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Georg Markus: WENN MAN TROTZDEM LACHT

14.10.2012 | buch

Georg Markus: 
WENN MAN TROTZDEM LACHT
Geschichten und Geschichte des österreichischen Humors
352 Seiten. Amalthea Verlag 2012

Schon das Titelbild zeigt Schwergewichte: von links nach rechts sehen da Johann Nestroy, Helmut Qualtinger, Karl Farkas, Maxi Böhm und Hans Moser den Betrachter an, und dreht man das Buch um, geht es ebenso groß weiter mit Peter Altenberg, Gerhard Bronner, Ernst Waldbrunn, Cissy Kraner und Armin Berg. Kurz, Georg Markus hat für eines seiner großformatigen Bücher, die Jahr für Jahr regelmäßig bei Amalthea erscheinen, diesmal ein wirklich wichtiges und zusammenhängendes Thema gefunden: „Wenn man trotzdem lacht“ erweist sich nicht nur, wie der Untertitel sagt, als „Geschichten und Geschichte des österreichischen Humors“, sondern über kurz oder lang schwerpunktmäßig als Geschichte des österreichischen Kabaretts.

Auf der anfänglichen Spurensuche nach dem „Wiener Schmäh“ begibt sich Markus in historische Gefilde, und da ist man kurz bei Nestroys berühmtem Grimm (Markus zitiert reichlich), auch bei den großen Komödianten wie Girardi oder dem politischen Witz der Kaiserzeit. Aber sobald er sich mit dem (vordringlich jüdischen) Kabarett der zwanziger Jahre befasst, ist der Autor wie ein Fisch im Wasser: Mit diesem Thema hat er sich gewissermaßen lebenslang beschäftigt, viele der Protagonisten hat er, obwohl selbst noch kein Greis, zumindest gekannt, als sie sehr alt waren und er noch sehr jung, kurz, hier ist er zuhause.

Nun haben ja auch die Wiener Kaffeehausliteraten eine Unmenge zum brillanten österreichischen Witz beigetragen, es ist wahrlich ein Stück literarischer Kulturgeschichte, auf Altenberg, Kuh, Friedell, Polgar, Roda Roda, Herzmanovsky-Orlando zurückgeführt zu werden. Die zwanziger Jahre pflückten das Erbe der Großen, und da mischen sich dann endlich auch Damen ins Geschehen – Stella Kadmon, die wir alle nur als reizende Alte kannten, die unerschütterlich ihr Theater der Courage führte, zeigt sich hier kess mit langen Beinen unter dem, was man einen „Mini“ nennen könnte… Später taucht auch ein Bild von Hilde Krahl, später bedeutende Burgschauspielerin, als blonde Hübschheit im Kabarett auf.

Auch wer sich selbst als Kenner der Materie betrachtet, wird von Markus, dem größeren Kenner, natürlich übertrumpft. Man weiß zwar, dass Hans Weigel eine große Rolle als Autor der „Literatur am Naschmarkt“ spielte, man weiß auch, dass er aus Geldgründen populäre Schlager schrieb (die „Gebundenen Hände“ der Zarah Leander) – aber dass er sich selbst im Kabarett parodierte, das hat man sich eigentlich nicht bewusst gemacht…

Das Buch ist unerschöpflich, springt zwischen Welten und Zeiten, man rekapituliert Graf-Bobby-Witze ebenso wie die Kunst des Schüttelreims, die Frau Pollak-Witze und die berüchtigten „Burgenländer“, und man liest auch, was Sigmund Freud zu all dem zu sagen hat (nämlich, dass hinter der scheinbaren Harmlosigkeit oft „unterbewusst“ ganz tiefe, ernste Abneigung steht – „Im Scherz darf man bekanntlich sogar die Wahrheit sagen“).

Hier steht Karl Kraus ganz nahe bei Karl Farkas, hier nuschelt Hans Moser, hier wird sogar das Dritte Reich verulkt („Der Völkische Beobachter veranstaltet ein Preisausschreiben für den besten Witz.“ „Was ist der erste Preis?“ „Zwanzig Jahre Dachau.“), ohne dass Markus den Ernst der Lage unter den Tisch kehrte – deportierte, ermordete, exilierte Humoristen holen das Thema aus luftiger Heiterkeit auf den Boden der historischen Tatsachen.

Doch nach dem Krieg darf Markus mit der Nachkriegsgeschichte des Kabaretts loslegen – der heimgekehrte Farkas, der grimmige Witz von Bronner, Qualtinger (dessen „Pratical Jokes“ im Privatleben Legende und nicht immer gänzlich harmlos waren), Carl Merz, Peter Wehle, natürlich Georg Kreisler.

Ein Schlenker zum volkstümlichen Humor würdigt die Löwinger ebenso wie Vinzenz Chiavacci mit seinen Volkstypen (die „Frau Sopherl“ und der „Herr Adabei“), und es ist zu sehr bedanken, dass der Autor Josef Weinheber nicht vergisst. Denn die Tatsache, dass er sich den Nazis zuwandte, hat ihm die Ächtung der Nachwelt eingetragen – und der Mann, der einer der größten Sprachkünstler überhaupt war und mit „Wien wörtlich“ ein singuläres Meisterwerk schuf, ist heute so gut wie vergessen.

Markus denkt auch an Wondra & Zwickl, an Pirron & Knapp, an die „Drei Spitzbuben“ und an die Tschaunerbühne, wechselt die Ebene, behandelt den Mundl Sachbauer und erinnert an die Gedichte von Ernst Kain und Trude Marzik (die Wienerisch so phonetisch schreiben, dass es auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist – man muss es laut lesen, um es zu verstehen).

Beim Jüdischen Witz darf dann Torberg mit seiner Tante Jolesch nicht fehlen, und Markus behandelt noch jene Komiker, denen er sehr nahe stand (teilweise hat er Bücher über sie geschrieben): Maxi Böhm, Ernst Waldbrunn, Hugo Wiener und Cissy Kraner, Heinz Conrads, Fritz Muliar. Nur das Buch über die Kabarettisten von heute – das müssen andere schreiben.

„Wenn man trotzdem lacht“ ist nicht nur ein wirklich bemerkenswertes Kompendium zum Thema heiterer Literatur mit all ihren Facetten, das Buch hat noch einen Nebeneffekt: Markus streut jede Menge von Witzen hinein, viele davon so exzellent, dass man sie gerne wieder erzählt. Kurz, ein Nachschlagebuch für die Abendunterhaltung ist es auch noch.

Renate Wagner

 

 

             

 

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