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GARS/ Oper Burg Gars: TOSCA von Giacomo Puccini Premiere

In der Engelsburg am Kamp

13.07.2018 | Aktuelles, KRITIKEN, Oper

„Wie schön mein Mario doch ist“ 3.Akt: Die Erschiesssungsszene   (Foto:OperBurgGars c R.Podolsky))

GARS/ Oper Burg Gars
Giacomo Puccini TOSCA

Premiere 12.Juli 2018

In der Engelsburg am Kamp

 

Es ist eine köstliche Idee und sie ist in ihrer Wirkung einfach rührend: Dem singenden Hirten entwachsen weiße Engelsflügel, er besteigt die höchsten Zinnen der Burgmauer von Gars und wirft sich – Schwert steil in die Höhe gestreckt – in die Rolle des Erzengels Michael. Perfekter, origineller und schöner kann man die Engelsburg Roms auf einer Waldviertler Bühne wohl nicht mehr imaginieren.  

Auch sonst ist das alte Gemäuer der Burg, allerdings auch nur unter Aufbietung großer eigener Phantasie des Betrachters bereit, in die Schauplätze von Puccinis Edelreißer zu verführen: Mit einer hübschen Madonna aus der Stadtpfarrkirche und zweier Betschemel sowie einer Staffelei in die Kirche Andrea della Valle hinein, mit einem länglichen Tisch in die „Pracht“ des Palazzo Farnese – in dem bröckelt halt der Putz statt barocker Zier – und auf welchem Möbel Scarpia aber auch Cavaradossi ihr Leben aushauchen. Auf dem voluminösem Bühnenunterbau des Asim Dzino verwirklicht Regisseur Wolfgang Gratschmaier das dreiaktige Kriminaldrama mit historischem Hintergrund ohne spezielle inszenatorische Mätzchen, lässt es klar und verständlich aber auch ohne sonderliche Finesse einer Personenführung auf dem schmalen Bühnenstreifen abrollen unter Benutzung der zahlreichen Auf-und Abtrittsmöglichkeiten aus und in die Burgruine vermittels der zahlreichen Stufenanlagen und Stege. Man merkt an der spartanischen Ausstattung, dass das Wort spartanisch offensichtlich das „Sparen“ im Wortstamm führt. Mit einiger Phantasie lässt sich die Wirkung von aufwändigen und kostenintensiven Licht- und Projektionseffekten ausmalen, welche der ganzen Szenerie gut getan hätte, ohne gleich mit einem unkünstlerischen Feuerwerk aufwarten zu müssen.

Die Kostüme und vor allem die Uniformen waren von der Ausstatterin Gerlinde Hödlhammer den Napoleonischen Zeiten nachempfunden, erfreuten aber das Auge mehr als sie einer kritischen Detailbetrachtung standgehalten hätten. Da der zweite Akt ohne eine weitere Pause in den dritten überging, deckte ein überdimensionales Schüttbild in blutroter Farbe, angefertigt vom gesamten Ensemble, die Übergangsszenerie ab – Nitsch lässt grüßen.

Scarpia: Michele Kalmar, Cavaradossi: Oscar Marin, Tosca: Lada Lissy (Foto: OperBurgGars c R.Podolsky)

Eine bildhübsche Kasachin sang die Tosca. Lada Kissy, in den letzten Jahren für Erl tätig und dort mit einem überraschend breiten stimmlichen Spektrum von Abigaille bis Mimi beschäftigt gewesen. Der Stimme hat es nicht geschadet, im Gegenteil, mit sicherem Ansatz klang sie in allen Lagen frei, rund und kaum zu Schärfen neigend. Auch im Spiel war sie eine selbstsichere Person, die ihre missliche Lage bei Scarpia sehr schnell mit einem frühzeitigen und raschen Griff nach dem Messer unter Kontrolle bekam.

Ihr Partner, der in Gars im Dauereinsatz singende Spinto aus Spanien, war die einstige Caballé-Entdeckung Oscar Marin. Er hätte eigentlich alles für eine solide Karriere: ein angenehm timbriertes Material, hervorragendes Legato, Musikalität und Phrasierung, doch leider verengt sich die Stimme ab dem passagio, die Töne klingen unnatürlich gepresst und werden mit zunehmender Höhe immer dünner.

Sébastien Parotte musste absagen und der in Gars und auch in St.Margarethen schon seit Jahren bekannte Bariton Michele Kalmandy übernahm die Partie des Scarpia. Der Chor war zu klein, das Orchester seitlich zu entfernt, um den Sänger mit der Bewältigung der Kirchenszene in stimmliche Schwierigkeiten bringen zu können. Und der zweite Akt lag ihm auch darstellerisch besonders, die Szenen zwischen ihm und Tosca waren der Höhepunkt des Abends dank seiner Routine, einen berechnenden, aber auch durch seine Sexuelle Gier letztlich Scheiternden darzustellen.

Die Wiener Staatsoper ließ mit zwei Ensemblemitgliedern grüßen: Mit dem neuen Kammersänger Benedikt Kobel, der auch in dieser Inszenierung einen gekonnt hinterhältigen Spoletta als Diener seines Herrn gab und Marcus Pelz als köstlicher Mesner in der Tradition unseres Hauses, noch dazu mit lustigen Tanzeinlagen.

Vasile Chiusiu war ein ausdruckstarker Angelotti in seiner kurzen Szene, Ricardo Bojorquez und Roger Dias Cajamarca erfüllten ihre Aufgaben als Sciarrone und als Carcerere. Den Pastorello sang Katharina Tschakert.

Die gute musikalische Seele der Opern Air Aufführungen ist Johannes Wildner, der das Orchester der Burg Gars, verstärkt durch die Klangvereinigung Wien einfühlsam und sängerfreundlich leitete. Mit fortschreitender Serie werden sich kleinste Tempodifferenzen abgeschliffen und so manche Schärfen zur Interpretation hinzugesellt haben. Jeglicher agogischer Ehrgeiz ist ja hier in Gars wegen der beschränkten Sicht des Maestros auf die Sänger besonders schwierig: Er muss mit dem Rücken zu ihnen stehen!

Peter Skorepa
OnlineMERKER

 

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