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GELSENKIRCHEN: NORMA

26.03.2016 | Oper

GELSENKIRCHEN: NORMA                 Premiere am 5. März   Besuchte Vorstellung: 25. März 2016

Das Musiktheater im Revier (MiR) war vor rund einem Jahrzehnt ein Zentrum für die Belcanto-Oper. Man spielte u.a. Bellinis „Zaira“ und Donizettis „Il furioso nell’isola di San Domingo“. Der damalige Intendant Peter Theiler (ab 2018/19 wird er in Dresden arbeiten) setzte dieses Konzept dann in Nürnberg fort, wobei ihm auch hier die armenische Sopranistin HRACHUHI BASSÉNZ eine wichtige Stütze war und derzeit noch ist. Für „Norma“ kehrte sie – bejubelt – an ihre frühere Wirkungsstätte (2006-2008) zurück. Ein cleverer Schachzug des MiR, eine sympathische Geste – und ein Rollendebüt.

Hrachuhi Bassénz ist als Norma sicher keine Tragödin wie in legendärer Zeit eine Maria Callas. Wilde Verzweiflung ersetzt sie durch weiche Emotion, welche zwar auch Leidenschaftseruptionen kennt, aber vor allem aus einem „Herzensinneren“ heraus artikuliert. Die edel klingende, leicht metallisch angehauchte Stimme verbreitet Schönklang, der sich nicht zuletzt in fein dosierten Pianowerten ausdrückt. Ein sehr „weibliches“ Porträt.

Ein solches sucht auch die Inszenierung ELISABETH STÖPPLERs. Die derzeit viel in Mainz arbeitende Regisseurin hat in Gelsenkirchen vor allem mit Britten-Produktionen (darunter das „War Requiem“) Erfolg gehabt. Zuletzt bot sie am MiR eine interessante Deutung von Massenets „Don Quichotte“. Ihre „Norma“ siedelt nicht auf gleicher Höhe; die Inszenierung hat zwar viel vor, bleibt aber doch vielfach vage.

Statt andere zu opfern, nimmt sie das Leiden aller auf sich.“ Große Worte im Programmheft. Normas demutsvolle Selbstüberwindung spricht sicher für Seelengröße. Anders als ihre Leidensschwester Medea entzieht sie sich der irdischen Welt nicht mit einem Racheakt (Tötung der Kinder), sondern bekennt vor versammeltem Volk ihr Schuldigwerden. Dass die Regisseurin Norma am Schluss gen Himmel schweben lässt (wobei ihr auch die jetzt weiße Gewandung den Anstrich einer „Heiligen“ gibt), ist aber wohl doch eine etwas kuriose Bildmetapher.

Fragwürdig wirkt nicht zuletzt auch folgende konzeptionelle Idee. Flavio, eine Figur, die man im Bühnenjargon als Wurze zu bezeichnen pflegt, ist in Gelsenkirchen LARS-OLIVER RÜHL übertragen, einem Charaktertenor von Format. Er singt seine wenigen Noten kraftvoll, hat aber vor allem Sätze von Pier Paolo Pasolini zu zitieren, zorngeschwängert, aber idealistisch – etwa: „Was ist der wahre Sieg – der die Hände schlagen lässt oder die Herzen?“ Das bringt nicht viel, zumal bei oft schwacher Textverständlichkeit. Rätseln darf man auch über eine bis zum Ende nackte Frau aus dem Umkreis der „Priesterinnen“ und diverses Anderes. Fazit: viel gewollt, aber …

Immerhin gibt es eine gut gearbeitete, leidenschaftliche Szene zwischen Adalgisa und Pollione. Der Koreaner HONGJAE LIM (einige Zeit im Jungen Ensemble des MiR tätig) wirkt keineswegs so negativ, wie im Programmheft beschrieben, er ist einfach nur ein Mann, welchen seine Leidenschaften treiben. Nach Norma ist halt Adalgisa „dran“ (ganz hervorragend: ALFIA KAMALOVA). Dass Pollione dies seinem Begleiter Flavio fast homoerotisch hautnah zur Kenntnis bringt, gehört ebenfalls zu den Merkwürdigkeiten der Regie. Lim präsentiert einen gut tragenden, höhensicheren Tenor von maskuliner Festigkeit, welcher allen Belcantoforderungen gerecht wird. Ebenfalls Koreaner ist DONG-WON SEO (Oroveso), ein verlässlicher Sänger, der seinen etwas dröhnenden Bass stärker kultivieren sollte.

Zu HERMANN FEUCHTERs Bühne ist eigentlich nur wenig zu sagen. Ein Symbolwert von „oben“ (Normas Stube) und „unten“ (Tummelplatz des Volkes) ist erkennbar. Der symmetrische Raum wirkt jedoch aseptisch und aussagelos; Stühle und Tische wurden vermutlich von Ikea zur Verfügung gestellt. Die Kostüme von NICOLE PLEULER vagabundieren stilistisch.

Das MiR benutzt (erstmals nach Zürich) die kritische Neuausgabe der „Norma“-Partitur Sie enthält einige unbekannte Details, die dem unvorbereiteten Ohr allerdings kaum bewusst werden; da wäre schon ein Blick in die Noten erforderlich. Man hält sich also besser an den Dirigenten VALTTERI RAUHALAMMI. Der junge Finne hat seine „Galeerenjahre“ in Trier absolviert, ist jetzt erster Kapellmeister in Gelsenkirchen. Nach einer noch etwas stumpf klingenden Ouvertüre (so der Eindruck in der leider erst drei Wochen nach der Premiere gesehenen Vorstellung) findet Bellinis nicht nur simpel melodische, sondern ausgesprochen dramatisch konzipierte Musik unter seinen Händen zu überzeugendem Klang.

Christoph Zimmermann

 

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