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Gerhard Bauer: „HUCH, EIN KRITIKER!“

06.07.2018 | buch

Gerhard Bauer:
„HUCH, EIN KRITIKER!“
Leben und Lieben eines Wiener Journalisten in Köln
175 Seiten, August von Goethe Literaturverlag, 2018

Wer sein ganzes Leben lang geschrieben hat, tut sich schwer mit dem Aufhören. Gerhard Bauer, Jahrgang1940 aus Wien, der seinen Wohnsitz vor nicht weniger als 48 Jahren nach Köln verlegt hat, war sein Leben lang Kulturjournalist. Als solcher hat er etwas zu erzählen, und er tut es – damit der Ruhestand nicht ganz so ruhig ist – in dem Buch „Huch, ein Kritiker!“

Es ist amüsant für die Kenner der Wiener und der Kölner Szene, desgleichen für Opern- und Musikfreunde – und sehr für Journalistenkollegen, die angesichts seiner Erlebnisse nur verständnisinnig nicken können. Irgendwie scheint es in den Kulturredaktionen überall gleich zuzugehen, obwohl der Unterschied zwischen Österreich und Deutschland für den in Köln „zugereisten“ Bauer ein Thema geblieben ist.

Man begegnet einer solchen Unmenge von bekannten Namen, dass man dem Buch eigentlich ein Personenregister wünschen würde. Man erfährt, dass er mit dem Nachbarskind, der Silvi, „geschwollenene“ Ausdrucksweise übte, weil sie Burgschauspielerin werden wollte. Und das ist Sylvia Lukan auch gelungen. Später erregt er sich über ein Schulsystem, das die Älteren noch erlebt haben – dass man sich im Gymnasium ab der 4. Klasse „entweder“ für das Fach Musik oder das Fach Kunst entscheiden musste, nicht beides lernen durfte, auch wenn man es gewollt hätte. (Hoffentlich ist das heute anders.) Man erfährt, wie er auf der Jesuitenwiese im Prater mit dem „Wunderkind“ Rudi Buchbinder Fußball spielte („Rudi, deine wertvollen Finger!“ riefen alle, wenn dieser wieder einmal ohne Rücksicht auf Verluste aus dem Tor stürzte).

Man liest von seiner Leidenschaft für Musik von den frühesten Jahren an, wo sich am Stehplatz der Staatsoper die Anhänger von Elisabeth Schwarzkopf und Lisa della Casa (er war ganz auf die Letztere eingeschossen) regelrecht blutig prügelten. Außerdem betete er Giuseppe di Stefano an, bewunderte Anton Dermota und erzählt von Zeiten, wo die Wiener Stehplatzbesucher leidenschaftlich nichts anderes im Kopf hatten als ihre Sänger. Die Ludwig will die Carmen singen? Unmöglich!!!

Man erfährt von seinem Studium der Musikwissenschaft an der Wiener Universität und seinen äußerst berühmten, äußerst schrulligen Professoren. Er war 16 gewesen, als 1956 sein erster Artikel erschien, ein erfundenes Interview mit Mozart, zusammen gestellt aus dessen Briefstellen. Und er wieselte durch alle möglichen Wiener Redaktionen. Wenn er in der Arbeiter Zeitung unliebsam auffiel, was die erste Frage: „Wie lange ist er schon in der Partei?“

Vom „Hauptkampfplatz Wien“, wo er sich für alles qualifizierte (auch Leserbriefe fälschen – das ist eine beliebte Tätigkeit), kam er auf Empfehlung zum „Kölner Stadtanzeiger“, was seinen Wiener Freunden enorm imponierte. „AZ“-Urgestein Hans Heinz Hahnl  prophezeite ihm, er werde es „in Taitschland guad ham“, denn dort seien im Feuilleton alle Narren. Was nicht unrichtig sein mochte, leicht war es dennoch nicht immer.

Wie jeder Journalist hat er in Redaktionen alles erlebt, aber wenige Chefredakteure, die – wie er es bei Joachim Besser feststellte – Charakter, Bildung und Menschlichkeit mitbrachten. Weit eher dämmerte ihm die Einsicht, „dass nämlich die Hierarchie hoch über dem Sachverstand steht und dass es die Obrigkeit liebt, ihre Wissenslücken zum Maß aller Dinge zu machen.“ (Welcher Kollege wird ihm da nicht zustimmen?) Jedenfalls erzählt er so einiges aus den Redaktionen, was niemandem Ehre macht.

