Freiburg statt, aber erst 1978!) Er wurde auch zum Rücktritt von seinem Amt als Direktor der Berliner Musikhochschule gezwungen, die er seit 1920 geleitet hatte. Ein Jahr nach seiner zwangsweisen Versetzung in den Ruhestand einer Meisterklasse für Komposition an der Preußischen Akademie der Künste und dem Verhängen des Aufführungsverbots über seine Werke starb er 1934 in Berlin an einem Herzinfarkt, dem ein Schlaganfall vorangegangen war. Damit blieb dem nach der Nazidoktrin als Halbjuden einzustufenden Komponisten wenigstens ein möglicherweise noch viel schlimmeres Schicksal erspart. Bis heute aber hat er in der Musikwelt nicht mehr den Stellenwert zurückerhalten, der ihm eigentlich gebühren würde. Auch nach dem 2. Weltkrieg hat es lange gedauert, bis zaghafte Versuche unternommen wurden seine Opern wieder in die Spielpläne der Opernhäuser zu integrieren. Umso mehr muss man die neue Opernintendanz in Graz für ihren Mut bewundern, dass sie ihre erste Spielzeit im September 2015 mit Schrekers „Der ferne Klang“ eröffnet hat.

In dieser Oper ist der Komponist Fritz auf der Suche nach dem „idealen Klang“ für seine Oper. Er ist so besessen von der Idee, dass er zuerst als Komponist erfolgreich sein muss, bevor er seine geliebte Grete heiraten kann, dass er sie verlässt und diese, in der Zwischenzeit vom versoffenen Vater beim Kegeln verspielt, zur Prostituierten absteigt. Noch einmal kreuzen sich ihre Wege in einem Bordell in Venedig, doch auch hier können die beiden nicht zusammenfinden. Am Schluss wird die Oper des Komponisten Fritz bei ihrer Uraufführung ein Misserfolg. Fritz stirbt in Gretes Armen, erfolglos als Komponist und auch gescheitert im privaten Leben.

Schrekers Musik besticht durch ihre expressive Schwüle und ihren erotischen Rausch. Der Komponist hat in diesem Werk auch selbst mit dem Klang experimentiert, indem er Musik nicht nur aus dem Orchestergraben und auf bzw. hinter der Bühne, sondern auch aus dem Zuschauerraum forderte, quasi Dolby-Surround-Effekte Jahrzehnte vor deren tatsächlicher Erfindung. Dazu werden Fernorchester auf der Galerie sowie Choristen in den Logen des Opernhauses postiert. Es bedarf schon einer besonderen Erfahrung alle Musiker so zu koordinieren, dass das Ganze nicht auseinanderfällt. Der Chefdirigent der Grazer Oper, Dirk Kaftan, war der richtige Mann am Pult, um all das souverän zusammenzuhalten und so Schrekers irisierende Klänge mit den gesplitteten Geigen und den zarten Harfenglissandi schwelgerisch aufblühen zu lassen.

