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Gerhard Loibelsberger: SCHÖNBRUNNER FINALE

20.05.2018 | buch

Gerhard Loibelsberger:
SCHÖNBRUNNER FINALE
Ein Roman aus Wien im Jahre 1918
365 Seiten, Gmeiner Verlag, 2018 (Taschenbuch)

Im Genre der historischen Wien-Krimis nimmt Autor Gerhard Loibelsberger „ganz vorne“ einen der ersten Plätze ein. Seit Jahren schon wandert sein „Kieberer“, der Oberinspector Joseph Maria Nechyba, durch das Wien der absterbenden Donaumonarchie, die in dem jüngsten Roman nun endgültig zu Ende geht. Hoffentlich bedeutet das keinen Abschied von dem so originellen Schnüffler – schließlich werden ja danach auch in der Ersten Republik Morde begangen, oder?

Loibelsbergers Stärke besteht immer darin, „runde“ Zeitbilder hinzupinseln, die dem Leser lebendigen Einblick in die Vergangenheit geben (abgesehen von der kraftvollen Wiener Sprache, die für die deutschen Leser immer mir Fußnoten erläutert wird). Wenn nun – noch zeitgerecht zum „Vor 100 Jahren“-Jubiläum – das Ende des Ersten Weltkriegs ansteht, dann laufen farbig die Parallelhandlungen nebeneinander, immer wieder von originalen Zeitungsartikeln der damaligen Zeit angereichert.

Einerseits ist hier Nechyba, dessen Freude am Essen legendär ist, der nun natürlich in noch nie gekanntem Ausmaß hungert, was der Autor in aller Ausführlichkeit schildert (den Hunger nämlich und die Ersatzhandlungen für frühere Freuden). Nun weiß sich nicht einmal Nechybas Gattin Aurelia, die Hofratsköchin, zu helfen, und man kann sich die Verzweiflung vorstellen (auch wenn man angesichts der angestrebten Lösungen lächeln muss), wenn der Hofrat Schmerda tatsächlich Hühner in seiner Luxuswohnung hält und sogar erwägt, einem Schwein ein Ecke im Zimmer einzuräumen… Dass Nechyba seine Stellung grob missbraucht, um beim allgemeinen Schleichhandel bevorzugt ein bisschen abzuräumen, kann man ihm nicht übel nehmen. So real bitter das auch schmeckt, so ist es doch der heitere Teil der Handlung… und sagt sehr viel über die Zeit aus.

Weiters lernt man zwei Deserteure kennen, die so gar keine Lust haben, sich für Gott, Kaiser und Vaterland in letzter Minute noch abschlachten lassen, vielmehr den ganzen Haß der „kleinen Leute“ gegen die Großkopferten in sich tragen, die sie wie Marionetten behandeln. Dabei ist der Karel Husak gar kein so übler Kerl, der sich durch das Kriegs-Wien schwindelt, von der einen Gelegenheitsarbeit zur nächsten. Sein Kollege Zach hingegen lässt eine blutige Spur Ermordeter hinter sich– auch wenn über ihn, einen ehemaligen Setzer der „Arbeiter Zeitung“, die Genossen ihre schützende Hand halten wollen. Da stolpert Nechyba von einer Leiche zur nächsten, und dem Krimi wird Tribut gezollt…

Ganz traurig wird der Leser, wenn die Spanische Grippe, die damals wütet und bekanntlich auch Egon Schiele hinwegrafft, bei einer vertraut gewordenen Figur zuschlägt: Daran stirbt dann auch Leo Goldblatt, der Journalist, mit dem Nechyba im Kaffeehaus, dem wohl bekannten Sperl, bis zuletzt zu plaudern pflegte – selbst wenn es in diesen schrecklichen Zeiten nur noch Zichori statt Kaffee gibt…

Am Ende wird Nechyba zur Wache nach Schloß Schönbrunn abkommandiert und ist dabei, wie Kaiser Karl mit Familie sich bei Nacht und Nebel aus der Geschichte schleicht. Husak darf dann (als allgemeines Chaos herrscht, auch bei den Polizeibehörden) in seine Heimat, die jetzt Tschechoslowakei heißt. Und Nechyba? Ist der nicht auch Tscheche? „I bin Österreicher“ lauten die Schlussworte des Romans…

Renate Wagner

 

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