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GELSENKIRCHEN / Musiktheater im Revier: BELSAZAR von Händel. Premiere

09.11.2014 | Oper

GELSENKIRCHEN: BELSAZAR           Premiere am 8. November

 Die Tatsache, dass Händel in seinen englischen Oratorien (welche u.a. aus dem Zwang heraus entstanden, die sinkende Popularität italienischer Opern aufzufangen) dem Chor eine verstärkte Entfaltung gönnte, führte in Gelsenkirchen zu einem ungewöhnlichen Aufgebot an Sängern, deren in der Tat eindrucksvolle Leistung bei der Premiere große Publikumszustimmung erfuhr. In „Belsazar“ gibt es immerhin drei Kollektive: den Hofstaat um den babylonischen König Belsazar, die von ihm gefangenen gehaltenen Juden sowie die Kriegsmannschaft des angreifenden Perserkönigs Cyrus.

 Die Handlung schildert militärische und vergleichbare Vorgänge so dominant, dass für die Liebe kein Platz bleibt, nicht einmal am Rande. Die politischen Verhältnisse werden nicht weiter analysiert: Tyrann Belsazar ist halt der Angegriffene, Cyrus der Angreifer. Dass die Perser als Befreier der Juden kommen, ist kaum denkbar, es geht um Schlachten als solche, ums Schlachten als berserkerisches Vergnügen. Der wüste Babylonierkönig bekommt in dem Oratorium gleichwohl prägnantere Umrisse als sein Kollege aus Persien. Zu ihm ist – wichtiges Handlungsdetail – Gobryas übergelaufen, um die Ermordung seines Sohnes durch Belsazar zu rächen. Alle Vorgänge sind ähnlich simpel strukturiert, Unterschiede gibt es gerade mal bei der moralischen Wertigkeit. Auch der junge Jude Daniel gewinnt nur wenig Kontur, aber da muss bereits die Regisseurin SONJA TREBES verantwortlich gemacht werden.

 Die schillerndste Person ist zweifelsohne Belsazars Mutter Nitrocris. Sie kritisiert den Sohn wegen seiner Grausamkeit und Machtgier, möchte im Grunde aber selber aufsteigen. Als Belsazar den Tod gefunden hat, sucht sie die Königswürde an sich zu raffen. Aber das lässt Cyrus nicht zu, trotz süßholzraspelnder Worte über Sohnersatz. Nitocris verfügt sich notgedrungen in den Kreis der Erniedrigten, Cyrus feiert sich gebührlich. Wird er etwa ein zweiter Belsazar werden? Solche Mutmaßungen ließen sich durchaus inszenieren und überdies Parallelen zum Heute aufzeigen. Aber Sonja Trebes erzählt nur eine Geschichte aus historischer Zeit.

 Was sie dem Chor an Hurra-Rufen und rhythmischem Gestampfe zumutet, wirkt mitunter wie der Klamottenkiste von Asterix und Obelix entlehnt. ALFIA KAMALOVA, mit kühlem Sopran affektlodernd singend, muss als Nitrocris vor allem die Diva herauskehren. Die historisierenden Kostüme von RENÉE LISTERDAL unterstreichen das durchaus sinnvoll. Das der Sängerin aufoktroyierte Gehabe geht einem freilich schon bald auf die Nerven.

 Einige Personen hat die Regisseurin hinzu erfunden. Am auffälligsten wirkt der Schreiber, welcher offenbar Notizen für die Ewigkeit macht. Für das Geschehen ist er gleichwohl nicht von Bedeutung. Allerdings zeichnet ihn JULIUS WARMUTH mit einer solch demutsvoll ängstlichen Beflissenheit, dass diese personale „Einlage“ eigentlich Spaß macht. Der geschundene persische Gefangene (NIKLAAS LENGWENAT) ist für das „Klima“ der Vorgänge freilich die wichtigere Figur

 Die Bebilderung einer Schlüsselszene versagt sich Sonja Trebes: keine Zeichen von „Mene, Tekel, Upharsin“ tauchen mahnend auf. Einer der Juden krümmt sich hingegen zu Tode, wie überhaupt die Behandlung dieser Gefangenen am Belsazar-Hof an Holocaust erinnert. Eine dringliche Szene, zugegeben. Aber sonst waltet einfach zu viel szenische Öde. Auch die Bühnenarchitektur von HYUN CHU, eine schwarze Rundarchitektur, die sich -gedreht – zu einem farbschillernden Innenraum öffnet, ist eine solide Bildidee, wenig mehr. Cyrus zückt am Schluss das Messer gegen Belsazar, greift aber nicht wirklich an. Der Babylonierkönig übergießt sich vielmehr mit Benzin, wenig später sieht man hinter der Szene eine Rauchwolke hochsteigen. Wo bleibt da der persische Held, dem das Volk so ekstatisch zujubelt? ANKE SIELOFF ist zwar durchaus proper bei Stimme, vermag dieses Defizit vokal aber nicht aufzufangen.

 ATTILIO GLASERs kerniger Tenor ist für den hypertrophen Belsazar hingegen passgerecht. Seine bisherigen, primär lyrischen Partien dürften freilich bald Vergangenheit sein. Als Daniel bleibt ALMUTH HERBST etwas unauffällig, DONG-WON SEOs wuchtige Bassstimme (Gobryas) ist Kapital, ein wenig aber auch Hypothek. Dirigent CHRISTOPH SPERING bringt etwas Alte-Musik-Flair ins Gelsenkirchener Haus, aber das Spiel der NEUEN PHILHARMONIE WESTFALEN bleibt den schlank-nervigen Interpretationen heutiger Spezialensembles doch merklich unterlegen.

 

Christoph Zimmermann

 

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