Dazu hat Florentine Klepper eine so intelligente wie intensive Inszenierung auf die Bühne gebracht, in der sie auch die psychologischen Strömungen der damaligen Zeit eingearbeitet hat. Sie hatte die geniale Idee das geheimnisvolle alte Weib (das in der Oper keinen Namen hat) als Alter Ego Gretes, als dunkle Seite des eigenen Ichs, darzustellen. Der Dialog Gretes mit dem alten Weib am See, wo Grete eigentlich Selbstmord begehen will (und in dieser Inszenierung versucht ihr Alter Ego zu ertränken), wird somit zur Selbstreflektion. Das alte Weib erscheint daher auch (stumm) öfters als eigentlich im Libretto vorgesehen. In der Bordellszene erweist sich diese Idee geradezu als genial, denn es ist schwer zu verstehen, dass Fritz in einem langen Duett nicht begreift, dass die hier angetroffene Grete eine Prostituierte ist. Aber da er hier die ganze Zeit nicht zu Grete in ihrem weißen Tanzkleidchen mit roten Stiefeln, sondern zu Gretes Alter Ego singt, erscheint die ganze Situation wesentlich glaubhafter. Fritz ist eben ein Künstler, der die Augen vor der Realität verschließt. Und das Ganze korreliert auch mit dem Text. Wenn nämlich der Graf in seinem Lied vom bleichen König singt: „… aufsteigt da eine blasse Frau, mit irrem Blick und mit nassem Haar …“ und man gleichzeitig Gretes Alter Ego mit nassem Haar (wie zu Ende des 1. Aktes) und irrem Blick die Treppen hinaufgehen sieht, passen Wort und Ton zusammen. Ebenfalls eine geniale Idee der Regisseurin war es mit Spiegelungen zu arbeiten. Auch Fritz hat ein Alter Ego, nämlich seinen Freund Rudolf. Das Duett der beiden wird somit zum Selbstdialog des Komponisten Fritz und findet, entsprechend der Spiegelung, ebenfalls am See statt. Schließlich stirbt Fritz in Gretes Armen auf der Dachterrasse von Gretes Elternhaus, wo die Oper begann.

Zu Beginn liegen Grete und Fritz am Boden, nur eine weiße Zeltplane setzt sich vom schwarzen Bühnenhintergrund ab (Bühne: Martina Segna, Licht: Bernd Purkrabek). Erst später, als das Elternhaus Gretes aus dem Bühnenboden hochfährt, erkennt man, dass die beiden auf der Dachterrasse des Hauses liegen. In den ersten beiden Akten, in denen vor allem Gretes Schicksal geschildert wird, dreht sich das Bühnenbild im Uhrzeigersinn. Im dritten Akt, in dem es vor allem um den gescheiterten Komponisten Fritz geht, dreht sich das Bühnenbild wieder gegen den Uhrzeigersinn zurück. So befindet sich die Theaterkantine zu Beginn des 3. Aktes quasi auf der Rückseite des Bordells aus dem 2. Akt, so findet die Begegnung zwischen Fritz und seinem Freund Rudolf als Selbstgespräch an demselben See statt, an dem im ersten Akt Grete mit ihren Selbstmordgedanken kämpft. Und auch hier sieht man, wie der vom Misserfolg enttäuschte Rudolf beinahe Selbstmord begeht, eine innere Stimme (Rudolf) ihn aber dazu überredet die Oper umzuarbeiten und somit doch noch zum Erfolg zu führen. Und nahtlos befindet sich Fritz dann wieder auf dem Dach von Gretes Elternhaus. Hier geht alles rückwärts. Auch der Videofilm, der zu Beginn des 2. Aktes von der Kanalisation durch die unheimlichen Straßen zum Opernhaus geführt hat, wird im 3. Akt nun rückwärts abgespult (Video: Heta Multanen). All diese Spiegelungen machen großen Effekt.

Auch in dieser letzten Vorstellung am Allerheiligentag, zu der auch viele Besucher aus Wien extra angereist sind, war auf der Bühne ein erlesenes Ensemble versammelt. Allen voran die Südafrikanerin Johanni van Oostrum mit ihrem strahlend-jubelndem Sopran und unglaublicher Bühnenpräsenz als Grete, die sogar beim Pole Dance das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss. Daniel Kirch als Fritz war viel besser als in der Premiere, in der er anfangs nervös war und einige Zeit brauchte, bis sein Tenor so richtig strahlend erklang. In dieser letzten Vorstellung war er bereits von Anfang an „voll da“ und bewältigte mühelos diese anstrengende Partie.  Aber auch Konstantin Sfiris< /strong> als polternder und versoffener Vater, Stefanie Hierlmeier als sein keifendes Weib, Wilfried Zelinka in den Rollen des Wirtes im 1. Akt und des Polizisten im 3. Akt, Ivan Oreščanin mit seinem köstlichen Porträt eines Schmierenschauspielers, der steirische Bariton Markus Butter in der Doppelrolle Dr. Vigelius/Graf, Dshamilja Kaiser mit ihrem satten Mezzosopran als altes Weib, Dariusz Perczak als Baron, Taylan Reinhard mit seinem witzig vorgetragenen Couplet über die „Blumenmädchen von Sorrent“, David McShane als Rudolf und Manuel von Senden in einem köstlichen Kurzauftritt als  zweifelhaftes Individuum waren typengerecht und stimmlich ausgezeichnet besetzt.

