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GENF: MIGNON

17.05.2012 | KRITIKEN, Oper

GENF: MIGNON am 16.05.2012


Sophie Koch. Foto: Theater Genf/Yusuf Durukan

 Goethes Werke waren bei französischen Komponisten des 19.Jahrhunderts als Vorlage sehr beliebt: Gounod-Faust, Thomas Mignon und Hamlet, Massenet-Werther. Mignon wurde 1866 mit durchschlagendem Erfolg in Paris uraufgeführt: ein Oeuvre, das den damaligen Geschmack als Spieloper mit viel Sentiment (dem Typus der opéra comique mit Zwischentexten verpflichtet) grandios traf. Allerdings ist vom Inhalt, der Handlung  und dem Geist des Entwicklungsromans *Wilhelm Meister’s Lehrjahre* wenig bis gar nichts übrig geblieben. Auch darf man die Lied-Vertonungen von Schubert, Schumann und Wolf mit dem Thema Mignon nicht zum Vergleich heranziehen. Bei Thomas ist dieses Mädchen eine liebenswürdige, einfache Spielopernfigur, der die Sympathie des Publikums gewiss ist, da die gewandte Philine, die ihr Auge auf den Tenor Wilhelm Meister geworfen hat, als „ein falscher Fuffziger“ angelegt ist. Diana Damrau als eben diese Schlange hat eine neue Paraderolle gefunden. Nicht nur serviert sie die Bravourarie „Je suis Titania“ souverän-glanzvoll mit perlenden Koloraturen, ihre französische Diktion ist idiomatisch und spielfreudig ist/war sie schon immer. Die Titelfigur (für Mezzo eine Seltenheit in der Opernliteratur) war bei Sophie Koch gesanglich wie darstellerisch in besten Händen, gewann das Auditorium mit warmem Timbre und innig-beseeltem Spiel. Und wenn ein Intendant diese zwei Hauptrollen dermassen adäquat wie in Genf besetzen kann, versteht man sofort dass er diese heute ausserhalb Frankreichs selten gespielte Oper trotz einiger Längen (reine Spieldauer 2h45′) und einiger Kitschmomente auf den Spielplan setzt. Zwischen diesen zwei Frauen hin- und hergerissen überzeugt der erst 30-jährige Italiener Paolo Fanale mit guten Anlagen, höhensicherem Tenormaterial, schönen Legatobögen und der Fähigkeit einen Spitzenton diminuendo zurückzunehmen; sein Französisch ist zwar nicht übel, aber durchaus verbesserungswürdig. Nicolas Courjal mit zu Beginn etwas roh eingesetztem Organ als Lothario steigerte sich im Verlauf des Abends beträchtlich, in der Szene zum Schluss strömte sein Bass dann geschmeidig-schön. In Nebenpartien wussten Mezzo Carine Séchaye in der Hosenrolle des Frédéric und Tenor Emilio Pons als Laërte zu gefallen, die „Wurzen“ waren bei Frédéric Concalves (Bariton) als Jarno und Laurent Delvert als Diener gut aufgehoben.

Diese Koproduktion mit der Opéra Comique de Paris des Teams Regie/Jean-Louis Benoît, Bühnenbild/Laurent Peduzzi, Kostüme/Thibaut Welchlin, Beleuchtung/Dominique Bruguière hat die Geschichte original nacherzählt, war stimmig ohne in den im Werk imminent drohenden Kitsch abzugleiten, war also für alle Zuschauer, die mit diesem Werk erstmals Bekanntschaft schlossen, ein gewinnbringendes Erlebnis.

Das Orchestre de la Suisse Romande und der Chor des Grand Théâtre de Genève unter der Leitung von Frédéric Chaslin legten einen inspirierten Teppich für die Solisten, wussten geschickt zwischen den eher zurückgenommenen, liedhaften Strophen einiger Solonummern und den gossen Finali des zweiten und dritten Akts mit Emphase zu pendeln.

Alex Eisinger

 

 

 

 

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