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Giuseppe Verdis AIDA – Antonio Pappano/Anja Harteros, Jonas Kaufmann – 2 unterschiedliche Rezensionen

05.10.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

aida pappano-kaufmann-cover- WARNER Giuseppe Verdis AIDA – dirigiert von Antonio Pappano mit Anja Harteros und Jonas Kaufmann – 3 CDs WARNER – 3 CDs 0825646106639

Pappano u. Kaufmann co. Warner Jonas Kaufmann setzt als Radames Maßstäbe in einer insgesamt beeindruckenden Neuaufnahme

Dr. Ingobert Waltenberger schreibt >

Eine im Studio sorgfältig erarbeitete Oper des klassischen Repertoires ist zur Ausnahme geworden. Nur in der Barockmusik wurde der Opernfreund auch in den letzten Jahren mit exzellenten Studioproduktionen regelmäßig verwöhnt. Daher ist auch die Erwartungshaltung der nunmehr vorliegenden Neuaufnahme hoch, wohl auch, weil Jonas Kaufmann hier sein Rollendebüt als Radames gibt. Für alle, die es sofort wissen wollen: Kaufmann und ebenso Ekaterina Semenchuk als Amneris singen ihre Rollen so, als befänden wir uns  mitten in der goldenen Ära der Oper der 60-Jahre. Auf seine ganz persönliche Art ist Jonas Kaufmanns Radames auf einem Qualitätsniveau mit Corelli oder Vickers anzusiedeln. Semenchuk klingt sowieso wie die junge Cossotto und ist schlichtweg atemberaubend. Für Liebhaber großer schöner Stimmen ein Muss.

Chor und Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia treffen unter der leidenschaftlichen Leitung von Antonio Pappano sowohl den richtigen kammermusikalisch-intimen Ton und sorgen ebenso für die ganz große Emphase in den politisch- öffentlichen Szenen. Pappano kommt das Verdienst zu, dass sich diese Aufnahme in den Kanon der bedeutendsten Aida-Aufnahmen fügen kann, obwohl die Besetzung nicht durchwegs höchsten Ansprüchen genügt. Orchester und Chor vermitteln wirklich den Geist der „neuen Musik, welche die Sprache der antiken exotischen Szenerie verkörpert und deren Licht einfing“ (Pappano). Um diese „raffiniert musikalische Komposition, die auf aristokratischer und politischer Ebene funktioniert und perfekt die Bedrohlichkeit und den Pomp der martialischen Passagen des Werkes ausbalanciert“ perfekt einzufangen, war für Pappano der Aufnahmeort der Schlüssel zum Erfolg. Im Santa Cecilia Saal im römischen Parco della Musica hat Pappano tatsächlich den Ort gefunden, der die Atmosphäre ermöglichte, die diese Aida zu einer aufregenden Sache machen.

Die Aufnahmebedingungen dürften optimal gewesen sein. Und so kann man den Eindruck gewinnen, dass alle beteiligten Solisten das Beste geben. Drei Rollendebuts sind zu verzeichnen, Jonas Kaufmann  als Radames, Ludovico Tézier als Amonasro und Anja Harteros als Aida.  Vor einigen Jahren hat EMI angekündigt, diese Oper unter Pappano mit Kaufmann und Gheorghiu aufnehmen zu wollen. Das kam dann leider, warum auch immer, so nicht zustande. Schade. Denn dass Angela Gheorghiu von Stimmanlage, Timbre, Italianità, Stimmstrahl die idiomatisch bessere Aida gewesen wäre, steht für mich außer Frage. Harteros, die im deutschen Fach Maßstäbe setzt (in Lohengrin waren Kaufmann und Harteros wahrlich ein „dream team“) und in lyrischeren Strauss oder Wagner Rollen absolute Weltklasse ist, fehlen für die ideale Aida Expansionsfähigkeit, der hohe Leucht-Strahl, ruhige Stimmführung und so manche „exotische“ Farbe. In den Arien und den weniger dramatischen Passagen der Duette freilich ist sie ganz große Klasse.

Wie Jonas Kaufmann in der gesamten Partie des Radames. Für dramatische Verdi Opern wären wohl aufgrund von Stimmfarben, rasanter Entwicklung hinein ins Spinto bzw. hochdramatische Fach Kaufmann-Netrebko das wahre dream team. Vom ersten Ton an, bis zum heiklen diminuendo des hohen B im „Celeste Aida“, den heroisch auftrumpfenden Passagen bis zur intimsten kleine Note, vermag Kaufmanns Stimme am absoluten Zenit seiner Möglichkeiten alles mit hohem Raffinement zu singen. Ich bin nicht mehr Fan von wem auch immer  und stehe daher auch nicht im Verdacht der Hofberichterstattung. Allerdings ist Kaufmann in dieser Aida wirklich so, dass auch „ältere Opernafficionados“, die sich noch an viel Glorioses erinnern können, sich zurücklehnen und einen Prachttenor sondergleichen genießen können. Stilistisch nicht ganz so ausgefeilt wie Bergonzi (wer ist das schon?), bietet Kaufmann in dieser Aida das ganz große „Kino“. Die Stimme hat mittlerweile wahrlich „cinemascope“ Dimensionen. Seine fabelhafte Technik erlaubt ihm vom leidenschaftlich ungezügelten Ausbruch bis zur zarten vokalen Geste im Finale einfach alles. Sein großes Duett mit Amneris im 4. Akt ist für mich der Höhepunkt der gesamten Aufnahme. Da fetzt es so richtig. Wie werden da erst die Fans jubeln.