Diese sensationelle Produktion, die für mich eine der besten Opernaufführungen des Jahres 2015 war, wäre es wert auch an anderen Orten gezeigt zu werden. Das wäre endlich mal eine würdige Aufführung für die Wiener Festwochen! Und wo bleibt die Wiener Staatsoper? 1910 nahm der damalige Direktor der Wiener Hofoper, Felix von Weingartner, auf Empfehlung von Bruno Walter den „Fernen Klang“ zur Uraufführung an. Daraufhin beeilte sich die Universal Edition die Oper zu drucken; den Klavierauszug verfertigte kein Geringerer als Alban Berg. Kaum war das geschehen, demissionierte Weingartner und der neue Direktor, Hans Gregor, hatte nichts Eiligeres zu tun als den Plan, diese Oper zur Uraufführung zu bringen, in der Lade verschwinden zu lassen. Solche Spielereien sind in Wien ja nie ganz aus der Mode gekommen. So hatte sich die Frankfurter Oper, die ja diesbezüglich immer schon eine gute Nase für neue Werke hatte, die Rechte an der Uraufführung gesichert. Und nach der triumphalen Premiere dort am 18. August 1912 trat die Oper ihren Siegeszug durch ganz Europa an. 1924 folgte, wie bereits erwähnt, die Österreichische Erstaufführung am Opernhaus Graz, 1976 konnte man diese Oper, wieder in Graz, in einer konzertanten Aufführung anlässlich eines Franz-Schreker-Symposiums hören, und schließlich fand am 20. April 1991 (!) als letzte Premiere der Ära Claus Helmut Drese die Erstaufführung an der Wiener Staatsoper statt, also an dem Haus, an dem die Oper eigentlich uraufgeführt hätte werden sollen. Ob dieser Premierentermin absichtlich gewählt wurde (als späte Rache an dem Herrn, der die Erfolgssträhne des Franz Schreker mit dem  Aufführungsbann jäh unterbrochen hat) oder reiner Zufall war, lässt sich wohl heute nicht mehr klären. Tatsache ist jedoch, dass die erfolgreiche Produktion von Jürgen Flimm (mit Catherine Malfitano und Thomas Moser unter der musikalischen Leitung von Gerd Albrecht) nur acht Mal gespielt wurde und von der nachfolgenden Operndirektion Waechter/Holender nach Amtsantritt sofort abgesetzt wurde. Seit nunmehr 24 Jahren wurde an der Wiener Staatsoper keine Oper von Franz Schreker  mehr aufgeführt. Wenn man sein Meisterwerk „Die Gezeichneten“ sehen wollte, musste man in den vergangenen Jahren z.B. nach Lyon, Köln, Los Angeles, Palermo, Amsterdam oder Stuttgart fahren. „Der ferne Klang“ wurde u.a. in Mannheim, Straßburg, Bonn, Nürnberg, Zürich und Berlin gespielt. In Amsterdam konnte man sogar Schrekers „Der Schatzgräber“ sehen. Und da zu befürchten ist, dass die Direktion der Wiener Staatsoper auch für die nächsten Jahre nicht an die Aufführung einer Schreker-Oper denkt, bleibt nur zu hoffen, dass die Oper Graz vielleicht, vom großen Erfolg dieser Produktion animiert, die Aufführung eines weiteren Werkes dieses großen österreichischen Komponisten ins Auge fassen wird. Wie wäre es mit den „Gezeichneten“ oder dem „Schatzgräber“?

Walter Nowotny

 

 

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