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Giovanni Battista Pergolesi: ADRIANO IN SIRIA – DECCA 3 CDs

03.11.2016 | cd

Giovanni Battista Pergolesi: ADRIANO IN SIRIA – DECCA 3 CDs

Spektakuläre Opera-Seria Referenz mit Franco Fagioli und Yuriy Mynenko

Bildergebnis für adriano in siria

 „Was für ein Genie“, kann man nur ausrufen, wenn man sich die von Parnassus Arts Productions initiierte Neueinspielung von Pergolesis wenig bekannter „Seria“ Adriano in Siria anhört. Gerade hat sich Max Emanuel Cencic in Berlin den Echo Preis für Leonardo Vincis „Catone in Utica“ abgeholt, wartet die umtriebige Wiener Agentur rund um Georg Lang, dessen künstlerischer Leiter Cencic ist, mit einer neuen hinreißenden Novität auf: Pergolesis dramatischem Wurf Adriano in Siria, erschienen bei Universal. Es ist nicht die erste Aufnahme des Werks, es gibt eine wenig idiomatische Einspielung beim Label Bongiovanni aus dem Jahr 1989 mit Daniela Dessi und eine DVD/BluRay aus dem Jahr 2010 aus dem Theater G. B. Pergolesi mit der Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone.

Der neue Adriano ist eine atemberaubend schöne rundum geglückte Referenzaufnahme geworden, eine kongeniale Interpretation der Vertonung einer fiktiven Geschichte rund um den Konflikt zwischen dem historischen Kaiser Hadrian und dem geschichtlich ebenso authentischen parthischen König Osroes. Kurz die Geschichte: Der Kaiser (Yuriy Mynenko) ist zerrissen zwischen seiner Liebe zu seiner Verlobten Sabina (Dilyara Idrisova) und seinem unerlaubten Verlangen nach Emirena (Romina Basso), der Tochter des besiegten Feindes Osroa (Juan Sancho) und Verlobten des parthischen Fürsten Farnaspe (Franco Fagioli). Der Tribun Aquilio (Ҫiğdem Soyarslan), Adrianos Vertrauter, wiederum ist in Liebe zu Sabina, der künftigen Braut des Kaisers entflammt. Bis zum Happy End gibt es das übliche Arsenal an Travestie, Intrigen, Mord, Ehre und Verrat, Brandstiftung, vorgetäuschtem Verzicht, bis final Großmut, Vergebung und Vereinigung derer, die zusammengehören, samt Lobgesang auf den Cäsaren. Halleluja! In den 19 Arien ausschließlich für hohe Stimmen (zwei Countertenöre, ein Tenor, drei Soprane) wird die ganze Barockmaschinerie an Affekten bemüht (Wut, Stolz, Sehnsucht, Enttäuschung, Furcht, Hoffnung, Reue, Sorge,..) die dem heutigen Hörer im besten Fall den ganz spezifischen Nervenkitzel entlocken, der nach dieser Musik süchtig machen kann. Dafür sind einmal ein erstklassiges Orchester und ein leidenschaftlicher Dirigent unabdingbar, der sich fachkundig und mit Feuer auf die Partitur stürzt.

