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GENF: MIGNON

17.05.2012 | KRITIKEN, Oper

Grand Théâtre de Genève am 16. 5. 2012: MIGNON von Ambroise Thomas

 Opéra-comique in 3 Akten und 5 Bildern von Jules Barbier und Michel Carré nach einem Ausschnitt aus dem Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre von Johann Wolfgang v. Goethe

4. Aufführung nach der Genfer Premiere am 13. Mai, Übernahme einer Produktion der Pariser Opéra-comique aus dem Jahre 2010; weitere Termine bis 20.Mai 2012.

 Auch wenn „Mignon“ das erfolgreichste Werk des Komponisten war und als Marketingbegriff schon vor 130, 140 Jahren mit den unwahrscheinlichsten Produkten – von einer großen Palette an Süßigkeiten bis hin zu „Liebigs Fleischextrakt“ – reichlich Geld machte, galt Ambroise Thomas doch nie als herausragender Tonsetzer: Emmanuel Chabrier ätzte einmal, es gäbe gute und schlechte Musik, und dann gäbe es noch Musik von Ambroise Thomas; etwas milder Alfred Bruneau, der Thomas als einen bezeichnete, der nicht zum Innovator geboren, sondern in der Mode seiner Zeit geblieben sei.

Sei es wie es sei: unter der präzisen Leitung von Frédérick Chaslin tat das Orchestre de la Suisse Romande sein Bestes, um aus dem manchmal flach und unentschlossen wirkenden Notenmaterial Emotion und Spannung herauszuholen; Dirigent und Orchester waren den Sängern perfekte Begleiter und Partner, der Chor (Leitung: Ching-Lien Wu) stimmlich und spielerisch bestens disponiert.

Die Titelrolle gab Sophie Koch mit vollem, wohlklingenden Mezzo. Die Regie wies ihr allerdings eine recht passive, reduziert-depressiv wirkende Rollengestaltung zu, auch im komödiantischen 2. Akt. Deutlich mehr Gelegenheit, schauspielerische Facetten zu zeigen, hatte (und nutzte) „Wilhelm Meister“ Paolo Finale, dessen feiner lyrischer Tenor sich in das hervorragende Ensemble perfekt einfügte. Der rätselhafte Lothario wurde von Nicolas Courjal mit wunderschönem Baß verkörpert.

Wenn Diana Damrau im „Merker“-Interview 2009 anmerkte, daß sie mit Ihrem Umzug nach Genf ihr Schulfranzösisch für künftige Bühnenrollen aufzupolieren gedenke, so kann man nun getrost feststellen, daß sie diesen Vorsatz konsequent und mit Erfolg umgesetzt hat. Als charmantes Mistviech Philine liefert sie sich mit ihrem nicht so recht geschätzten Kollegen Laërte (Emilio Pons – leider, für seine Qualität als Sänger, in dieser Rolle nur mit relativ wenig Noten bedacht) zum Vergnügen des Publikums ein verbales und darstellerisches Gefecht, mit dem sie jederzeit auch in einem turbulenten Feydeau-Stück am französischen Sprechtheater bestehen könnte. Was aber schade wäre, denn ihre stimmlichen und sangestechnischen Fähigkeiten sind derzeit auf einem Niveau, auf dem sie in ihrem Fach kaum eine Konkurrentin auf dieser Welt kennt. Ebenfalls mit großem komödiantischen Vermögen und erstklassigem Gesang gab Carine Séchaye den Frédéric, einen nahen Verwandten des Cherubino.

Frédéric Consalves ist als Jarno sängerisch sehr gut, könnte als Schurke des Stückes aber ein bißchen furchterregender sein (wurde er da eventuell „politisch korrekt“ eingebremst?).

Laurent Delvert tritt als (stumm bleibender) Kellner zu Beginn des 1. Aktes auf, bzw. richtet während der Ouverture (diese Mode ist also im frankophonen Teil der Opernwelt auch schon angekommen) die Gastwirtschaft, in der die ersten Bilder spielen, ein.

Von erwähnten kleineren Einwänden abgesehen kreiert die Regie von Jean-Louis Benoît die passende Atmosphäre und setzt die Geschichte stringent und logisch um. Das Szenenbild (Laurent Peduzzi) schafft mit oft reduzierten Mitteln (schwarze Kulissenrahmen, dahinter ein Prospekt etwa im Stile von Buchillustrationen aus Goethes Zeit) einen auf die Handlung fokussierenden Raum, der von den epochegerechten Kostümen (Thibaut Welchlin) intensiv belebt wird. Gelungen auch das kurze Aufblitzen des Shakespeare’schen Sommernachtstraumes an passenden Stellen im 2. Akt (Choreographie Lionel Hoche). Man kann durchaus sagen, daß Regie und Bild einiges wettmachen, was der Musik fehlt.

Hochzufriedener Applaus, bei dem die Damen Damrau, Koch und Séchaye und Herr Courjal am meisten bedacht wurden, nebst dem Dirigenten & Orchester.

 H & P Huber

 

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