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GIESSEN: ALESSANDRO STRADELLA von Friedrich von Flotow

11.03.2012 | KRITIKEN, Oper

Gießen: „ALESSANDRO STRADELLA“ – 9.3.2012 – Die Oper für Opern-Fans!

Das Haus war voll. Es wurde viel gelacht. Es gab dankbaren Applaus, gleich verteilt auf alle Mitwirkenden. Die ungemein lebendige Aufführung von Friedrich von Flotows erster großer Erfolgsoper (1844) war für normale Theaterbesucher ein vergnüglicher Abend. Für sozusagen professionelle Opernfans war er weit mehr: die Rechtfertigung unsererNarretei! Ein Tenor gibt hohe Töne von sich und die Damen fallen reihenweise in Ohnmacht.  Zwei gedungene Mörder des eifersüchtigen Vormunds der von Stradella entführten Leonore sehen sich außerstande, einen solchen Sänger abzuknallen. Als sie es für viel Geld schließlich doch zu tun bereit wären (dem historischen Stradella ist dieses Los zuteil geworden), singt der Tenor justament die betörende Arie an die Jungfrau Maria mit der Schlussstrophe, in der er den vom Wege Abgekommenen Vergebung anbietet, wenn der Schuldige sich seiner Schuld bewusst ist…. Wie anders als mit einer Apotheose auf die hehre Kunst kann das Stück enden?

Das ist doch eine Botschaft, die sich hören lassen kann!!

 Dass sie auch gesehen werden konnte, dafür sorgte das Gießener Regieteam: Roman Hovenbitzer (der u.a. bei Götz Friedrich und Willy Decker sein Regiehandwerk gelernt hat), Bühnenbildner Hermann Feuchter (stud. Salzburger Mozarteum) und Kostümbildner Bernhard Niechotz (aus Liverpool) machten Theater für alle Sinne – fantasievoll, beschwingt, farbfroh, eine Inszenierung, die sich nicht scheut, aufs Ganze zu gehen.

Angelehnt an den venezianischen Karneval, gibt es eine Art Maskenchoreographie, die sich beständig um den Titelhelden dreht. In weißer barocker Kraushaarperücke tritt er als erster im Parkett auf, um vor der Orchesterbrüstung das Publikum zu begrüßen. Er zeigt mit weit ausholenden Armbewegungen an, wann sich der Vorhang zu öffnen hat. Er dirigiert die Bühnenmaschinerie. Um ihn schart sich der individuell charakterisierte Chor in seinen witzig-üppigen Allonge-Perücken und langen, in reizvollen Spektralfarben fluorreszierenden bodenlangen Umhängen. Die Damen sind leicht geschürzt, zeigen viel Bein und noch einiges drüber, agieren tänzerisch. Bei der Protagonistin, Stradellas  Geliebter Leonore, dem schönen Mündel des alten Bassi, musste ich lange überlegen, ob das eine Tänzerin oder Sängerin sei. (Sie war letzteres, mit viel Tanztraining für die Rolle.)

Eine Pappendeckelkiste (mit der Aufschrift: „Achtung – Kunst!“) erwies sich als sehr brauchbares Liebesnest – köstlich, wie die verschlungenen Beine des Pärchens aus der Kiste ragten –, dann hob sich einmal die Kiste in Richtung Schnürboden und Leonore durchbrach die Vorderwand, um sich Luft zu machen, und sang auch noch dabei!

Es wurde eine nächtliche, sehr stimmungsvoll ausgeleuchtete Gondelfahrt, begleitet von viel Nebel, imaginiert; es schwirrten als Hochzeitszubehör auf  Seilen je zwei „Engelchen“ mit Schmetterlingsflügeln herab und von den Seiten tanzten zwei Blumenmädchen mit Röckchen in Form großer Blätter herein, wobei alle diese Kostüme mit Noten geziert waren. Stradella inszenierte eine Art Abendmahl für seine Braut, berühmten Vorbildern nachempfunden, aber mit einem so köstlichen komischen „touch“, dass man sich dabei schieflachte. Die zur Madonna gekrönte Braut und der stets singende Bräutigam trugen glänzende rote Herzen auf der Brust. Chorsänger und Statisten „musizierten“, ebenso wie der tenorale Liebhaber, auf Papp-Instrumenten, natürlich mit übertriebener Hingabe-Gestik. Ein besonderer Clou dieser Oper sind die beiden Spießgesellen namens Ma-ma-mal-volino und Ba-ba-bar-barino (wie sie sich in einem köstlichen Stotterduett vorstellen), die sich (ähnlich ihren Freunden aus „Fra Diavolo“ oder „Falstaff“) höchst ungeschickt benehmen, ihre Gewehre so dumm handhaben, dass man sie für Faschingsrequisiten hält, und zuletzt, bei der Hochzeitstafel, gar als Mönche auftreten und sich geistlicher Ritualgesten befleißigen – eine Riesenhetz!

