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FÜR WAGNER JETZT GOLDRICHTIG

15.01.2012 | Sänger

Gespräch mit Tomasz Konieczny

 

FÜR WAGNER JETZT GOLDRICHTIG

Zwei Tage nach seinem 40. Geburtstag gibt uns Tomasz Konieczny in der Wiener Staatsoper ein Interview. „Das ist ja angeblich das Alter, wo man Wagner singen soll“, meint er. Nun, er tut es schon lange und sehr gut, und er hat für das nächste projektierte Vierteljahrhundert seiner Karriere viel vor.

Mit Tomasz Konieczny sprach Renate Wagner

 

Herr Konieczny, im ersten Jahr der Ära Meyer / Welser-Möst waren Sie in der Premiere von „Cardillac“ mit dabei, jetzt proben Sie für die Premiere von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ – es läuft also ganz gut in Wien?

Ja, sehr. Ich bin zwar noch immer in Düsseldorf fix im Engagement, wo auch meine Familie lebt, meine Frau mit unseren drei Söhnen von 14, 11 und 9 Jahren, aber Wien ist seit dem Alberich sehr wichtig für mich geworden. Für die nächsten Spielzeiten sind schon die Premieren von „Tristan“, wo ich den Kurwenal machen werde und nicht den Marke, und „La fanciulla del West“ geplant, wo ich meinen ersten Jack Rance singe.

Das öffnet ja Fragen in alle möglichen Richtungen. Zuerst – wie gefällt Ihnen Ihr erster Kurt Weill?

Der Dreieinigkeitsmoses liegt ziemlich tief, jedenfalls tiefer als der Fra Melitone, den ich gleichzeitig in den Abendvorstellungen singe, und dieses „Springen“ in der Tessitura zwischen Proben und Vorstellungen ist gar nicht so einfach. Was die Inszenierung von Jérôme Deschamps betrifft, so wird sie recht „brechtisch“, wie alle sagen, und für mein Gefühl eher statisch, historisierend mit dem Brecht-Vorhang, und stilisiert gespielt, während ich denke, der Moses wäre eigentlich eine grelle Persönlichkeit, die man als solche ausspielen sollte. Aber als Sänger ist man ja den Inszenierungen immer ausgeliefert. Da ist es besser, man erarbeitet eine Rolle wenigstens von Anfang an im Zusammenhang, als man springt in irgendwelchen Vorstellungen irgendwo in einer Rolle ein, die man noch nie gesungen hat, und muss alle Erfahrungen damit direkt auf der Bühne, in der Vorstellung, machen. Ein Learing by doing, das gar nicht so einfach ist. Was den Dreieinigkeitsmoses betrifft, so komme ich persönlich mit „statischen“ Interpretationen nicht so gut zurecht – ich habe mein Berufsleben als Schauspieler begonnen, und wenn es auch „nur“ vier Jahre in meiner Heimat Polen waren, so prägt  dieser Ausgangspunkt vom Darstellerischen her bis heute doch jede Rolle, die ich mir erarbeite.

Und es sind wirklich viele Rollen, die Sie im Repertoire haben, wenn man bedenkt, dass Sie in dieser Saison in Wien ihren ersten Mandryka gesungen haben, der im Mai an der Seite von Renée Fleming wiederkommt, jetzt den Dreifaltigkeitsmoses, demnächst den Goldhändler in der Wiederaufnahme des „Cardillac“, und derzeit auch noch den Fra Melitone in der „Forza“ – das allein in Wien. Dazu kommen in Düsseldorf der Escamillo und der Barak, dazu der Pizarro in Washington und nächste Spielzeit München, der Amfortas in Prag und bei den Salzburger Festspielen der Stolzius in „Die Soldaten“ von Zimmermann…  Abgesehen davon, dass Sie im Herbst in Berlin im konzertanten „Ring“-Zyklus des Rundfunksinfonieorchesters beide Wotans singen. Ich denke, Sie sind vielleicht der einzige Sänger, den es gibt, der gleichzeitig den Wotan und den Fra Melitone im Repertoire hat…

Ja, man kann sagen, dass ich ein fleißiger Sänger bin. Und wenn Sie die Vielfalt ansprechen, so ist das eine bewusste Entscheidung. Ich habe schon in meinen Anfängen ganz bewusst kleine Repertoiretheater wie Mannheim, Lübeck oder Leipzig gewählt, weil man dort so viel und so Verschiedenes singen musste. Ich habe mein ganzes Leben darum gekämpft – und werde es vermutlich immer tun -, nicht in eine Schublade gesteckt zu werden. Das ist, glaube ich, der größte Fehler, den ein Künstler machen kann. Der andere wäre, etwas oder jemanden nachzumachen – darum lerne ich eine neue Rolle allein aus der Partitur und aus dem Text heraus, höre keine CDs, schaue keine DVDs. Das kann man nachher machen, wenn man die Partie kann, aber keineswegs vorher, wo man dann Gefahr läuft, sich doch etwas abzuschauen. Solche Alleingänge ganz ohne Hilfe können natürlich sehr schwierig sein wie jetzt bei dem Stolzius in den „Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann. Wenn man bedenkt – die Oper stammt von 1965, ist also sieben Jahre älter als ich, wirkt aber in ihrer atonalen Musiksprache völlig modern und heutig. Und ist natürlich entsetzlich schwer zu lernen, weil man sich an keinerlei musikalischer Linie anhalten kann. Andererseits – ein Goulaud in „Pelleas“ ist auch nicht einfach zu verinnerlichen. Was ich jedenfalls sagen will: Es geht mir um die Vielfalt der Herausforderungen.

