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GINGER & ROSA

16.04.2013 | FILM/TV

 

Ab 19.April 2013 in den österreichischen Kinos
GINGER & ROSA
GB  /  2012
Drehbuch und Regie: Sally Potter
Mit: Elle Fanning, Alice Englert, Annette Bening, Oliver Platt, Timothy Spall u.a.

Zuerst ziehen die schaurigen Wolken der Atombombe in die Lüfte, dann sieht man zwei Frauen, die ihre Kinder bekommen – der Zusammenhang ergibt sich später. Zuerst sind es zwei kleine Mädchen, die Hand in Hand einherwackeln, dann zwei Teenager. Man sieht ihnen zu, wie sie sich gegenseitig die Haare pflegen und vor dem Spiegel mit prüfendem Blick Mode probieren. Manchmal schmachten sie sich an, als wären sie einander das Wichtigste auf der Welt.

Aber Regisseurin Sally Potter erzählt keine Lesben-Geschichte, auch die Freundschaft geht nach und nach auseinander, und früher oder später handelt der in England spielende Film vor allem von Ginger (so sehr, dass man versucht ist, an eine Spekulation zu glauben – der Titel soll einfach an „Ginger Rogers“, die berühmte Fred Astaire-Partnerin erinnern, auch wenn gar kein Zusammenhang besteht; aber es ist eine Assoziation, die aufhorchen lässt).

Ginger gerät, wie viele junge Leute in den sechziger Jahren, in jene politischen Bewegungen, die den Kampf gegen die Atombombe auf ihr Banner geschrieben haben. Vor allem aber geht es um die Ängste dieser jungen Menschen – und ums Erwachsenwerden in schwierigen Zeiten, wenn man 1962 angesichts der Kuba-Krise ja doch befürchten konnte, dass die Welt in die Luft fliegt.

Sally Potter ist eine Regisseurin von solcher Reputation, dass sie auf jeden Fall hymnische Kritiken evoziert. Sieht man genau hin, versteht man die Bewunderung nicht ganz. Gewiss, das ist nicht Mainstream, soll es nicht sein, aber die lockere, bruchstückhafte Dramaturgie überzeugt kaum, die Handlung – quasi impressionistisch hingestellt – packt nicht wirklich, und britischer Alltag im Schatten dick aufgetragener tragischer Familiengeschichten lässt seltsam kalt.

Gewiss, die junge Elle Fanning hat unter ihren roten Haaren ein eindrucksvolles Gesicht, aber sie muss als Ginger ja doch mit großen Augen, in denen manchmal Tränen schimmern, und meist verzweifeltem Gesichtsausdruck die Klischees von Teenager-Schmerzen liefern. Die schwarzhaarige Rosa der Alice Englert ist gelassener, lässt sich nicht in Lebensängste hetzen, bleibt für eine Titelheldin am Rande, erwartet schließlich ein Kind ausgerechnet von Gingers Vater, aber dieser Handlungsbogen wird nicht weiter geführt. Oliver Platt und Timothy Spall als sympathisches schwules Paar sind very british, Teil der zerflatternden Geschichte mit vielen Familienproblemen. Punktuell, aber ohne richtige Funktion taucht dann etwa eine Frau wie Annette Bening auf, die ausschaut wie der Inbegriff einer linken Aktivistin und genau das ist…

“I think we should do something”- das ist Gingers Credo, aber sie bleibt, wenn sie am Schluss nach einer Demo im Gefängnis landet, ja doch so ratlos in ihrem Leben zurück, wie Sally Potter ihre Zuschauer entlässt. Sie hat sich das Drehbuch zu diesem Film selbst geschrieben – hätte sie doch, wie in ihrem Meisterstück „Orlando“, wieder eine große Schriftstellerin wie Virginia Woolf befragt. Vielleicht wäre mehr als allzu banaler Alltag dabei herausgekommen, der prätentiös mit scheinbarer Einfachheit kokettiert.

Renate Wagner

 

 

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