Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

GRAUPA/Richard-Wagner-Museum (Schloss): ERÖFFNUNGSKONZERT DER WAGNERIADE 2014 MIT YAARA TAL & ANDREAS GROETHUYSEN

Graupa/Richard-Wagner-Museum (Schloss): ERÖFFNUNGSKONZERT DER WAGNERIADE 2014 MIT YAARA TAL & ANDREAS GROETHUYSEN 11.5.2014

 Wenn dieses Jahr auch kein offizielles „Wagner-Jahr“ ist und Richard Wagner nur (!) seinen 201. Geburtstag hat, wird dieser im Richard-Wagner-Museum Graupa doch mit einer „Wagneriade“ (11.- 25.5.) aus 8 Veranstaltungen: Konzerten, Lesungen und einer Ausstellungseröffnung gebührend gefeiert.

 Das Eröffnungskonzert im ehemaligen Jagdschloss – jetzt Wagnermuseum – gestaltete das Duo Jaara Tal & Andreas Groethuysen. Die israelische Pianistin und der deutsche Pianist gehören unbestritten zu den weltweit besten Klavierduos, die in den renommiertesten Veranstaltungshäusern konzertieren, u. a. in Wien, Amsterdam, Berlin, Mailand und Hamburg sowie bei den Salzburger Festspielen. Deshalb haben sie ihren Anschlag auch auf die großen Säle eingestellt, was in dem kleineren Konzertsaal des Museums allerdings fast zu viel des Guten war, aber man gewöhnte sich daran.

 Zu ihrem besonderen Markenzeichen gehören Kreativität bei der Gestaltung ihrer Konzertprogramme und die „Hebung von Schätzen“ zu Unrecht vergessener oder selten gespielter Werke der Musikliteratur. Beides führte zu einem hochinteressanten Nachmittag voller musikalischer Entdeckungen.

 In 30 Jahren sind die beiden Pianisten künstlerisch und privat so „zusammengewachsen“, dass ihr Spiel „deckungsgleich“ wirkt und ihre unterschiedlichen gestalterischen Temperamente zu einer Einheit verschmolzen sind. Gerade dieses völlige Verschmelzen von Gegensätzlichkeiten und Gemeinsamkeiten wurde zum besonderen Attribut ihrer Gestaltungskraft.

 Groethuysens Spiel zeichnet neben Solidität und Werkverständnis eine große Palette an Ausdrucksmöglichkeiten von besonderer Feinsinnig bis zu hochdramatischen „Ausbrüchen“ aus. Es bildet Fundament und Rahmen des gemeinsamen Gestaltens. Yaara Tal verleiht in ihrer energiegeladenen Art dem gemeinsamen Spiel Frische und Power. Vielleicht liegt gerade darin das Erfolgsgeheimnis des Duos.

 An 2 Bösendorfer-Imperial-Konzertflügeln brachten Tal & Groethuysen unter dem Motto „Die Berauschten – Wagner-Verehrung an beiden Rheinufern“ in ihrer speziellen, ganz persönlichen Art Klavier-Transkriptionen von Werken Richard Wagners und Claude Debussys zur Aufführung, zwischen denen es enge Beziehungen und Verbindungen gibt. Diese interessanten Beziehungen gestalteten sie sehr eindrucksvoll in ihrem unkonventionellen Programm, unterstützt durch einige Erläuterungen Groethuysens aus der Sicht des Insiders.

 Die Programmgestaltung als ein besonderes Arrangement der „Arrangements“, war so konzipiert, dass beide Komponisten im Wechsel gespielt wurden, um möglichst viele Verbindungen und Entsprechungen der Werke beider Komponisten sichtbar und vor allem hörbar werden zu lassen. Es gehört zu Yaara Tals Hobby, solche Verbindungen und Gemeinsamkeiten aufzuspüren.

