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GIESSEN: DIE EROBERUNG VON GRANADA von Emilio Arrieta. Premiere

26.05.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Gießen:Die Eroberung von Granada“ – Premiere am  24.5.2014

 Die Opernwelt ist um ein Juwel reicher geworden. Mit der Ausgrabung der Oper „Die Eroberung von Granada“ hat das Gießener Stadttheater dieses Werk von Emilio Arrieta nach 160 Jahren aus der Taufe gehoben und am 24.5. zum 1. Mal in Deutschland auf die Bühne gebracht. Die Premiere war insofern ein außergewöhnliches Ereignis, als es bisher überhaupt nur 16 Aufführungen gegeben hatte. Lag es am Stoff, dass dieses spannende Stück bisher nicht entdeckt wurde? Bei Weitem gefehlt! Der Librettist Temistocle Solera, der königlicher Hofdichter war und bereits das Libretto zu Verdis Oper „Nabucco“ geschrieben hatte, hat in die Handlung alles hineingepackt, was man von einer dramatischen Oper erwartet:  Krieg, Gewalt, Liebe, Eifersucht. Das Erstaunliche jedoch ist die schöne Musik, die sich vom späten Belcanto bis hin zum italienischen Früh-Verismo bewegt und voll brillanter Arien und groß angelegter Chöre ist.

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Naroa Intxausti als Zulema, Leonardo Ferrando als Gonzalo, Guiseppina Piunti als Isabella, Calin V. Cozma als Muley-Hassem, Aleksey Ivanov als Fürst Alamar, Michaela Wehrum als Almeraya und der Opernchor. Copyright: Rolf K. Wegst

Inszeniert hat dieses „Dramma lirico“ die Intendantin des Hauses, Cathérine Miville. Sie legt den Schwerpunkt auf die Liebesgeschichte zwischen dem Christen Gonzalo und der Maurin Zulema. Es prallen also zwei Kulturen aufeinander und daraus entstehende Konflikte sind unvermeidlich. Das wird bereits deutlich gemacht, während die Ouvertüre erklingt, eine Mischung aus italienischen und orientalischen Fragmenten. Ein Videoclip zeigt eine Hand, die eine Granatfrucht zerdrückt, das rote Fruchtfleisch fließt herunter wie Blut und deutet den Untergang von Grana(t)da an, das zur Zeit Isabellas I. von Kastilien von den Mauren beherrscht wird. Gonzalo ist der Feldherr der Königin, die Granada zurück erobern und damit das Land den Christen wieder zuführen will. Zulema ist die Schwester des letzten maurischen Despoten von Granada. Die verschiedenen Welten werden geschickt vom Bühnenbildner Lukas Noll durch eine Stahlkonstruktion, auf der sich eine große, mit Lettern beschriftete Wand befindet, geteilt. Der Name Isabella sticht hervor. Sie ist die „Regina“, der sich alle Hoffnungen der Christen zuwenden. Dreht sich die Bühne und damit auch die Wand, so sieht man den maurischen Bereich, wo sich die Krieger, angeführt von ihrem Herrscher Boabdil, zum Gegenangriff rüsten oder sich die Sklavinnen versammeln. Auch die drehbaren Säulen im Hintergrund der Bühne sind je nach Szene mit orientalischen Ornamenten versehen oder zeigen schlichte elfenbeinfarbene oder rote, wie blut getränkte Stoffflächen. Der Streitpunkt der beiden Parteien ist Granada, was Lukas Noll, der auch die Kostüme kreiert hat, durch einen Nachbau der Alhambra symbolisiert hat, der gleichzeitig als Thron dient. Auf diesem Thron wird der Sieger sitzen, ob Königin Isabella I. oder Maurenkönig Boabdil.

Die historische Isabella war eine sehr selbstbewusste, aber auch grausame Frau, die die spanische Inquisition einführte, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Juden und Muslime zu verfolgen und hinzurichten. Diese Seite Isabellas wurde von der Regie nicht genügend herausgearbeitet, im Gegenteil, sie wird  eher als eine humane, gütige Herrscherin präsentiert, was sicherlich den Melodienreichtum der Oper unterstreicht.

Und den zaubert Jan Hoffmann als Dirigent des Abends mit einem sehr gut aufgelegten Philharmonischen Orchester heraus. Alle Instrumentengruppen, so schien es, hatten Freude an der Musik, die Arietta da komponiert hatte. Dieser lebte von 1821 – 1894, wurde in Spanien geboren, ist aber am Mailänder Konservatorium von keinem Geringeren als dem Belcanto-Großmeister Nicola Vaccai ausgebildet worden. Insgesamt hat er nur vier Opern geschrieben. „Die Eroberung von Granada“ widmete er der Königin Isabella II von Kastilien, die ihn zum Hofkomponisten ernannte und ihm ein eigenes Operntheater am Madrider Königspalast baute. Später konzentrierte er sich hauptsächlich auf das Komponieren von Zarzuelas, was bei dieser Oper ansatzweise bereits herauszuhören ist. Doch das Interessante an der Musik dieser Oper ist die fortlaufende Linie, die ohne Unterbrechung von Rezitativen den Weg zum Musikdrama durch Einbettung arienübergreifender Szenen zu einer neuen Musikform führt, – der  Übergang zum Verismo. Man hört Donizetti ebenso wie Verdi, aber dennoch ist es Ariettas eigene Musik, die von orientalischen Klängen geprägt ist. Besonders herauszuhören ist das in einem Solo-Flöten-Intermezzo, das dem 3. Akt vorangeht und wunderbar von Carol Brown gespielt wird. Beeindruckend sind die großen Chorszenen, die einen immensen Einsatz von Chor und Extrachor des Stadttheaters erfordern. Jan Hoffmann fungierte auch als Chordirektor und hat somit eine doppelte Aufgabe, die er mit Bravour bewältigt, denn trotz der schauspielerischen Leistung, die dem Chor abverlangt wird, hörte man einen exakten homogenen Klang.

