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Gabriel Barylli: PARADIES

23.03.2012 | buch

Gabriel Barylli:  PARADIES
270 Seiten, Verlag Styria Premium, 2012 

Auf Seite 119 berichtet die Ich-Erzählerin Maria, dass sie am Wochenende in ein Theaterstück ging: Es hieß „Polsprung“ und handelte von zwei Männern, die sich angesichts des angekündigten Weltuntergangs von 2012 in eine einsame Berghütte zurückgezogen haben, um dort zu überleben…

Das Stück kennt man, man hat es gesehen, es stammt von Gabriel Barylli, der auch diesen Roman geschrieben hat, sich also (schamhaft, ohne direkte Namensnennung) selbst zitiert. Und da man weiß, dass dieser Gabriel Barylli –  einst Analyst des Yuppie-Gefühlslebens –  in den letzten Jahren einen gewaltigen Schwung in die Esoterik genommen hat, hätte man durchaus erwartet, dass diese „Paradies“-Geschichte gleichfalls die Wendung zu dem von den Mayas verkündetem Ende der Welt nimmt…

Aber nein, Barylli ist (vermutlich mit Hilfe seiner jüngsten Ehefrau) viel weiter. Man könnte sich ihn, in wallendem Gewand, als Prediger auf einer Säule (oder in der Wüste unserer seelenleeren Zeit) vorstellen. Denn nichts anderes ist sein neuer „Roman“: eine riesige Predigt, wie der Mensch zum Menschen werden kann / soll, wenn er es denn will / kann…

Gekleidet wird das in die Geschichte der 32jährigen Maria, Masseurin in einem Wellness-Ressort, die einmal auf einen Kunden trifft, der erkennt, dass sie ein „hohes Energiepotential“ besäße und nicht nütze. Die Internet-Website, die er ihr nennt, scheint sie zu einem Videospiel zu führen –  „World Angels“ verkünden das „Paradies“. Maria macht sich nun auf den langen Weg durch die virtuelle Realität, wählt sich eine Cherokee-Indianerin namens Kajowa zur spirituellen Führerin, verwandelt sich selbst kurzfristig in einen jungen Mann, kehrt aber wieder in ihr weibliches Selbst zurück, sonst könnte sie ja am Ende nicht Seelengenossen Martin finden und mit ihm ins „Paradies“ eingehen…

Das ganze Buch hat keine andere Handlung als diesen Weg der jungen  Frau, teils bei einem Reiki-Meister, teils in Dialogen mit ihrer Indianerin (Barylli war eben immer ein Theaterschreiber), teils in endlosen philosophischen Sequenzen, wobei der Autor nicht nur den Buddhismus, sondern auch den Katholizismus gewaltig auseinander nimmt und als menschenfeindliche Religionen brandmarkt. Dazu hat er eine schöne Vision, die man in der katholischen Kirche allerdings nicht gänzlich lustig finden wird (Seite 229):

Solange es in unserem Fernsehen keine Bilder gibt von einem Papst, der glücklich lachend mit seiner umwerfend erotischen Frau einen Strand entlang spaziert, um die aufgehende Sonne zu feiern, solange leben wir in der Finsternis unserer Seele.

Zulassen von Gefühlen, Bedürfnislosigkeit im materiellen Bereich, befreite Sexualität, Widerstand gegen Gewalt, mutiges Bekenntnis zum eigenen Ich –  mit allem, was Barylli da predigt, könnte er für orientierungslose Mitmenschen teure Wochenend-Seminare füllen. Wie soll man leben? Man muss nur Gabriel Barylli fragen, er weiß es.

Einen Roman hat er damit allerdings wirklich nicht geschrieben, wer „normale“ Handlung lesen will statt philosophische Reflexionen, der ist hier nicht richtig. Den Buchhändlern möchte man empfehlen, dieses Buch in die Esoterik-Regale ihrer Läden zu stellen und nicht unter „zeitgenössische österreichische Literatur“: Es findet dann eher die richtigen Kunden.

Renate Wagner

 

 

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