 Wagner hatte seinerzeit großen Einfluss auf die Franzosen, zunächst nur auf die Literaten, später aber auch auf die Musiker. Besonders Debussy hatte eine enge Bindung zu Wagners Musik, was durch die zur Eröffnung des Konzertes gespielte „Ouverture du Vaisseau Fantome„, Debussys Arrangement von Wagners „Fliegendem Holländer“ (Fassung von 1860) aufs Eindrucksvollste bestätigt wurde.

 Es folgte „En blanc et noir“ (1915) von Debussy (Jules Barbier et Michel Carrè aus „Romeo et Juliette„) in 2 Teilen, zwischen denen „Siegfrieds Tod“ aus der „Götterdämmerung“ in einer Bearbeitung von Alfred Pringsheim, Thomas Manns Schwiegervater, eingeschoben wurde. Pringsheim war nicht nur Mathematiker, sondern auch ein hochbegabter Bearbeiter für 2 Klaviere. Seine Bearbeitungen übertrafen oft an Plastizität die seiner professionellen „Komponisten-Kollegen“.

 In dem 1915 für 2 Klaviere komponierten „En blanc et noir“ verarbeitet Debussy den Tod seines im 1. Weltkrieg gefallenen Freundes. Neben „Kanonendonner“ und „Gewehrkugelregen“ findet sich auch der verfremdete, schwach zu erkennende Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“ als Synonym für die “Austro-Boches”, die deutschen Kriegsfeinde, Protestanten und „Barbaren“, um sich – wie Debussy schrieb – in ein “Caprice à la francaise zu verirren” sowie ein leiser Anklang an die „Marseillaise„, die, ebenfalls verfremdet, wie ein bescheidenes Glockenspiel mehr zu erahnen als zu erkennen ist, und ein leiser Anklang an Igor Strawinskys „Feuervogel„. Vor allem aber taucht das pochende Todesmotiv von Siegfrieds Tod in einer Art „Trauermarsch“ auf.

 Im „Prélude à l’près-midi d’un faune“ („Nachmittag eines Fauns„) hat sich Debussy sehr nahe an Wagners „Tannhäuser„-„Bacchanale“ orientiert. Während Tannhäuser in den Armen der Venus einschläft, erwacht der Faun aus seinen erotischen Träumen und befindet sich unter Nymphen und Faunen. Beide Komponisten „bemühen sagenhaftes Personal“, wie Groethuysen meinte. Die Sirenen, die bei Wagner (nur) hinter der Bühne auftreten und deshalb kaum wahrgenommen werden, konnten in dem „Bacchanale – Le Vénusberg“ (Fassung 1861) in einer Bearbeitung von Paul Dukas (1893) am Klavier deutlich herausgearbeitet werden. Diese Bearbeitungen haben außer dem Vorteil, die Musik auch ohne großen Orchesterapparat aufführen zu können, wofür sie eigentlich gedacht waren, eben auch solche Vorteile. Man kann die betreffende Komposition einmal aus ganz anderer Sicht kennenlernen und manches Detail entdecken, das sonst durch viel Ablenkung auf der Bühne und im Orchestergraben kaum wahrgenommen wird.

 Die Schlussszene aus der „Götterdämmerung“ bildete den Abschluss und krönenden Höhepunkt. Hier ließ die Klavierbearbeitung und ihre perfekte Wiedergabe die szenische Darstellung, Sänger und Orchester vergessen, so plastisch arbeiteten die beiden Pianisten die nachempfundenen Orchesterpassagen heraus und ließen das Ende der Oper, der Welt … und des Konzertes, mit einem derart überwältigenden, extrem langen Nachklang auf beiden Flügeln mittels Pedal ausklingen, dass Inhalt und Bedeutung dieser Szene noch lange bei den Zuhörenden nachklang.

 Trotzdem oder gerade deshalb erklatschte sich das begeisterte Publikum eine Zugabe: das zweite der „Trois Nocturnes“, das Debussy um 1900 für zwei Klaviere schrieb.

 Ingrid Gerk

 

 

Diese Seite drucken