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„GIOVINCELLO“ / EDGAR MOREAU spielt Cellokonzerte von …..

13.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0825646052660 „GIOVINCELLO“ / EDGAR MOREAU spielt Cellokonzerte von Haydn, Vivaldi, Platti, Bocherini und Graziani – ERATO CD

Die Grafiker haben einen guten Job gemacht. Auf dem leuchtend sonnenblumengelben Cover sieht man neben dem Schatten des Cellos einen jungen Mann in knallblauen (passend zum Erato Logo) Jeans mit angezogenen Beinen und die linke Hand in Griffbereitschaft in der Luft schweben. Gute Laune inkludiert. Das gibt positive Energie, ist sympathisch und suggeriert eine Art optische Kompensation für vielleicht „zu grünes“ Spiel. Noch dazu hat sich die Marketingabteilung entschlossen, die CD doppeldeutig „Giovioncello“ (auf neudeutsch: youngster, laut Langenscheidt nüchterner junger Mann) zu nennen. Also final heißt das die totale Reduktion des Cellisten auf die Tatsache, dass er jung ist. 

Und hier irrt das Marketing gewaltig, ich hoffe sie haben die CD nicht gehört, sonst könnte man glauben, sie verstehen nichts von Musik. Denn was man auf der CD serviert bekommt, zeugt genau vom Gegenteil: ein wunderbar reifes, ausgewogen klassisches Cellospiel vom Allerfeinsten. Der französische Künstler Edgar Moreau beherrscht sein Instrument stupend, angefangen von einer untadeligen Technik, von aristokratischer Phrasierung und fein gesponnenen musikalischen Bögen her, von der Leichtigkeit des Ansatzes bis hin zu einer Eleganz und instinktiven Natürlichkeit im klanglichen Dialog mit Orchester und Publikum. Und schließt damit nahtlos an große und größte französische Vorbilder an. Meisterlich!

Edgar Moreau hat sich für diese zweite CD ein herausforderndes, aber auch vom Repertoirewert interessantes Programm ausgesucht: Drei Klassikern (die Konzerte von Haydn in C-Dur,  von Vivaldi in A-Moll und von Boccherini in D-Dur) stehen zwei Raritäten gegenüber: Das Cellokonzert von Giovanni Platti in D-Dur und als Weltersteinspielung das Konzert von Carlo Graziani in C-Dur. Also ein reines Barockrepertoire, wo der Solist von langen Bögen in den Adagio-Sätzen bis hin zu rasanten Verzierungen und Läufen in den finalen Allegri alles drauf haben sollte. Und er hat. 

Nicht leichter wird die Aufgabe dadurch, dass der Dirigent Riccardo Minasi, der die an sich großartige Formation Il Pomo d‘Oro dirigiert, einiges an Delikatesse und genau dem natürlich herzhaften Schwung vermissen lässt, den der Solist so trefflich in die Musik einzubringen versteht. Vor allem die beiden ersten Sätze des Haydn Konzertes sind von der musikalischen Leitung her eine herbe Enttäuschung. Man höre nur zum Vergleich die Aufnahme mit Pieter Wispelwey und Florilegium (Label Channel Classics) aus dem Jahr 1994 an. Minasi retardiert rhythmisch etwas hölzern in den langsamen Sätzen, um dann umso rasanter in das Allegro Molto des dritten Satzes zu stürzen. Ein wenig größere innere Stringenz der Sätze zueinander ist mir lieber. Das betrifft auch das Vivaldi Konzert, weniger die drei restlichen, wo manches vielleicht auch etwas zu „martialisch“ klingt, aber insgesamt das Interesse an der weniger bekannten Literatur überwiegt. 

Zumal es dem Cellisten in allen Fällen unglaublicherweise gelingt, die Extreme durch geschickte Phrasierung auszugleichen und manch eckigem orchestralem Ansatz mit höchster Élegance und Geschmeidigkeit antwortet. Der Venezianer Giovanni Benedetto Platti ist ein interessanter Fall, weil er in der Würzburger Residenz des Fürstbischofs Johann Philipp Franz von Schönborn als Oboist, Sänger, Cembalist, Geiger, Cellist und Komponist tätig war. Das für den Bruder des Fürsten Rudolf Erwein von Schönborn komponierte Werk folgt dem galanten Stil, die Melodie steht im Vordergrund vor virtuoser Zur Schau Stellung. Ganz wunderbar, wie beseelt und mit edlem Ton Edgar Moreau dies spielt. Carlo Graziani wiederum war in Berlin bei Kronprinz Friedrich Wilhelm II tätig. Sein  erstmals eingespieltes Cellokonzert verbindet den Belcanto-Stil der italienischen Oper mit der österreichisch-deutschen Tradition. Edgar Moreau kann im finalen Rondeau seinen jugendlichen Elan noch einmal eindrucksvoll demonstrieren. Die im Kloster Lonigo in Italien aufgenommenen CD ist auch klangtechnisch auf höchstem Niveau.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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