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Gotha: SARDANAPALUS

20.08.2012 | Oper


Das Ekhof-Festival in Gotha bot mit „Sardanapalus“ von Boxberg –
mit Jan Kobow in der Titelrolle – eine barocke Opernrarität
(Foto: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha / Lutz Ebhardt)

Opernrarität beim Ekhof-Festival in Gotha:
„Sardanapalus“ von Christian Ludwig Boxberg
Vorstellung: 18. 8. 2012

Das Ekhof-Festival in Gotha wartete auch heuer mit einer echten Opernwiederentdeckung auf: „Sardanapalus“ von Christian Ludwig Boxberg, einem Werk, das seit seiner Uraufführung im Jahr 1698 vermutlich nie wieder gespielt wurde. Der fast völlig in Vergessenheit geratene deutsche Komponist Christian Ludwig Boxberg, den man auch in den meisten Opernlexika vergeblich sucht, wurde 1670 in Sondershausen geboren. Er besuchte die Thomasschule und die Universität Leipzig, wurde 1692 Organist in Großenhain und wirkte gleichzeitig als Sänger, Librettist und Komponist. Zwischen 1694 und 1700 wurden mehrere Opern von ihm in Leipzig, Wolfenbüttel, Kassel und Ansbach aufgeführt. 1702 wechselte er an die Kirche St. Peter und Paul in Görlitz, wo er sich bis zu seinem Tod 1729 vor allem der Kirchenmusik zuwandte. In seinen Bühnenwerken versuchte er in der Nachfolge von Nicolaus Adam Strungk eine deutsche Nationaloper zu schaffen, wobei seine Opern deutlich venezianische Einflüsse zeigen, was vermutlich auf Strungks Erfahrungen in Italien zurückzuführen ist.

„Sardanapalus“, die als älteste Oper Mitteldeutschlands gilt, wurde 1698 auf einer Gastspielreise des Leipziger Opernensembles in Ansbach uraufgeführt, wodurch Text und Noten in die Ansbacher Bibliothek gelangten. Dass sie dort erhalten blieben, bezeichnet der Barockmusik-Experte Dr. Michael Maul vom Leipziger Bacharchiv, der bei dieser Inszenierung als musikwissenschaftlicher Berater fungierte, als „Glücksfall. Opern waren damals Gebrauchsmusik, sie wurden für die Höfe komponiert, und dort wandelte sich der Musikgeschmack schnell.“

Das Werk, dessen Libretto der Komponist selbst verfasste, handelt vom letzten assyrischen König Sardanapal, der an seiner Gier nach Luxus und Leidenschaften zugrundegeht. Während sein Reich von feindlichen Armeen bedroht wird, frönt er der Wollust. An seinem Hof nimmt ein eng verflochtenes Intrigenspiel um Geiseln aus dem Feindeslager, die Ehefrau und die Geliebte des Herrschers und Dienstboten seinen Lauf, dessen Verwicklungen und Verwechslungen schließlich zum glücklichen Ende für einige tugendhafte Paare, aber zum Tod des lüsternen Herrschers und seiner Ehefrau führen. In Erwartung seiner Ermordung zerstört Sardanapal alle seine Schätze und wählt den Freitod auf dem Scheiterhaufen. Bei Künstlern war er als Motiv sehr beliebt. Berühmt ist das Gemälde von Delacroix, im 17. Jahrhundert entstanden mehrere Opernlibretti, im 19. Jahrhundert schuf Berlioz die Kantate La Mort de Sardanapale, und Lord Byron schrieb eine Tragödie.

Die Aufführung im Ekhof-Theater auf Schloss Friedenstein entstand in Kooperation der Musikhochschulen Leipzig und Stuttgart sowie der beiden Orchester-Ensembles Compagnie Opéra Baroque und United Continuo unter der umsichtigen Leitung von Bernhard Epstein, welche die farbige Partitur des Komponisten, die einige Male sogar rhythmische Klänge aufwies, professionell wiedergaben. Die Inszenierung von Milo Pablo Momm, der auch für die Choreographie verantwortlich war, nützte die weltweit älteste Bühnenmaschinerie, die bis auf die Entstehungszeit des Theaters 1683 zurückgeht und die während der Aufführung bei 12 Bilderwechseln vollständig zum Einsatz kam –  einschließlich Donnerschacht, Wolkenflug und Versenkung. Die Verwandlung der Bühnenbilder (Entwürfe: Jürgen Weiss und Bettina Schünemann) gelang so perfekt, dass immer wieder Szenenapplaus aufkam. Für die Ausstattung und barocken Kostüme, die dem Publikum einen authentischen Barockopernabend von etwa vier Stunden vermittelten, war Jan Hoffmann verantwortlich.

In der Titelrolle zeichnete der Tenor Jan Kobow recht überzeugend den assyrischen König, der sich zu schminken pflegte und in Frauenkleidern herumspazierte, um sich mit Frauen und Männern der Wollust hinzugeben. Sardanapals Ehefrau Salomena, die sich in den Gefangenen Belochus verliebt, wurde von der attraktiven Sopranistin Antje Rux dargestellt, die ihr großes Talent in einigen Arien unter Beweis stellte. Besonderen Anklang fand Belochus nicht nur bei weiteren Damen am Hof – wie Didonia und Agrina, von  den Sopranistinnen Elisabeth Göckeritz und Theodora Baka gesungen –, sondern auch beim Publikum, die den Altus  Franz Vitzthum in dieser Rolle für seine stimmlichen Darbietungen immer wieder mit Szenenapplaus bedachten.

Sehr komödiantisch gab der Tenor Sören Richter die Rolle des Atrax, des Dieners des Feldherrn Arbaces, der – dargestellt vom Bass Marcus Flaig – in die assyrische Fürstin Agrina verliebt ist. In weiteren Rollen agierten noch die Sopranistin Kathleen Danke als Agrinas Page Misius, der Tenor Johannes Weiss als Diener Saropes und der Bass Felix Schwandtke als Belesus, dem Vater von Belochus.

Die Tänzerinnen und Tänzer – sie lockerten die Handlung mehrmals mit typischen Barocktänzen auf – waren Mitglieder der Compagnie l’espace. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass sich auch das Sängerensemble bei ihren Arien stets der barocken „Gestensprache“ bediente, die offensichtlich der Regisseur in seinen Inszenierungen forciert.

Das Publikum war trotz der langen Spieldauer der Oper begeistert und zollte allen Mitwirkenden minutenlangen Beifall.

Udo Pacolt, Wien – München

 

 

 

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