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GÖRLITZ / Gerhart Hauptmann Theater: DER LIEBESTRANK

10.10.2016 | KRITIKEN, Oper

Liebestrank Görlitz Am Schiff
Der „Liebestrank“ am Traumschiff  (Fotos: Theater Görlitz)

GÖRLITZ / Gerhart Hauptmann Theater:
DER LIEBESTRANK / L’ELISIR D’ARMORE
Wiederaufnahme
7.
Oktober 2016

Görlitz ist so weit östlich, wie das in Deutschland nur möglich ist. Die Neisse fließt durch die Stadt und teilt den deutschen Teil säuberlich vom polnischen, der heutzutage glücklicherweise mit Brücken verbunden und nicht durch Grenzposten getrennt ist. Diesseits ist die „gute alte DDR“ immer wieder noch zu wittern, sei es im Stadtbild, sei es in den Köpfen vereinzelter, misstrauisch und verbiestert auf „Westler“ sehender Zeitgenossen. Kein Wunder, dass Görlitz als stockkonservativ gilt, zumal in der Theaterwelt, wo man mit einem eindrucksvollen Bau aus besseren Zeiten (als die Stadt noch sehr reich war) prunken kann: Das Gerhart Hauptmann Theater wird auch stolz  „die zweite Semper Oper“ genannt.

Aber glücklicherweise ist die Opernwelt nie frei von Überraschungen, und so erlebt der Gast als Wiederaufnahme der April-Premiere eine so verrückt-vergnügliche, absichtlich blödsinnige und verblödelte Aufführung von Donizettis „Liebestrank“ (mit dem deutschen Titel angekündigt, Italienisch gesungen, mit deutschen und polnischen Übertiteln), dass das Staunen schnell in den Spaß übergeht.

Der Schweizer Regisseur Christian Papke bekennt im Programmheft (da hat sich die Dramaturgie mit Erklärungshilfen für das Publikum jede erdenkliche Mühe gegeben), dass der „Liebestrank“ jetzt „nicht unbedingt das typische Thema für Regietheater“ sei, aber er tut es doch. Seine Neudeutung geht bis in die Unkenntlichkeit, wenn die Geschichte auf einem Schiff spielt (Ausstattung: Klaus Werner Noack) wo Norina Offizierin ist (mit fescher Mütze, „Traumschiff“ sieht ja wohl jeder), Belcore der Security-Chef, Dulcamara der Entertainer und Nemorino halt ein armer Schiffsjunge. Wer das Original nicht kennt, wird nach diesem Abend keine Ahnung davon haben, die Geschichte mit Liebestrank, Königin Isolde und dergleichen funktioniert solcherart gar nicht, und wenn Dulcamara mit „Udite, udite, o rustici“ auftritt, sind natürlich auch weit und breit keine Rustici, wohl aber best geformte Damen im Bikini und viel schmuckes Schiffspersonal zu sehen. Aber man soll nicht so kleinlich sein.

Denn Papke zieht seine Idee (und wenn man die auf die Inszenierung zugeschnittene Inhaltsangabe gelesen hat, kapiert man auch die neue Konzeption) absolut durch. Mit Mätzchen aller Art. So wird Dulcamaras Erscheinen durch das Rattern von Hubschrauber-Rotoren angekündigt, er wird auf einer Strickleiter vom Himmel herabgelassen und beginnt gleich im Glitzergewand mit wogenden Hüften sein Entertainer-Geschäft. Ja, es wird viel geschwungen und getanzt in dieser Inszenierung, Donizettis Musik eignet sich (wieso ist uns das noch nie aufgefallen?) offenbar dazu, flott getanzt zu werden, und alle Beteiligten tun dies, so oft sie können, wohl auch unter Anleitung der Choreographen Dan Pelleg und Marko E. Weigert.