Bauer, die Musikkritiken schrieb, vor allem über Konzerte, auch über Oper, erregte sich mit pointierten Formulierungen Ärgernis, es regnete auch Beschwerden, einmal flog er beim „Kölner Stadtanzeiger“ auch raus und verbrachte ein angenehmes Jahr im kleinen Flensburg, bevor man ihn wieder holte, weil sein Nachfolger offenbar viel schlimmer war als er. Mittlerweile erfährt man auch, dass seine erste Ehe scheiterte, er die zweite Frau per Kontaktanzeigen suchte (da erlebt man auch einiges, etwa gleich zu Beginn die Forderung, die Dame habe Anrecht auf einen Orgasmus), bis der 1980 Ursula fand, bis heute die ideale Gefährtin seines Lebens, die mit ihm durch dick und dünn ging und geht und heute mit ihm den Ruhestand teilt. Sie hat ihn übrigens nicht nur alkoholisch „trocken gelegt“ (großes Erstaunen ringsum, wenn jemand nichts „trinkt“), sondern ihm auch die Zigaretten aus dem Mund genommen…

Bauer erzählt weiter aus der Zeitungswelt (viele Journalisten haben sich frühzeitig aus dem Job verabschiedet, als die Computer kamen, mit denen sie sich nicht auseinandersetzen wollten), von der absoluten Verschlechterung in der Zeitungsbranche („Wir müssen jetzt mit weniger Personal und geringerem Etat eine bessere Zeitung machen“), vom Wechsel in die Unsicherheit des „freien Mitarbeiters“, vor allem aber von der Veränderung im Kulturverständnis – auf den Kulturseiten übernahm die Popkultur die Vorherrschaft über die Hochkultur, Qualität war immer weniger gefragt, man berief sich auf ein Publikum, das sich für all das gar nicht mehr interessiere…

Und schließlich liest man über die Probleme des Berufs, über die Rücksichten, die dem Journalisten abverlangt werden, die Bestechungsversuche, die man an ihn heranträgt, bis der logische Entschluss nur darin bestehen kann, keinem Künstler zu nahe zu kommen, um keinerlei Zwängen zu unterliegen. „Ich nütze der Gesellschaft mehr, wenn ich sie eher meide als suche“, meint er. Was natürlich auch nicht immer gelingt – Bauer hat in seinen aktiven Jahrzehnten natürlich Gott und die Welt kennengelernt, und über die Verhältnisse gerade im Kölner Musikleben erfährt man viel. Auch, wie sich der „Kölner Stadtanzeiger“ an der Hetzjagd gegen Eric Uwe Laufenberg beteiligte, und wie man Beiträge von ihm, die das Thema ohne Sensations-Geschrei behandelten, dann einfach nicht druckte. Dann das wollte man in der Redaktion nicht lesen.

Äußerst witzig fallen Bauers Bemerkungen zum Aufkommen des Regietheaters aus, und er gibt die Mitschuld des Feuilletons zu, das sich nicht blamieren und Respekt vor den Einfällen der Regisseure haben wollte. Günter Krämer, über dessen „Rätsel“ er besonders witzelte (wieso fährt in „Hoffmanns Erzählungen“ auf der Bühne eine Straßenbahn durch Köln?), war da besonders ergiebig, das heißt, er verlangte dem journalistischen Einfallsreichtum einiges ab: Warum in der „Elektra“ ein Staubsauger herumliege? Nun…das ist ein Werk der Reinigung, der Entsühnung, und bekanntlich dient dieses Gerät ja dem Saubermachen. (Kein Wunder, dass Regisseure ihren „Ideen“ keine Grenzen setzen, wenn sie auf solche Interpreten hoffen können.) Und wenn in der „Salome“ am Ende alle tot waren, nur Salome nicht… logisch, sie ist das weibliche Prinzip, das ist als einziges unsterblich. Na eben.

Bauer erzählt auch von seinen Reisen, die nicht immer unkompliziert verliefen (nachdem er in Catania wüst zusammen geschlagen worden war, tröstete ihn der Orthopäde zuhause: „Glück gehabt, Sie hätten auch querschnittgelähmt sein können.“). Heute bleibt er meist daheim und hört klassische Musik. Derer wird man bekanntlich nie müde. Sein Rückblick erinnert wieder einmal daran, wie rasant und immer rasanter die Welt sich verändert hat.

Renate Wagner

 

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