Und doch nie geschmacklos. Alles gekonnte Komödie. Und perfekt zu Flotows flotter, melodiöser, einfallsreicher Musik passend, deren Qualität jener zu „Martha“ kaum nachsteht. Nur dass die elegischen Momente fehlen, die hier aber ohnedies nicht passen würden. Aber seelenvolle Romantik mischt sich auch in „Alessandro Stradella“ mit umwerfender Komik.

 Der musikalische Leiter Jan Hofmann ließ das Philharmonische Orchester Giessen mit viel Schwung und Melodieseligkeit aufspielen. Man hätte bei diesen Arien, Nocturni, Serenaden, Balladen, Trinkliedern und mitreißenden großen Chor- und Ballettszenen gerne mitgesungen und -getanzt.

Als Tenorstar bewährte sich Corey Bix (uns von seinem Grazer Kaiser in der „Frau ohne Schatte bekannt), nicht nur durch seine ungebremste Spielfreude, sondern vor allem mit seiner kraftvoll-strahlenden, Höhe. Seine zündenden Spitzentöne zeitigten genau die Wirkung, die das Stück verlangt, damit die ganze Geschichte glaubhaft wird. Es ist eine anstrengende Rolle – der Titelheld ist fast den ganzen Abend auf der Bühne, in führender Position. Und im letzten Akt hat er dann noch die große Arie zu singen, die den Alessandro Stradella, wie sein historisches Vorbild, sowohl als Komponisten sakraler Musik wie auch als betörenden weltlichen Sänger und Frauenbezwinger ausweist. Eine beachtliche Leistung des jungen Amerikaners!

Auch die weibliche Hauptrolle verlangt viel. Die attraktive junge Sopranistin Anna Gütter (Schülerin von Ute Trekel-Burkhardt, kurz vor dem Studienabschluss) hat eine schöne, ausgeglichene lyrische Stimme, die aber auch beweglich genug für die geforderten Koloraturen ist, und erweist sich als ausgesprochenes Spieltalent. Dem überaus witzig agierenden Liebespaar nahm man zudem auch die echte gegenseitige Zuneigung ab.

Weniger dankbar und umfangreich ist die Rolle des Vormunds namens Bassi, als reicher Venezianer ein Griesgram mit Mordabsichten, der sich wenig Sympathien erwerben kann. Stephan Bootz versuchte mit entwicklungsfähigem Bass das Beste daraus zu machen. Tomi Wendt und Wojtek Halicki-Alicca konnten dagegen als die beiden Banditen (Tenor und Bariton) beim Publikum so richtig „abräumen“, sowohl in ihren Soloszenen als auch in den Ensembles, mit köstlicher Mimik und eindringlicher Deklamation. Der Chor und Extrachor des Stadttheaters Gießen bestand aus „Chorsolisten“, deren jeder sich mehrfach persönlich profilieren und Lacher einhandeln konnte.

 Über dem Hauptportal des Gießener Theaters steht ein Schiller-Spruch:

Aus der Kräfte schön vereintem Streben
Erhebt sich wirklich erst das wahre Leben!

 Aufführungen wie dieser „Alessandro Stradella“ beweisen es. Jeder Regisseur, der sich entschließt, mit der Musik, mit der vertonten Geschichte Effekt zu machen, hat ein glückliches Publikum auf seiner Seite. Traurig genug, dass man heute extra betonen muss, was sich doch eigentlich von selbst versteht – verstehen sollte.

 Die hessische Universitätsstadt, etwa eine Zugstunde nördlich von Frankfurt gelegen, bietet zwar architektonisch nichts Außergewöhnliches, aber dafür ein reges Geistes- und Kulturleben. So entdeckte ich auf dem Alten Friedhof (unter unzähligen anderen Universitätskapazitäten) nicht nur das Grab eines Heinrich Buff, Professor für Physik und Neffe der berühmten Charlotte aus Wetzlar, die Goethe im „Werther“ verewigt hat, sondern auch das von Wilhelm Conrad Röntgen, dem Entdecker der „Röntgen“-Strahlen und Nobelpreisträger für Physik 1901, dem auch ein Denkmal im Theaterpark gewidmet ist. Zu den berühmten Studenten der Gießener Universität gehörte Georg Büchner, der dort die „Gesellschaft für Menschenrechte“ gründete und den „Hessischen Landboten“ als Flugschrift herausgab. Motto: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ – Ludwig Börnes Kampf um die Demokratie, auf deren Erfolg er vor allem durch ein Zusammenwirken von Deutschland und Frankreich hoffte und damit den „Europa-Gedanken“ vorwegnahm, begann ebenfalls in Gießen. Der Zoologe Carl Vogt, der die Abstammung des Menschen vom Affen proklamierte und für die Abschaffung der Fürstenherrschaft plädierte, wurde vor allem as Vorkämpfer für den Parlamentarismus bekannt. Und Wilhelm Liebknecht, Chefredakteur der Zeitschrift „Vorwärts“, ist gar in Gießen geboren.

Die geistig rege Stadt verdient also ein gutes Theater! Der Intendantin Catherine Miville ist zu dieser Flotow-Ausgrabung zu gratulieren, die aufgezeichnet oder auf Tournee geschickt werden sollte.

Sieglinde Pfabigan

 

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