Ludovic Tézier als Amonsaro gefällt mir insgesamt gut. Er weiß die Gegebenheiten des Studios gut zu nutzen, um die Klippen einer Partie, die er auf der Bühne wahrscheinlich nicht oft singen wird, geschickt zu packen. Erwin Schrott singt einen achtbaren Ramfis, wie oft etwas rauh im Ton und machmal eigentümlich ältlich klingend. Der König des Marco Spotti, der Bote des Paolo Fanale und die Priesterin der Eleonora Buratto ergänzen in kleineren Partien ein spannendes Ensemble.

Antonio Pappano hat diese Aufnahme seinem Vater Pasquale gewidmet, mit dem er die Partitur nach eigenen Angaben über viele Jahre studiert hatte. Ihm als spiritus rector der Einspielung ist Respekt, Hochachtung und Bewunderung zu zollen. Diese neue Aufnahme wird da bin ich mir sicher, viele Freunde finden und auch intensiv diskutiert werden. Beides ist gut so. / Dr. Ingobert Waltenberger

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Dorothea Zweipfennig schreibt >

AIDA – Antonio Pappano – Warner tontechnisch mehr als seltsam

Bisher war ich von allen Antonio-Pappano-Aufnahmen begeistert (gerade auch mit der Accademia di Santa Cecilia), da stimmte immer alles vom Sensiblen bis zum Pompösen unter steter Aufrechterhaltung des Gesamtspannungsbogens. Warum hätte es bei der Aida anders sein sollen. Rezensiert wurde die Einspielung überwiegend positiv, niemand jedoch stieß sich an den merkwürdigen Tonspielereien. Für mich ist diese Aufnahme tontechnisch „versaut“ worden: Die Sänger stark im Vordergrund, jedoch der eine mehr, der andere weniger (Harteros singt alles nieder). Der Unterschied zwischen pp und f ist dermaßen krass – wenn man den Ton auf die pp-Stellen einpegelt, haut es einen beim nächsten Forte vom Hocker (nicht jeder hat ein schallgedämpftes Eigenheim). Warum die von einem Polizei-Musikcorps astrein gespielten Fanfaren im Triumphmarsch dermaßen in den Hintergrund verbannt wurden, auch noch bei der Steigerung im zweiten Teil, ist absolut unverständlich. Insgesamt wurde mir innerhalb dieser tontechnischen Zustände letztlich nicht ganz klar, was Pappano hier wirklich dirigiert hat…

Da saß ich nun da und ärgerte mich, und das trotz der überwiegend vortrefflichen Sängerleistungen. Anja Harteros als Aida: Gelingt es ihr auf der Bühne meist, als Gesamtkunstwerk zu überzeugen (z. B. Forza-Leonora), so bleibt einem hier „nur“ die Stimme, und diese wird von vielen nach wie vor als recht kühl im Timbre empfunden. Mag ihr Sopran durch die zunehmende Dramatik unten herum dunkler und runder geworden sein, die Höhen klingen einfach „kalt“ (ich wurde des Öfteren an Birgit Nilssons Höhenkälte im italienischen Fach erinnert). Aber wer sonst, wenn nicht sie? Bei der Metkinoübertragung des Trovatore wurde es klar – so wie Anna Netrebko Verdi-Heroinen singt, so muss das klingen. – Ekaterina Semenchuk verfügt über den notwendigen Prachtmezzo für die Amneris, und – sie klingt tatsächlich manches Mal wie die junge Cossotto, wie Kollege Waltenberger in seiner Rezension feststellte.

Diese beiden Damen rivalisieren nun um Radames alias Jonas Kaufmann. Da könnte man die Plattengeschichte bis zur Urzeit derselben zurück verfolgen, einen „besseren“ Radames wird man nicht finden. Gleichwertig oder anders ja, aber besser wirklich nicht. Da stimmt alles: Stimmqualität, super-viriles Timbre, Höhenglanz par exzellence und ein Legatissimo zum Dahinschmelzen. An interpretatorischen Feinheiten fehlt’s bei ihm ja auch nie. Im Schlussduett wetteifert sogar die Harteros mit Kaufmanns Schmeicheltönen. Sie „entschweben“ quasi gemeinsam immer mehr in himmlische Sphären…

Der von mir sehr geschätzte Edelbariton Ludovic Tezier erscheint für den Amonasro beinahe ein bisschen zu edel; allerdings wurde er von der Tontechnik schlecht behandelt. Erwin Schrott versucht, seinen mittelprächtigen Bass auf Ramphis-Format aufzublähen, das Ergebnis ist nicht voll befriedigend. Marco Spotti singt den König solide, Paolo Fanale ist der Bote und Eleonora Buratto (gerade im Flughafen-Elisir als Adina) singt stimmkräftig die Priesterin. Chor und Orchester der Accademia sind tadellos.

Schade, dass Pappano solchen eigenwilligen Aussteuerungen seinen Segen gegeben hat!! / D. Zweipfennig

http://www.warnerclassics.com/video/49056/antonio-pappano-verdi-aida

 

 

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