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Georg Friedrich Händel PARTENOPE: Neue Gesamtaufnahme

27.10.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

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Georg Friedrich Händel PARTENOPE: Neue Gesamtaufnahme mit Il pomo d‘oro unter Riccardo Minasi – Philippe Jaroussky und Karina Gauvin glänzen in einer rundum gelungenen Einspielung dieser „bittersüßen Schule für Liebende“* – Erato CD

Von allen großen Händel Opern gilt Partenope als eine von der Plattenindustrie zu Unrecht vernachlässigten. Gerade einmal zwei Studioversionen gibt es aktuell im Katalog: Die betagte Erstaufnahme mit La Petite Bande unter Sigiswald Kuijken aus 1979 und eine Chandos-Produktion aus dem Jahr 2004 unter Christian Curnyn. Also ist die jetzige sorgfältig editierte und prächtig musizierte Erato/Warner Aufnahme mehr als willkommen.

Zumal diese antiheroische Oper das volle Zeug zu einen heutigen Theatererfolg hätte. Auf Basis eines gesellschaftskritischen Librettos rund um den Gründungsmythos der Stadt Neapel des römischen Dichters Silvio Stampiglia voller Passion, Ironie und Witz geht es in dieser Händelschen Travestie um die Sirene Partenope, die allen „Helden“ den Kopf verdreht, aber eigentlich auf den selbstgefälligen Arsace steht. Nur ein Pech, dass dieser korinthische Fürst von seiner (für Partenope) im Stich gelassenen Rosmira verfolgt wird, und zwar in Gestalt des armenischen Fürsten Eurimene. Nach vielen Irrungen und Wirrungen der Zurückgewiesenen (z.B. der kriegsgefangene Emilio, dem Partenope „nur“ Freundschaft anbietet) gewinnt final Armindo das Match um die schöne Partenope. Laut der Wertung der Musikwissenschaft (Edward Dent) liegt Partenope das vielleicht beste Libretto zu Grunde, das Händel je vertont hat. Es vergleicht es gar mit Shakespeares Komödie „Was Ihr Wollt“, „einer Erkundung der menschlichen Natur, die in aller Ehrlichkeit eine Welt schildert, zu der Humor, Traurigkeit, Spott, Mitleid, Kummer und Versöhnung alle ihren Beitrag leisten.“

So gibt die Hosenrolle Rosmira/Eurimene Anlass zu einer gar köstlichen Duell-Szene im 3. Akt: Eurimene fordert ihren Arsace zum Duell, um sich an seiner Untreue zu rächen. Um nicht die „Ex“ abschlachten zu müssen, fordert Arsace sei Recht ein, mit nacktem Oberkörper kämpfen zu wollen. Also bleibt „Eurimene“ nichts anders übrig, um nicht ebenfalls ihre Brust entblößen zu müssen, als ihre wahre Identität als Rosmira preiszugeben. Partenope zeigt Verständnis und ist bereit, allen zu vergeben, reicht dem schüchternen Armindo die Hand zum Ehebund, führt Arsace und Rosmira zusammen und entlässt Emilio in die Freiheit. Happy End!

Die Musik zu Partenope ist kurzweilig, weil Händel wie in den Opern Serse und Imeneo anstatt elendslanger da capo Arien wie in der Seria eher zu vielen knappen Arien und Szenen als Stilmittel greift und bezaubernde Duette, Chöre, ein Quartett und spannende Rezitative geschrieben hat. Die Rivalinnen Partenope und Rosmira werden von Karina Gauvin und Teresa Iervolino traumhaft schön gesungen. Sie treten damit in die Fußstapfen der zickigen Primadonnen Cuzzoni und Faustina. Wie das hingegen heute bei exzellenten Interpretationen von Barockmusik der Fall ist, kreieren die beiden moderne vielschichtige und interessante Charaktere, die durchaus Raum zu Identifikation vielleicht sogar für Teenies lassen. Der frz. Countertenor Philippe Jaroussky macht aus der Partie des gockeligen Arsace ein augenzwinkerndes Kammerstück barocker Affekte. Die Stimme ist schwerer und wohl auch vibratoreicher geworden. Der schwebende Engelston ist einem Charakteralt gewichen. Der in der Liebe triumphierende Armindo wird von der jungen ungarischen Sopranistin Emöke Baráth trefflich gesungen. Eine Spezialistin in Sachen Alter Musik, die durch zahlreiche Auftritte vor allem an allen ersten Bühnen in Frankreich zu Recht für Furore gesorgt hat. Emilio wird gewohnt gediegen von John  Mark Ainsley interpretiert, die Basspartie des Ormnonte ist bei Luca Tittoto bestens aufgehoben.

* Zitat David Vickers aus seinem Bookletaufsatz

Fazit: Ein barocker Hörgenuss!

 

 

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