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GIESSEN: ALESSANDO STRADELLA von Friedrich von Flotow – Premiere

29.01.2012 | KRITIKEN, Oper

Karnevalsspaß in Gießen:

„Alessandro Stradella“ von Friedrich von Flotow (Premiere: 28. 1. 2012)

 
Corey Bix als Alessandro Stradella mit Anna Gütter, der Darstellerin der Leonore (Foto: Dietmar Janeck)

Zum 200. Geburtstag von Friedrich von Flotow brachte das Stadttheater Gießen seine romantische Oper „Alessandro Stradella“ zur Aufführung. Das Leben eines der größten Komponisten des Hochbarock in Italien (1639 – 1682) verlief äußerst abenteuerlich, war er doch ein echter Tausendsassa und Filou, dessen Amouren ihn immer wieder zur Flucht aus verschiedenen Städten trieben. Er bekam Morddrohungen, überlebte einen Anschlag mit knapper Not und wurde schließlich am Strand von Genua von den beiden Brüdern einer von ihm verführten Schülerin ermordet. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts brach in der Kunst, der Musik und auf dem Theater eine wahre „Stradella-Manie“ aus, dem sich auch Flotow mit seiner Oper anschloss, deren Uraufführung1844 in Hamburg stattfand. Das Libretto, das verschiedene Episoden aus dem Leben des italienischen Komponisten behandelt und auf einer französischen Komödie von Philippe Pittaud de Forges und Paul Duport basiert, verfasste Friedrich Wilhelm Riese.

 Die Handlung in Kurzfassung: Alessandro Stradella besitzt als tenoraler Charmeur die Macht der Stimme, mit der er die schöne Leonore in seine Arme lockt. Das Mädchen ist auch nicht abgeneigt, zumal sie dadurch der Heirat mit ihrem ungeliebten Vormund Bassi entgehen kann. Bassi tobt vor Wut und heuert die Auftragsmörder Malvolino und Barbarino an, um Stradella um die Ecke zu bringen. Doch selbst die beiden Ganoven schmelzen bei Stradellas hohem C dahin. Am Ende gesteht sogar Bassi ein, dass man einem solchen Sänger jedes Vergehen verzeihen müsse.

 Roman Hovenbitzer – er führte bereits im Vorjahr in Gießen Regie („Die großmütige Tomyris“ von Reinhard Keiser) – inszenierte die Oper als grell-bunten Karnevalsspaß, wobei er die drei Akte in rasantem Tempo ablaufen ließ. Mögen manche Zuschauer einige Szenen auch als blasphemisch, kitschig oder zu klamaukhaft empfunden haben, muss man dem Regisseur zugute halten, dass er das komödiantische Treiben eines venezianischen Karnevals recht treffend auf die Bühne gebracht hat. Gut unterstützt wurde er von Bernhard Niechotz, der knallige, farbenreiche Kostüme entwarf, und von Hermann Feuchter, der die Bühne mit zahlreichen Pappkartons vollräumte, die des Öfteren auf originelle Weise den Darstellern als Plattform ihrer Darbietungen dienten. Fröhlich und ausgelassen die Tanzszenen, die von Mitgliedern der Showtanzgruppe „Soul System“ Hungen auf die Bretter gezaubert wurden (Choreographie: Tarek Assam).

 Für die Titelrolle wurde der auch in Wien als Bacchus in der Volksopern-Produktion „Ariadne auf Naxos“ aufgetretene amerikanische Tenor Corey Bix engagiert, der mit Beethoven-Frisur wie ein Popstar agierte und darstellerisch zu überzeugen wusste. Leider hatte seine Stimme, die in der Höhe unsicher und angestrengt klang (Premierenfieber?), für diese Partie zu wenig Schmelz. Leonore, seine Geliebte, wurde von der zarten Sopranistin Anna Gütter mit viel Einsatz und tänzerischer Geschmeidigkeit gespielt, wobei sie auch stimmlich ihre Rolle problemlos bewältigte. Ihren eifersüchtigen Vormund Bassi gab der Bass Stephan Bootz, die von ihm als Mörder gedungenen Gauner Malvolino und Barbarino wurden vom Bariton Matthias Ludwig und dem polnischen Tenor Wojtek Halicki-Alicca mit dem nötigen Schuss Humor dargestellt.

 Die flotten, ins Ohr gehenden Rhythmen des Komponisten, der mit seiner Oper Martha den größten Erfolg erzielte, wurden vom Philharmonischen Orchester Gießen unter der Leitung von Jan Hoffmann recht schmissig gespielt. Das vom Karnevalsspaß begeisterte Publikum applaudierte allen Akteuren sowie dem Leadingteam mehrere Minuten lang. Eine lobenswerte Geste des Regisseurs war, am Schluss auch die Bühnenarbeiter vor den Vorhang zu holen.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

 

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