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GELSENKIRCHEN: LE NOZZE DI FIGARO. Premiere

18.11.2012 | KRITIKEN, Oper

GELSENKIRCHEN:LE NOZZE DI FIGARO Premiere am 17.November

 Während der Ouvertüre hasten die Personen von „Nozze di Figaro“ über die lediglich von hohen braun-schwarzen Wänden gesäumten, schmucklosen Bühne (ETIENNE PLUSS). Das erinnert an die nur wenige Wochen zurückliegende, ebenfalls nüchtern bebilderte Kölner Inszenierung, wo ein gezeichnetes Phallus-Symbol zusätzlich auf die erotischen Irrungen und Wirrungen anspielte. Am Musiktheater im Revier wirken die Kostüme (UTA MEENEN) am signifikantesten: tendenziell moderner, leicht affektierter Habitus, dazu historische Puderperücken. Die Zeit, in welcher die Handlung spielt, wird somit offen gelassen – eine durchaus treffliche Idee. Aber die Einkleidung wirkt für sich genommen immer beliebiger und designerhafter, die Bühne immer öder. Mit fahrbaren Büschen, in welche die Sänger hinein schlüpfen können, wird das Finalbild etwas belebt; es dampft auch und man darf raten, wie viel Sternlein am Himmel stehen. Ist das Ironie? Und ist es ein besonderer Entlarvungsakzent, dass Almaviva seine erotische Treibjagd in Unterhosen absolviert und so auch seine Abbitte an die Gemahlin leisten muss?

Diesen unverbesserlichen Schwerenöter würde MICHAEL DAHMEN mit seinem kraftvollen Bariton psychologisch fraglos durchgefeilter zu porträtieren in der Lage sein. Aber bei PETER HAILER (Regie) muss er mit seiner Arie den auch sonst überpräsenten Don Basilio (guter Typ freilich: E. MARK MURPHY) angiften. Dazu lugen aus einer Wandspalte ein paar Choristen hervor, auf dass das revolutionäre Wetterleuchten der Oper bzw. der Beaumarchais-Vorlage nicht zu kurz kommt. Doch im Grunde trifft Hailer das gärende Klima nur in einem kurzen Moment wirklich, wenn nämlich nach dem (in Gelsenkirchen nicht stattfindenden) Tanz des 3.Aktes die Untertanen die beiden hochherrschaftlichen Stühle okkupieren.. Da spürt man, wie es im Inneren der einfachen Leute brodelt. Der Wiedererkennungsszene könnte man vielleicht noch einigen Witz zuerkennen, doch insgesamt gibt sich die Inszenierung wenig brisant, bleibt ohne Zunder, lässt die Figuren weitgehend mit sich allein.

Soweit Rollenprofil vorhanden, kommt es vermutlich von den Sängern alleine. Der Susanna von ALFIA KAMALOVA merkt man an, dass sie stets die Fäden in der Hand behält und den tollen Tag zu ihren Gunsten zu lenken versteht. Vokal unterstreicht das die estnische Sopranistin mit einem konturenklaren, soubrettenfernen Sopran. Hinter dieser entschlossenen Mädchenfigur muss sogar Figaro ein wenig zurückbleiben, auch wenn PIOTR PROCHERA mit markantem Gesang und lebendigem Spiel (wie immer) zu erfreuen weiß. Der Cherubino wäre noch etwas heißsporniger zu denken als wie von ANKE SIELOFF, am Premierenabend freilich gehandicapt durch eine (insgesamt freilich kaum spürbare) Indisposition. PETRA SCHMIDT gibt der Contessa frauliches Flair, singt stimmig. Die Chargen führt ALMUTH HERBST (Marcellina) launig an, auch der Bartolo des bassgewaltigen DONG-WON SEO ist eine runde Figur. Aus dem Jungen Ensemble des Hauses steuert SUN-MYUNG KIM einen prägnanten, tenoral angenehmen Don Curzio bei. Antonio: NIKOLAI MIASSOJEDOV, Barbarina: DORIN RAHARDJA.

Seit kurzem ist der 30jährige Finne VALTTERI RAUHALAMMI 1.Kapellmeister am MiR, war zuvor an kleinen Theatern wie Trier tätig. Die „Figaro“.-Ouvertüre unter seiner Stabführung gefällt sogleich mit unorthodoxen Akzentuierungen und Mini-Crescendi (was aber nicht zur Manie werden sollte). Insgesamt setzt Rauhalammi auf einen schlanken, sprudelnden Mozart-Klang und bestreitet höchstpersönlich die Accompagnements bei den Rezitativen.

 Christoph Zimmermann

 

 

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