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GENF/ Opernhaus: JENUFA – Janáčeks psychologisches Meisterwerk

07.05.2022 | Oper international

Leoš Janáček, Jenufa, Oper Genf vom 7.5.2022

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Copyright: Carole Parodi

Einleitung

Die Vorlage, auf der Leoš Janáčeks psychologisches Meisterwerk Jenůfa beruht, benennt mit dem Titel Ihre Ziehtochter das eng verwobene Schicksal zweier Frauen als exemplarisches Zentrum der in einem mährischen Dorf um 1900 angesiedelten Tragödie. Die ältere ist die Küsterin, eine stolze Frau, der die Liebe zu einem unzuverlässigen Mann den sozialen Abstieg gebracht hat, die sich aber durch moralische Integrität Respekt erkämpfen konnte. Die jüngere ist Jenůfa, die Tochter jenes Mannes, die die Küsterin bedingungslos liebt und unbedingt vor einem ähnlichen Schicksal bewahren will. Doch auch Jenůfa verliebt sich in einen attraktiven Nichtsnutz, wird schwanger vom Kindsvater verlassen und überschüttet das heimlich zur Welt gebrachte Kind trotzdem mit all ihrer Liebe.

Regisseurin Tatjana Gürbaca inszeniert dieses psychologische Kammerspiel mit der Wucht einer antiken Tragödie und zeigt, wie die Handlungen der Küsterin unerbittlich befördern, was sie doch eigentlich verhindern will, bis Jenůfa diesen ewigen Kreislauf durchbricht.

Bühnenbild

Es ist eine Art Hütte aus hellem Holz. Eine einzigartige Struktur, die alles suggeriert, was auf diesen Menschen lastet. Anstand, Religion, wirtschaftliche Abhängigkeit, aber auch Leidenschaften, alles, was sich zusammenschliesst, um die Seelen gefangen zu halten.

Im Inneren dieser Box befindet sich eine riesige Treppe mit sehr hohen Stufen, Stufen, die nur zweimal genutzt werden: als Kostelnička sie mühsam hinaufsteigt, Jenůfas Kind trägt, um es zu ertränken und dann, als sie sie ebenso mühsam wieder hinuntersteigt, um die Last ihres Verbrechens zu tragen.

Das Dorfleben kommt in dieser Kammeroper, in der einförmigen Holzschachtel mit der überdimensionalen Treppe «übrigens der einzige Weg, der aus dieser Isolation hinausführt» sehr gut zur Geltung. Jeder kennt jeden, jeder weiss vom anderen zu berichten und weiss vom anderen was in seinem alltäglichen Leben geschieht.

Die Sänger und Sängerinnen

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Copyright: Carole Parodi

Corinne Winters singt eine hervorragende und mitreissende Jenufa. Sie zeigt emotional und innig, wie sie einen langen Weg der Vergebung gehen muss. Zuerst muss sie Steva verzeihen, der sie geschwängert und dann verlassen hat. Dann muss sie Laca verzeihen, der ihr das Gesicht verstümmelt hat, und schliesslich der Kostelnicka, die ihr das Kind getötet hat. Der Star des Abends ist ungebrochen Evelyn Herlitzius, welche eine dramatische und starke Kostelnicka darstellt. Deren eigenliebe sträker ist als die Liebe zu Jenufa bringt sie hervorragend stark zur Geltung. Daniel Brenna imponiert als rachsüchtiger und trotz allem verliebter Laca. Ladislav Elgr interpretiert einen schamlosen Steva Buryia der nicht viel auf die Liebe und Treue hält. Carole Wilson ist eine gute alte Buryjovka die mit grosser Erfahrung hantiert. Michael Kraus singt den Starek mit stattlicher Präsenz. Eugénie Joneau ist Karolka. Michael Mofidian der Dorfrichter. Seine Frau wird gesungen von Céline Kot. Jano ist Borbala Szuromi. Barena wird gesungen von Mayako Ito. Schäferin ist Mi-Young Kim und die Base Varduhi Khachatryan.

Musikalisch

Musikalisch war Janáčeks Partitur, eine durchkomponierte Angelegenheit voller volkstümlicher Idiome und expressiver harmonischer Färbungen, bei Tomas Hanus in guten Händen, der das Orchestre de la Suisse Romande, anmutig durch Felder seltsam organischer Polyrhythmen und ausdrucksstarker, exponierter Soli führte. Bravo vor allem für die Solovioline und das Fagott. Das Orchester störte nicht ein einziges Mal die Klarheit der Gesangslinien und übertrug sowohl die spielerische, perkussive Rauheit als auch die üppigen Wälder von Jenůfas besonderer harmonischer Welt mit Finesse. Der Chor des Grand Théâtre de Genève war ebenfalls hervorragend gut vorbereitet worden von Alan Woodbridge.

 

 

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