Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Glosse: Warum es in russischen Opern immer schneit

23.11.2019 | Feuilleton

Von Manfred A. Schmid

In Russland ist es klirrekalt, das weiß jedes Kind. Und im Gegensatz zur allgemeinen Klimaerwärmung wird es dort offenbar immer kälter. Es schneit in einem fort. Das wird dem Publikum jedenfalls in Peter Iljitsch Tschaikowskys Oper Eugen Onegin vor Augen geführt, die derzeit wieder an der Wiener Staatsoper zu sehen ist. Da schneit es so arg, dass auf der Bühne nicht ein einziges Birkenbäumchen – sonst ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich die Handlung in Russland abspielt – zu sehen ist. Alles eine unendlich weite Schneewüste. Und, wie schon Nietzsche wusste: Die Wüste wächst, und das von Akt zu Akt. Der unablässig vom Himmel fallende Schnee vertreibt das letzte Stück Hoffnung, in diesem Stück je wieder ein zartgrünes Birkenbäumchen zu Gesicht zu bekommen.

Lenski (Pavol Breslik), vom Schnee umweht. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Warum machen das die Regisseure so? Genauer gefragt: Warum macht das der Herr Falk Richter in seiner Inszenierung so? – Ich habe da eine Theorie: Der Regisseur weiß natürlich, dass es in Russland nicht immer schneit. Manchmal regnet es, manchmal scheint sogar die Sonne, und manchmal ist dort – wie überall auf der Welt – gar kein Wetter. Aber er geht davon aus, dass der kleine Maxi davon überzeugt ist, dass es in Russland ständig schneien würde. Und da er vermutet, dass im Publikum lauter kleine Maxis und kleine Maxines herumsitzen, die nicht enttäuscht werden wollen, holt er sie – wie man so sagt – dort ab, wo sie sich erwartungsgemäß befinden: Im Glauben, dass Schneeflocken zu Russland gehören wie der Wiener Walzer zu Österreich, wo ja auch ständig getanzt wird.

Da im Publikum aber in jeder Vorstellung mindestens sieben Russen und deren goldbehängte Ehefrauen in den Logen sitzen, verwendet der Regisseur die Vorhänge zwischen den Szenen dazu, diese Kenner der wahren russischen Wetterverhältnisse dahingehend aufzuklären, dass er, der Regisseur, selbstverständlich wisse, dass in Russland nicht unablässig Schnee vom Himmel falle. In mehreren auf diese Vorhänge projizierten, in russischer Sprache handgeschriebenen Kassibern in Briefform gibt er zu verstehen, dass, im Gegensatz zu ihnen und ihm, die übrigen Besucher – die kleinen Maxis und die kleinen Maxines eben – sehr wohl fest daran glauben würden.

Obwohl des Russischen unkundig, bin ich mir sicher, dass das die Botschaft ist, die hier vermittet wird. Denn wären diese Nachrichten an alle gerichtet, dann hätte der Herr Regisseur sie bestimmt in deutscher Sprache abgefasst.

Wie dem auch sei: Der Trick des Regisseurs tut jedenfalls seine Wirkung und beruhigt die Russen und deren Ehefrauen so sehr, dass sie sich, nachdem sie sich – so meine Deutung – während der ersten Szenen noch erregt über den übertriebenen Einsatz von Schnee unterhalten haben, nun entspannt zurücklehnen und nur noch vom Shopping in der Kärntner Straße schwärmen, während Väterchen Frost im 3. Akt längst auch schon den Moskauer Palast des Fürsten Gremin von dicken dichten Flocken zuschneien lässt.

November 2019

 

Diese Seite drucken