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GEFÄHRTEN

14.02.2012 | FILM/TV

 

Ab 17. Februar 2012 in den österreichischen Kinos
GEFÄHRTEN
War Horse  /  USA  /  2011 
Regie: Steven Spielberg
Mit: Jeremy Irvine, Emily Watson, Peter Mullan, David Thewlis, David Kross u.a.

Aus Steven Spielberg klug zu werden, ist nicht einfach. Der Mann hat Meisterwerke gedreht – „Das Reich der Sonne“ (1987) oder „Schindlers Liste“ (1993) waren solche. Er war ambitioniert, wenn auch von Kitsch verführbar, von „Die Farbe Lila“ (1985) bis „München“ (2005). Der Mann kann etwas, kein Zweifel. Aber warum hat man das dumpfe Gefühl, dass er sich am wohlsten fühlt, wenn er den schrumpeligen Alien „E.T.“ aus dem All holt, wenn er Indiana Jones losschickt oder sich unter Sauriern im Jurassic Park verlustiert? Gerade erst wieder hat er mit „Die Abenteuer von Tim und Struppi“ weniger das kindliche Gemüt der Kinobesucher als wohl das eigene befriedigt – und „War Horse“ ist nun wieder einer jener Filme, in denen er einen harten politischen Hintergrund beschwört, aber dermaßen billig herummanipuliert, dass man von Rechts wegen die letzte Viertelstunde von Weinen geschüttelt in seinem Kinosessel sitzen müsste. Es ist ein Jammer mit einem Mann, der so viel kann und meist zu wenig will… Dass er mit dem, was er in über 40 Jahren Regiearbeit produziert hat, Milliarden von Dollars bewegte, von denen sicher genügend bei ihm selbst gelandet sind (wohl verdient mit harter Arbeit), ist schließlich nur eine Art von Erfolg…

Die Geschichte von„War Horse“, dem „Kriegspferd“, die auf  Deutsch zurecht „Gefährten“ heißt, geht es doch um das Tier und seinen menschlichen Partner, einen englischen Jungen, der zum Mann wird, basiert auf einem englischen Kinderroman von Michael Morpurgo, der auch auf die Bühne gebracht wurde (man fragt sich wie). Die Story bietet zumindest in der Drehbuchfassung  alles auf, um ein Thema nicht ernsthaft, kritisch und wach, sondern sentimental und spekulativ auf schlichte Aussage hin abzuhandeln.

Zu Beginn ist man in England vor dem Ersten Weltkrieg. Da ist eine elendig arme, aber ehrbare Bauernfamilie und ein elendig mieser, ausbeuterischer, sadistischer Großgrundbesitzer, der sie nach allen Regeln der bösartigen Kunst ausbeutet: Peter Mullan und Emily Watson sind als Meisterschauspieler das differenzierte Ehepaar, David Thewlis das arrogante reiche A-loch, man kann es nicht anders sagen. Und da ist der Sohn, Albert (eine sehr schöne Leistung von Jeremy Irvine), der sich in Joey „verliebt“, ein besonderes Pferd, das der Vater aus Trotz kauft, das eigentlich zu gut ist für die Feldarbeit, aber von Albert mit unendlicher Liebe dorthin trainiert wird. Da gibt es herzzerreißende Szenen, wie der alte Bauer und das Pferd ein völlig mit Steinen übersätes Feld beackern, um es allen zu zeigen… Schon da zieht es dem fühlenden Zuschauer innerlich alles zusammen, und es werden noch viele, viele Szenen dieser Art kommen. Denn der Vater verkauft das Pferd, als der Krieg ausbricht, Albert schwört natürlich die Wiedervereinigung, aber bis es dahin kommt, vergehen buchstäblich Stunden (zweieinhalb, das ist klassische Überlänge).

Die Handlung verlässt Albert und bleibt bei Joey, der zwar nicht ganz so „vermenschlicht“ wird wie Tiere bei Disney (nein, er spricht nicht), aber doch eine Menge „Psychologie“ aufgehalst bekommt – rührendes Verhalten jetzt Tiere unter sich. Gute Menschen, die sich etwas aus Pferden machen, böse Menschen, für die sie keine Individuen, sondern nur zu schindende „Sachen“ sind. Es wird viel schmutziger Krieg gezeigt, das Elend der Tiere neben jenem der Menschen penibel beachtend. Die Episode auf den Schlachtfeldern mit den Deutschen handelt längere Zeit von einem blutjungen Soldaten (David Kross spielt ihn, tragisch umweht und mit letalem Schicksal) und wendet sich dann nach Frankreich (mit Niels Arestrup als einem Großvater, der am Ende noch in das Geschehen eingreift, und Celine Buckens als Enkelin). Nach langer Zeit, in der Joey wirklich viel erleiden musste, erleben wir Albert als Soldat im Felde, und natürlich kann man jetzt nur auf ganz bewährte Weise bangen und hoffen, dass die beiden einander wieder begegnen…

Der Film hat eine Szene, die so Über-Drüber spekuliert ist, dass man es kaum aushält, und trotzdem ist sie fast grenzgenial – da ist Joey im Gefecht und in der Panik wild zwischen den Linien hin und her gerannt und hat sich (man kann es kaum ansehen, es schmerzt regelrecht) zwischen Unmengen von Stacheldraht hoffnungslos verfangen. Er steht hilflos im Niemandsland zwischen den englischen und deutschen Linien. Und da kommen sie – Gott sei Dank alles Tier- und Pferdefreunde – von beiden Seiten, vorsichtig, mit keinem anderen Wunsch, als Joey aus seiner katastrophalen Situation zu befreien, und die bösen Deutschen sind gute Deutsche, wenn sie Zangen werfen, nur um die Arbeit zu erleichtern…

Und dann Happyend? Noch lange nicht. Denn der arme Albert ist von einer Giftgasattacke blind, aber er kann das Pferd an seinem Hufschlag erkennen, und Joey erkennt nach Jahren den Pfiff seines Herrn… und noch immer will man ihm das Tier, das einst seines war, nicht zugestehen, man hält es schon nicht mehr im Kinosessel aus. Aber der Opa aus Frankreich – egal, irgendwie muss es gut ausgehen, muss Albert zum Finale auf Joey in auf der Farm seiner armen, aber ehrlichen, tapferen und wackeren Eltern einreiten und endlich, endlich, ist alles gut…vor goldrot glühendem Himmel.

Lieber Steven Spielberg, Sie können wunderbar Filme machen. Müssen Sie Ihr Können immer in den klebrigsten Kitsch ausarten lassen? Oder ist Ihre Sehnsucht nach Schönheit so groß, dass Sie ihr bedenkenlos jede Wahrheit opfern? Egal, Sie haben Ihr Publikum. Es wird in „War Horse“ herzlich weinen und sich nachher gut fühlen. Auch das ist etwas wert. Es gibt ja, Sie zeigen es, nicht nur künstlerische Erwägungen beim Filmemachen.

Renate Wagner

 

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