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GENÈVE/ Grand Théâtre: NORMA. Premiere

17.06.2017 | Oper

GENÈVE / GRAND THÉÂTRE: NORMA am 16.6.2017 (Premiere)

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Rubens Pelizzari, Alexandra Deshorties. Copyright: Carole Parode

 Norma ist eine der wunderbarsten Opern, die es gibt und Bellinis Musik das Sublimste, das der menschliche Schöpfergeist je hervorgebracht hat. Jedes Mal, wenn man sie hört, wird man nicht müde zu bedauern, welche weiteren wunderbaren Kompositionen uns durch sein frühes Ableben für immer vorenthalten worden sind.

Zum Saisonabschluss hat die Genfer Oper das nicht allzu oft aufgeführte Werk wieder auf den Spielplan gesetzt, und um es gleich vorwegzunehmen, es war leider kein krönender Abschluss.

Musikalisch waren die Dinge noch halbwegs im Lot. John Fiore dirigierte das Orchestre de la Suisse Romande mit großem Einfühlungsvermögen und Belcanto-Sachkenntnis, und auch Alan Woodbridge hatte den Chor hervorragend vorbereitet. Rubens Pelizzari (der die Rolle soeben auch in Palermo gesungen hat) war ein routinierter und vitaler Polione, die in Wien lebende Ruxandra Donose eine sensible und selbstsichere Adalgisa (in die man sich an seiner Stelle auch sofort verlieben würde), Marco Spotti ist ein autoritärer, aber auch verzweifelter Vater, und Sona Ghazarian eine mitleidende Clotilda.

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Alexandra Deshorties, Sona Ghazarian. Copyright: Carole Parode

Dumm nur, dass gerade die Darstellerin der Titelfigur so ausließ. Alexandra Deshorties ist eine sehr sympathische Sängerin, und von ihrer Genfer Medea hat man Wunderdinge vernommen. Dergleichen kann man von ihrer Norma bedauerlicherweise nicht berichten. Wahrscheinlich liegt ihr die Rolle (mit der sie hier debütiert hat) einfach nicht, und an ihre schrillen Spitzentöne konnte man sich bis zum Finale nicht gewöhnen.

Das wahre Wermutsfass des Abends war jedoch die aus Stuttgart übernommene Inszenierung vom Duo Jossi Wieler & Sergio Morabito in der Einheitsszenerie von Anna Viehbrock. Viehbrock ist ja so etwas wie die Elisabeth T. Spira des Bühnenbilds. Es kann ihr gar nichts unansehnlich, hässlich, abgesandelt und verachtungswürdig genug sein. Für die Norma hat sie diesmal einen verkommenen Sektenversammlungsaal mit angebautem Hohepriesterinnen-Zimmer-Kuchl-Kabinett zusammengebastelt. Das ist nicht nur so schiach, dass man eigentlich die ganze Vorstellung mit geschlossenen Augen hätte dasitzen müssen, um keine bleibenden seelischen Schäden zu erleiden, es geht sich auch für die Handlung überhaupt nicht aus. Im Gegenteil: durch die Entscheidung, den Versammlungsraum vom „Heiligtum“ mit einer Barriere zu trennen und den dadurch entstandenen Raum somit als eigentliche Mini-Bühne zu benutzen, werden die Sängerinnen geradezu magisch dazu verleitet, zum guten alten An-der-Rampe-Stehen-und-schön-immer-zum- Dirigenten-SIngen zurückzukehren. Ganz im Widerspruch zur üblichen Morabito/Wielerschen Doktrin, der Oper alles „Opernhafte“ auszutreiben und alle Handlungen ihrer Darsteller/innen, ihre Gestik und Mimik nahezu zwanghaft nur und ausschließlich auf alles Alltägliche zurückzuführen.

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Alexandra Deshortie. Copyright: Carole Parode

Das elegante und wohlerzogene Genfer Publikum wollte sich dem Postulat des höheren moralischen Werts der absoluten Hässlichkeit verständlicherweise verschliessen und empfing das Regieteam mit einem einhelligen Buh-Chor, eleganter-und-wohlerzogerweise jedoch mit mittlerer Lautstärke.

 Robert Quitta, Genève

 

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