Liebestrank Görlitz Fitnessstuido
Duett im Fitness-Studio: Thembi Nkosi und Cristina Piccardi

Amüsanter Höhepunkt dann die Begegnung von Adina und Nemorino im – Fitness-Studio. Da hat die Sängerin einiges zu leisten – schwierige Stretch- und Dehnübungen, die in ihrer Geschmeidigkeit nur wenige so hinlegen würden, bei gleichzeitigem Donizetti-Gesang. Vergleichsweise hat es der schmachtende Tenor noch leichter, der muss nur am Trainings-Fahrrad strampeln… Doch wenn man nicht kleinlich ist („Was hat das mit dem Liebestrank zu tun?“) und sich auf diesen ganzen, gut gemachten Unsinn einlässt, wird man auch als Opernfreund, der eigentlich Respekt für die Werke einfordert, angesichts dieser „Übersetzung“ der Geschichte ganz vergnügt sein. Tatsächlich könnte man sich den Abend glatt an der Volksoper vorstellen…

Das schöne Gerhart Hauptmann Theater der Görlitzer wirkt von außen größer, als es der Opern / Theatersaal ist, und das kommt vor allem Nemorino zugute. Denn der schwarze Südafrikaner Thembi Nkosi hat (abgesehen davon, dass er so drollig wirkt, wie es der Rolle wohl ansteht) einen wirklich schön timbrierten, leichten Tenor mit müheloser Höhe und tadelloser Technik zu bieten. Es wäre nur zu befürchten, dass er die Stimme in jedem größeren Haus forcieren müsste und dadurch an Qualität verlöre, was schade wäre. Aber in diesem „Liebestrank“ war er ein Goldstück – und er ist ja, nach Mini-Rollen in Stuttgart, hier in Görlitz erst am Anfang.

Wie man nicht nur bei uns in Wien, sondern weltweit in der Oper feststellen  kann, liefern die Koreaner hochqualitative Stimmen, besonders dunkle, wie vom Fließband. Auch Ji-Su Park als Belcore ist dafür ein Beispiel, und bei ihm hat man keine Sorge, dass er in größeren Häusern nicht reüssieren konnte, da ist neben anderen Qualitäten (ein witziger Darsteller im Mafioso-Look ist er auch!) auch ausreichend Kraft festzustellen.

Um bei den Herren zu bleiben, so war Federico Sacchi als Dulcamara / Entertainer ein prächtiger, wendiger, stets tänzelnder Spitzbub, von dem man sich nur gewünscht hätte, dass seine Stimme mehr aus der Kehle und weniger aus der Nase kommt. Aber bei dem Wetter (es regnete und regnete in Görlitz und war bitterkalt) kann das natürlich auch glatt ein Schnupfen gewesen sein…

Tut man der rassigen Brasilianerin Cristina Piccardi etwas Böses, wenn man zuerst ihre Model-Gestalt mit den elastischen Gymnastik-Künsten lobt? Die Stimme ist schlank und stark, vielleicht zu groß für das Haus, und wird in der Höhe leicht schrill. Die Gianetta der Anna Gössi konnte (die Rolle gibt einfach wenig her) mehr Optik zeigen als Akustisches hören lassen.

Der sehr junge Evgeny Khoklov, der das Dirigieren u.a. auch in Wien gelernt hat, nahm mit der Neuen Lausitzer Philharmonie Donizetti fest, manchmal fast deftig, aber es war ja nicht das leichtfüßige Original gefragt, sondern der Ton der flotten Rhythmik, den die Inszenierung angeschlagen hat. Und wenn man zu einer Musik dauernd Hüftenwackeln will, muss sie auch entsprechend klingen…

Traurig nur, dass eine Inszenierung, die dezidiert für ein junges Publikum gemacht wurde (damit es seine Welt und seine Mentalität auf der Bühne wieder findet), von diesem nicht besucht wurde. Und die, die kamen, die fortgeschrittenen Jahrgänge, füllten das Haus keinesfalls in befriedigendem Ausmaß. Doch am Ende zeigten sich die Herrschaften, die dem Geschehen eher skeptisch zu folgen schienen, als höchst applausfreudig. Und das Ensemble hat die Zustimmung wirklich verdient.

Renate Wagner  

 

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