Eine große Überraschung aber waren die Solisten, die bis hin zu den kleinsten Nebenrollen optimal besetzt waren. Schon in „Maria Tudor“ konnte man ein Traumpaar als Gäste ans Haus holen, wo Giuseppina Piunti eine machtbesessene Königin spielte. Diese Figur der Grand Dame scheint ihr auf den Leib geschrieben zu sein. Sie hat eine unglaubliche Bühnenpräsenz, mit ihrer eleganten schlanken Erscheinung verkörpert sie die Rolle der Isabella majestätisch und singt mit ihrer warmen Sopranstimme die anspruchsvollen Höhen ebenso wie die tiefen Passagen mit dynamischer Differenzierung. Sie ist im Zwischenfach zu Hause, hat dazu unverkennbar schauspielerisches Talent und begeisterte das Publikum mit ausdrucksstarkem Profil. An ihrer Seite sang damals den Part ihres Geliebten ein junger Tenor, den man wieder ans Haus geholt hat für die Rolle des Feldherrn und unglücklich liebenden Gonzalo. Er stammt aus Uruguay und heißt Leonardo Ferrando, ein Name, den man sicherlich noch des öfteren hören wird. Sein hell timbrierter klarer Spintotenor bewältigt die Höhen mit Leichtigkeit, die Mittellage ist weich geführt, und er bietet ein grandioses, darstellerisch starkes Rollenporträt. Sehr stark ist die aus dem eigenen Ensemble stammende Naroa Intxausti, die man für die Zulema gewählt hatte. Als temperamentvolle Spanierin und ausgestattet mit einer sanften Sopranstimme, die gekonnt schwierige Koloraturen und extreme Höhen bewältigt, ist sie geradezu prädestiniert für die liebende Frau, Tochter und kämpferische Heldin, die sich für ihr Volk opfern will. Mit schönen Piani besticht sie im Duett mit ihrem Vater Muley-Hassem, der von Calin Valentin Cozma gesungen wird. Beide wurden in den Kerker gesperrt, da sie mit den Christen sympathisierten und sich damit die Wut des arabischen Fürsten Alamar und seiner Krieger zugezogen hatten. Cozma verfügt über einen ausdrucksstarken Bass-Bariton, der kräftig und doch warm geführt wird. Mit dynamischem Spiel verflucht er Zulema, die ihm gesteht, dass sie Gonzalo liebt, der angeblich seinen Sohn getötet haben soll. Doch dies stellt sich als Irrtum heraus, und als Muley-Hassem dies erfährt, konvertiert er zum Christentum. In ihr Bekenntnis zu Gott und ein berührendes Gebet legen beide, Vater und Tochter alias Cozma und Intxausti, ihre ganze Seele, was sich in Stimme und Darstellung widerspiegelt. Nachdem Isabella Granada zurück erobert hat, kann Gonzalo die beiden aus dem Verlies befreien und die Liebesgeschichte findet ein glückliches Ende.

Eine kleine, aber dennoch markante Rolle fällt Adrian Gans zu, der als Lara den Freund von Gonzalo spielt. Er ist es, der anstelle von Gonzalo den Bruder von Zulema tötet. Trotz der wenigen Szenen, die er zu spielen hat, hört man einen kultivierten Bariton. Aufhorchen ließen auch Michaela Wehrum als Zulemas Zofe Almeraya, Tomi Wendt als muslemischer Herrscher Boabdil und Aleksey Ivanov als Fürst Alamar.

 Allen gebührt höchstes Lob für ihre Leistungen, was das Premierenpublikum mit starkem Applaus würdigte. Aber dass diese Oper mit dieser grandiosen Besetzung überhaupt aufgeführt wurde, ist der Chefin des Gießener Stadttheaters, Cathérine Miville, zu verdanken, die es immer wieder schafft, hoch interessante Raritäten auszugraben, den Mut hat, diese auf die Bühne zu bringen und das Theaterrepertoire nicht nur mit bekannten, sondern auch mit unbekannten Werken zu bestücken. In der Stadt Gießen findet dieses Jahr eine Landesgartenschau statt, und das könnte man gut mit einem Besuch dieser spannenden Oper kombinieren, denn weitere Aufführungen finden am 28. Juni sowie am  3. und 11. Juli statt.                                                                                           

 Inge Lore Tautz

 

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