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GENF/ Grand Théâtre de Genève: MACBETH

23.06.2012 | KRITIKEN, Oper

Macbeth am Grand Théâtre de Genève vom 21. Juni 2012

Hexen prophezeien Macbeth, er werde König von Schottland. Ahnherr künftiger Monarchen werde aber nicht er, sondern Banco. Angetrieben von der Machtgier seiner Gattin bringt sich Macbeth durch Königsmord und zahllose Greueltaten in den Besitz der Krone und damit auf Schottlands Thron. In der Verfolgung dieses Zieles, vernichtet er alles, was sich ihm widersetzt. Der Preis für den ist freilich Wahnsinn: Lady Macbeth kann sich nicht vom Blut der Ermordeten befreien – der Tyrann selbst entkommt nicht dem düsteren Schicksalsspruch der Hexen.

Eine geniale und überaus fesselnde Regieumsetzung durch Christof Loy und seinem Produktionsteam; Kostüme Ursula Renzenbrink, Licht Bernd Purkrabek, und Dramaturgie Yvonne Gebauer. Eine komplexe und nicht einfach zu erschliessende dramatischen Oper, geschrieben von den Librettisten Francesco Maria Piave und Andrea Maffei in dichterisch überhöhter Sprache, eingefasst in die überragend und tief bewegend vorgetragene musikalische Gestaltung von Giuseppe Verdi.

Die Overtüre wird bereits bespielt und ist extrem opulent. Hier wird die Vergangenheit demonstriert, alles ist längst vorbei und alle sind seit langem verstorben und geistern seelenlos im Schloss umher. Lady Macbeth in Weiss wandelt gedankenverloren und verirrt durchs Schloss. Macbeth sitzt zusammengesunken in seinem Lehnstuhl. Alles hinter einer geheimnisvoll wehenden Gardine. Diese Geisterszene, die sich gegen Ende noch einmal wiederholt, ist einem durch zwei Pausen ziemlich langen Opernabend, äusserst anspruchsvoll und sehr wirkungsvoll umgesetzt.

Das Orchestre de la Suisse Romande unter der profunden Stabführung von Ingo Metzmacher hat dieses schwierige Werk in meisterlicher Disposition wiedergegeben. Die orchestrale Farbpalette von zarter und leiser Tongebung bis zu massivem Blech und Schlagwerk feinfühlig dosiert, wodurch die fabelhaften überirdischen Momente aus dem Geisterreich der Hexenwelt ebenso spürbar werden wie die härtesten Bedrohungen durch pure Machtgewalten.

Die Überraschung bei diesem Regiekonzepts liegt darin, dass es eben keine den Kontext sprengende Veränderung vornimmt, sondern dem Zuschauer viele Details der Handlung durch überaus sinnfällige Bilder nahebringt. Zusammen mit den eingeblendeten Untertiteln werden so die Beweggründe und Konflikte der Sänger-Darsteller transparent und nachvollziehbar.

Entscheidend für dieses Resultat ist neben der musikalischen Perfektion die Gestaltung der Figuren durch die Sänger, die vor der gnadenlosen Musik darstellerisch eine eher bedauernswerte Leistung boten.

Mit ihrer vibratoreichen schrillen, stimmlich fragwürdigen Rolleninterpretation hatte Jennifer Larmore als Lady Macbeth einen sehr schweren Stand. Die stärken der Larmore liegen in diesem Werk in der Spielfreude und sie bot darum eine meisterlich durchtriebene Lady.

Die beiden Herren hatten ebenfalls sängerische Mühen: Davide Damiani der sich als indisponiert ansagen liess und wegen eines Unfalls stimmlich wie darstellerisch sehr zu kämpfen hatte, war aus Sicht des Zuschauers zu bedauern. Gesanglich kann man seine Leistung nicht abschliessend beurteilen gerade wegen seiner Indisposition. Nicht ohne Grund hat er die beiden letzten Vorstellungen angesagt und wurde durch Franco Vassallo ersetzt.

Christian van Horn gab dem Banco die kraftvoll warmen Bariton-Töne, hatte aber auch ein unschönes Vibrato aufzuweiden, und Andrea Carè war, bisweilen der bestdisponierte des Abends und demzufolge ein überzeugender Macduff.

Dieser „Macbeth“ ist durch die wirklich intelligente Inszenierung in guter Erinnerung und eher weniger wegen der gesanglichen Leistungen. Das Publikum goutierte die Aufführung mit viel wohlwollen und warmem Applaus.

 

 

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