Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

GRAFENEGG: ORCHESTERKONZERT MIT CAMILLA NYLUND

Engelsgleiche Stimme trifft auf hochwertige musikalische Begleitung

22.08.2020 | Konzert/Liederabende


Camilla Nylund, Marin Alsop. Foto: Susanne Lukas

Grafenegg: „Orchesterkonzert Camilla Nylund“ – 21.8.2020 – engelsgleiche Stimme trifft auf hochwertige musikalische Begleitung

Wenn man den zweiten Abend hintereinander das Grafenegger Festival „Klang trifft Kulisse“ besucht, kann es verleiten, Vergleiche ziehen: 2 fantastische Klassik-Weltstars mit Piotr Beczala, nun die große dramatisch-lyrische Sopranistin Camilla Nylund und 2 unterschiedlichen Orchestern. Während man am 20.8. vor allem von teilweise unsauber spielenden MusikerInnen enttäuscht war, glänzte am Folgetag das ORF Radio-Symphonie-Orchester unter der Leitung von Chefdirigentin Marin Alsop und verzaubert zu einem gefühlvollem Klang-Erlebnis.

„Knoxville: Summer of 1915“ op. 24 wurde sowohl von Camilla Nylund als auch vom RSO für dieses Konzert erstmals einstudiert. Das Stück von Samuel Barber wurde 1947 nach James Agees autobiographischen Roman „A death in the family“ komponiert. Darin wird erzählt, wie der Vater starb, als Agees ein etwa 10-jähriger Bub war und wie idyllisch das Familienleben im sommerlichen Garten in Knoxville, im Süden der USA, davor war. Auch in Grafenegg liegen viele Besucher auf ihren Decken im Gras des prächtigen Parks, genießen die friedliche Atmosphäre eines warmen Sommerabends und lassen Musik, die – in rosa gekleidete – glänzende Interpretin und die märchenhafte Umgebung auf sich wirken. Und so wie dem Kind aus dem US-Bundesstaat Tennessee kann einem bewusst werden: momentan ist alles in Ordnung, aber niemand weiß, wie die Zukunft aussieht. Beginnend mit Andante, un poco mosso, erklingen sanfte, träumerische Klänge und die füllige Sopranstimme findet mit lyrischem Farbenreichtum zu feinsten, zarten Tönen. Es wird so leicht möglich, in die Stimmung von „when people sit on their porches, rocking gently and talking gently“ und „people in pairs, not in a hurry…the taste hovering over them of vanilla, strawberry, pasteboard and starched milk“ einzutauchen. Nach einem poetisch-nostalgischen Intermezzo endet der liebliche Teil etwas abrupt und mit Allegro agitato wird die Musik wilder, der Gesang aufgeregter. Bei „A streetcar raising into iron moan…The bleak spark crackling and cursing above it“ glaubt man fast die sprühenden Funken heraus zu hören. Quietschende Elemente verbreiten chaotische, wilde Gefühle. Dann folgt wieder Lyrischeres und die Finnin beschreibt mit müheloser, strahlender Höhe „on the rough wet grass of the backyard my father and my mother have spread quilts“. Wenn die Sängerin dann ein Dankgebet für „may God bless my people, my uncle, my aunt, my mother and my good father“Meno mosso – mit wohlig-beschaulicher Tonlage singt, bemerkt man beim folgenden „Oh, remember them kindly in their time of trouble and in the hour of their taking away“ die kommende, nervösere Gemütsverfassung. Der Schlussteil Come prima, un poco mosso lässt das Publikum mit engelsgleichen, tragfähigen pianissimi bei „But will not ever tell me who I am“ endgültig davonschweben. Die kleine, zierliche Dirigentin Alsop hat alles bestens im Griff und beendet das wunderschöne Stück ihres amerikanischen Landsmanns mit Klangschönheit und einem fragend klingenden Orchester: „Was wird die Zukunft bringen?“. Nach großer Begeisterung des Publikums und einem Küsschen der beiden Damen, darf man sich auf die nächsten Auftritte von Camilla Nylund an der Wiener Staatsoper freuen: im September in „Elektra“, im November in „Ariadne“ und in der Sylvester-„Fledermaus“ in einer ihrer Lieblingsrollen, als Rosalinde.

Der zweite Programmpunkt bringt die Symphonie Nr. 3 Es-Dur op. 97 „Rheinische“ von Robert Schumann. Im 1. Satz erleben wir lebhafte, fröhliche Tone, aber auch prachtvoll-erhabenes und wunderschöne Klänge mit großer Heiterkeit. Das Orchester besticht mit harmonischem Spiel und die Freude am Musizieren ist erkennbar – es ist erst die zweite Aufführung des RSO (nach dem Konzert mit Piotr Beczala bei den Salzburger Festspielen) seit dem Lockdown. Nach dem 2. Satz Scherzo. Sehr mäßig, wo gemütlichere Stimmung erzeugt werden kann, passt der 3. Satz Nicht schnell optimal zur abendlichen Atmosphäre. Es dämmert und die rote Beleuchtung auf der Bühne strahlt – so wie das behutsame Dirigat mit ernsterer Musik und zarten Wendungen – viel Wärme aus. Etwas trauriger, zum Teil fast wie ein Requiem, ertönt der 4. Satz Feierlich, während im letzten Satz Lebhaft – Schneller sogar die Frau am Pult (ohne Partitur!) springlebendig zu tänzeln beginnt und mit ganzem Herzen dabei ist.

Das Konzert endet nach weniger als einer Stunde ohne Zugabe und mit der herrlichen Musik und dem einzigartigen Ambiente des Schlossparks wurde es ein emotionaler Abend.

Susanne Lukas

 

Diese Seite drucken