Mit beidem kann die neue Aufnahme aufwarten: Die hervorragende Capella Cracoviensis unter der temperamentvollen Leitung von Jan Tomasz Adamus überzeugt vom ersten Ton der Sinfonia an und wandelt mit gehörigen Akzenten und flotten Tempi die umständliche Geschichte in ein kurzweiliges Hörvergnügen. Das ist bei den vielen Rezitativen beileibe nicht selbstverständlich, die doch etwa ein Drittel der dreistündigen Aufnahme ausmachen. Musikalisch im Zentrum der Oper steht nicht der Titelheld, sondern sein parthischer Widersacher Farnaspe, der in der Uraufführung vom Starkastraten Gaetano Majorano, genannt Caffarelli, gesungen wurde. Pergolesis Musik nutzte alle Facetten seiner stupenden Technik, die von langen Melismen mit in rascher Folge wiederholten hohen Tönen bis zu komplizierter Chromatik mit einem Stimmumfang von über zwei Oktaven reichte. In der neuen Aufnahme wird diese Rolle von Franco Fagioli, einem der bekanntesten Countertenöre unserer Tage, verkörpert. Wiewohl das sehr persönliche Timbre und manche Vokalfärbungen Geschmacksache bleiben, überwältigt diese argentinische Nachtigall mit einer cremigen Mittellage und unglaublichen Höhen, die wie Leuchtraketen strahlen. Technisch ist Fagioli nichts zu schwer, sein Vortrag bisweilen „am Rande des Nervenzusammenbruchs“ ist spannungsgeladen und voll von funkensprühender Energie. Seine Arien „Sul mio cor so ben qual sia“, „Lieto così talvolta“, und „Torbido in volto e nero“ und das Duett mit Emirena im dritten Akt zählen zum schönsten, was die vokale Barockmusik überhaupt hervorgebracht hat. Ob er genau so beeindruckend wie sein historisches Vorbild ist, kann anhand der vorliegenden Aufnahme wohl nur erahnt werden, weil wir nicht genau wissen, wie lange Caffarelli ohne Atem zu holen singen konnte, bzw. welche Intervallsprünge und unglaubliche Triller er sich nach endlosen Legato Passagen eingelegt hat.

Die zweite Überraschung im Cast ist der junge ukrainische Countertenor Yuriy Mynenko als Adriano. Ausgestattet mit einem kernig virilen Timbre und einer satten Tiefe (er war auch Bariton) ist Mynenko für mich der wohlklingendste aus der jungen Generation an Countertenören. Von ihm darf man sich wohl noch viel erwarten, zumal er über Stimme mit einem Umfang von über drei Oktaven verfügt. Der dritte in der Männerrege ist der dramatische Tenor Juan Sancho in der Rolle des Osroa. Wenn Sancho singt, fliegen die Fetzen. Sein expressionistischer Vortrag scheut auch die Extreme nicht. Das klingt bisweilen forciert, den Emotionen seiner Figur bleibt er jedoch nichts schuldig.

Vom Ausdruck ein wenig blasser die Damenriege, mit Dilyara Idrisova an der Spitze in der Rolle der Sabina. Sie hat als einzige vier Arien zu singen, was wohl dem überragenden Gesangstalent der Catarina Fumagalli in der Uraufführung geschuldet ist. Die Fiorituren der beiden ersten Arien gelingen ebenso überzeugend wie die Zornesausbrüche mittels Oktavverdopplungen mit Violine im 2. Akt. In den tieferen Lagen ist die Stimme weniger präsent. Romina Basso reüssiert mit samtenem Mezzo als Emirena, während das Timbre von Ҫiğdem Soyarslan doch eher gewöhnungsbedürftig ist.

Leider dauerte Pergolesis Karriere als Komponist nicht allzu lange; er starb mit 26 Jahren an Tuberkulose. Obwohl er zu seinen Lebzeiten auch als Komponist ernster Opern bekannt war, stützt sich sein Ruhm heute auf nur zwei Werke: die komische Oper „La serva padrona“ und das „Stabat Mater“. Adriano in Siria war die dritte von Pergolesis vier opere serie. Sie wurde 1734 im Teatro San Bartolomeo in Neapel in einem schwierigen politischen Umfeld und zwei Jahre nach einem großen Erdbeben uraufgeführt. Sie hatte keinen nachhaltigen Erfolg. Auf jeden Fall wurde dasselbe Libretto Metastasios von 70 Komponisten in der Zeit von 1732 bis 1828 vertont. Erst 250 Jahre später scheint die Zeit dank solcher hervorragenden Aufnahmen wie der vorliegenden reif für die Wiederentdeckung der opere serie von Pergolesi. Unvorstellbar, dass der Komponist bei der römischen Premiere seiner letzten Seria „L’Olimpiade“ mit Orangen beworfen (und wie erniedrigend: auch am Kopf getroffen) worden ist…

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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