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Giuseppe Verdis MACBETH MET 2014 mit Lučić, Netrebko

27.10.2015 | CD/DVD/BUCH/Apps, dvd

Macbeth-Met 14 Giuseppe Verdis MACBETH MET 2014 mit Lučić, Netrebko, Pape und Calleja – Bu-ray Disc Deutsche Grammophon

Jetzt liegt er also auch in Blu-ray Format auf, der Mitschnitt dieser von der Besetzung her spannenden und außergewöhnlichen Aufführung aus New York. Die live Übertragung in HD hat am 11. Oktober 2014 stattgefunden. Die Inszenierung von Adrian Noble aus dem Jahr 2007 ist typisch „MET“ (konservativ „werkgetreu“ und nett anzusehen mit Häubchen, Handtasche und Perlenketten tragenden Hexen) und erst die dritte in der Geschichte der MET überhaupt. Die erste hat im Jahr 1959 stattgefunden (Regieteam Carl Ebert, Caspar Neher) Wir wollen uns gerne daran anhand der Live wie Studio Aufnahme unter Erich Leinsdorf erinnern – wo unsere Leonie Rysanek als Einspringerin für die Callas auf Basis einer sensationellen Gesangsleistung den Grundstein ihrer Weltkarriere legen konnte. Sie hat die Rolle klugerweise nicht allzu oft gesungen und ich hoffe, dass auch die fabelhafte Anna Netrebko das nicht allzu oft tun wird.

Für Anna Netrebko als lyrischem Sopran mit Spinto-Qualitäten ist die Lady Macbeth eine Grenzrolle. Gut und künstlerisch ist es mehr als gerechtfertigt, dass die „russische Tigerin“ und weltbeste Verdi-Sängerin das Rollenrisiko – trotz der angeblichen Ausredeversuche zahlreicher Freunde – eingegangen ist. Das künstlerische Ergebnis ist durchwegs überwältigend und stilistisch überzeugend. Sie singt mit rund dunklem Ton, die Höhen sind mutig und dramatisch klug angesetzt. Selbst die Verzierungen kommen – wie nicht unbedingt bei ihr üblich – mit hoher Präzision und Akkuratesse. In den Ensembles, vor allem der Bankettszene strahlt sie über alle mühelos hinweg. Die Tiefe ist manchmal wie bei ihrer großen öst. Vorgängerin etwas mulmig, einige unschöne Schleifer in der unteren Lage sind ebenfalls zu verbuchen. Aber Anna Netrebko schlüpft so überzeugend in die Shakespeare Rolle, dass ihr Porträt dem ihres kundigen und versierten Partners Zeljko Lučić in nichts nachtsteht. Der serbische Charakterbariton eignet sich hervorragend für Rollen wie Rigoletto oder eben Macbeth. Seine voll strömende Stimme vermag einen Seelenspiegel der jeweiligen Figur zu zeichnen. Daher klingt er auch als Rigoletto anders im Vergleich zum Macbeth. Lucic düsterer Titelheld ist hörbar verletzlich, von Anfang an „menschlich“ und natürlich nicht exkulpierend getrieben aus Liebe und Hörigkeit zu dieser goldblond gemähnten Lady mit Ambition. Fast könnte man Mitleid mit dem aus Widerwillen und falschem Ehrgeiz zu Mord und Usurpation Getriebenen haben. Wobei ihm der zweite Mord an Banco psychisch so schlecht bekommt, dass er die (politische) Kontrolle und damit schlussendlich auch die Macht verliert. Da nützen auch die sexuellen Turnübungen der Lady wenig, um ihn wieder aufzurichten. Lučić führt seinen Bariton breit, was manchmal den Eindruck mangelnder Fokussierung hervorruft. Wahrscheinlich hat er dadurch Limits, die er aber bei Macbeth (noch) nicht erreicht.

Rene Pape orgelt seinen Banco, so wie man es von diesem wuchtigen Bass gewohnt ist. Er klingt eher teutonisch als italienisch, ist ein hervorragender Akteur, der auch noch in der stummen Rolle des blutüberströmten Geistes seiner selbst noch mit großer Bühnenpräsenz aufwarten kann. Vollends zum vokalen Hyperevent wird die Aufführung jedoch durch die Mitwirkung von Josep Calleja in der Rolle des Macduff. Wie er im vierten Akt in seiner Arie „Ah, la paterna mano“ seine im Exil getötete Familie beweint, ist ganz große Klasse. Der von Technik und Typus an den jungen Pavarotti gemahnende Tenor aus Malta ist kein großer Schauspieler, vermag aber alleine durch seine helle perfekt in der Maske sitzenden, edel timbrierten Stimme eine außergewöhnliche Präsenz auf den Brettern, die die Welt bedeuten, herstellen.

Die Leitung des MET-Orchesters als eines der besten Opernorchester überhaupt (Vorspiel!) lag in den Händen des Hausdirigenten Fabio Luisi. Höchst gediegen und präzise führt Luisi Orchester und Chor (Einstudierung Donald Polumbo) durch die aufwühlenden Verdi-Klangwelten. An ganz große Meister wie De Sabata, Leinsdorf, Abbado, Muti oder Sinopoli kommt er von Differenzierung, Feinjustierung und orchestraler Tiefendeutung her nicht heran. Manchmal könnte die Innenspannung größer sein und bei den Tempi (etwa im Finale des 2. Aktes) die Schraube angezogen werden (vgl. hier etwa Joseph Keilberth in dem Mitschnitt aus dem Admiralspalast Berlin mit Mödl und Metternich). Die Qualität des MET Orchester sorgt aber dennoch für die nötigen Hitzegrade im instrumentalen Drama.

Die filmische Aufzeichnung pendelt wie üblich zwischen Cinemascope Tableaus und Nahaufnahmen hin und her. Das ergibt spannende Einblicke sozusagen in die „Werkstatt“ der Sänger, was bei manchen (Netrebko, Calleja) sehr schön anzusehen ist, bei stärker „grimassierenden“ Sängern (Lucic, Pape) nicht immer nur vorteilhaft scheint. Elektrisierend ist es allemal, weil ein Teil des Reizes einer live Übertragung eben die spontane Emotion der Künstler ist, die sich so bestens einfangen lässt. Aufregend ist beispielsweise, wie mit Netrebko im 2. Akt die „Pferde“ durchgehen, als sie bemerkt, dass ihr Macbeth in den Wahnsinn driftet. Zuerst noch mit unverhohlener Wut, bricht die arrogante Maske der Macht der Lady nach und nach ab und Sorge und beginnende Angst mache sich breit. Großartig!

Es ist unschwer vorauszusagen, dass viele Opernfreunde mit der Neuerscheinung eine große Freude haben werden.

Ob die knappe und bemühte Einleitung durch Anita Rachvelishvili wirklich nötig ist oder nicht, darüber sollen andere diskutieren. Die backstage-Interviews als Extras geben manch aufschlussreiche Einblicke in die Gedankenwelten von Netrebko, Lucic, Calleja, Pape, Palumbo, Frye und Luisi.

Dr. Ingobert Waltenberger

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macb2007 Dieselbe Inszenierung wurde schon 2007 auf DVD geliefert, mit einem prachtvollen Zeljko Lučić in der Titelrolle, Maria Guleghina in Spitzenform als fulminante Lady und als Banco John Relyea. Dirigiert hat damals James Levine. (DZ)

 

 

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