Auch wenn Ihnen eine Rolle, wie ich persönlich finde, gar nicht liegt wie der Melitone in der „Forza“?

Ich habe den Melitone bisher in vier verschiedenen Produktionen gesungen, und es war eigentlich immer ein Erfolg für mich. Natürlich ist er leichter in einer „normalen“ Inszenierung zu gestalten wie etwa in Mannheim als in der extremen in Wien, wo Melitone nicht Suppe verteilt, sondern Stempel an ein wildes Volk ausgibt. Nun hängt eine Abendleistung von zahllosen Imponderabilien ab, die der Zuschauer nicht wissen muss, die aber den Opernalltag bestimmen. Da ist ein Dirigent spürbar langsamer als der vorige, man hatte keine Orchesterprobe, man muss sich in der Vorstellung selbst darauf einstellen. An dem Abend, wo ich den Melitone extrem aggressiv gesungen habe, war ich von Statisten so eingekeilt, dass sich das gleichsam auf meine private Stimmung übertragen hat. Außerdem sieht die Inszenierung ja nicht den kleinen, herumwackelnden Mönch vor. Ich glaube auch nicht, dass man sagen kann und soll: Diese Rolle darf nur von einem Bassbuffo gesungen werden und sie muss einfach lustig sein. Die Freiheit, das anders zu sehen, muss man dem Regisseur und den Interpreten schon zugestehen. Und wenn man mich gerne als Alberich sieht und vielleicht in der Rolle gut findet, heißt das nicht, dass ich mein Leben lang nur Alberich singen will und werde… Wobei ich nebenbei gesagt den Alberich natürlich gerne öfter sänge, der letzte „Ring“-Zyklus mit Christian Thielemann in Wien war wunderbar, er ist ein ganz anderes Temperament als Franz Welser-Möst, mit dem ich übrigens unglaublich gerne singe und dem ich auch sehr dankbar bin, weil er mich enorm fördert und meine Karriere künstlerisch unterstützt. Ich finde auch bewundernswert, wie er an das Ensemble der Staatsoper denkt… Was den „Ring“ betrifft: Jeder große Dirigent ist anders, das ist für den Sänger so spannend wie anstrengend. So oft kommen die „Ring“-Zyklen jedenfalls nicht, und außerdem sehe ich meine Zukunft ja doch bei Wotan.

Ich fürchte, weder Publikum noch wir Kritiker, die es besser wissen sollten, denken ausreichend an die Unwägbarkeiten, die einen Opernabend bestimmen. Zählt es eigentlich zu den größten Belastungen, oft ohne ausreichende Proben in unbekannte Vorstellungen einzuspringen?

Selbstverständlich. Meine Erfahrung sagt mir, dass es ein Lotteriespiel ist, ob man eine Orchesterprobe bekommt – oft nicht. Ich kann nur das Beispiel des Mandryka zitieren, der eine wunderbare Rolle ist, den ich sehr, sehr liebe und für schwieriger halte als Orest, Barak und Jochanaan zusammen. Ich musste in Wien in den Vorstellungen auf der Bühne lernen, wie man sich die Stimme für die drei Akte einteilt – als ich nach dem ersten Abend das Gefühl hatte, mich im dritten Akt anzustrengen, habe ich in der zweiten Vorstellung in der Party-Szene im zweiten Akt gewissermaßen „gespart“, und dann hat man mir gesagt – was mir selten bis nie passiert -, man hätte mich kaum gehört. Das heißt, man braucht die Erfahrung der Vorstellungen, um zu wissen, wie man seine Kräfte dosiert. Wenn man dann an einem Abend nicht so gut ist, wie es das Publikum erwarten kann, ist man selbst erschrocken, denn man tritt ja immer an, um eine Bestleistung zu erbringen. Zumal an der Wiener Staatsoper, der man nicht nein sagt, wenn sie anfragt – auch wenn man mit dem Hinweis, man sei für die Weill-Proben ohnedies in der Stadt, den Fra Melitone will…

Vierzig und schon ziemlich weise und erfahren. Die richtige  Zeit, Wagner zu singen, wie es allgemein heißt, von dem Sie das meiste ja schon gemacht haben. Was fehlt?

An großen Rollen nur der Telramund, den ich eigentlich gar nicht so sehr mag, aber es gibt so viele Anfragen, also wird er nicht zu vermeiden sein. Alle meinen, der Wolfram sei eine langweilige Figur, das glaube ich nicht, die Arie ist in ihrer Traurigkeit einfach wunderschön, die Rolle selbst inhaltlich sehr interessant, also werde ich die Partie hoffentlich eines Tages machen. Aber natürlich ist der Hans Sachs immer in meinem Hinterkopf, ich studiere ihn seit Jahren, er berührt mich so sehr, aber es braucht Zeit, bis so eine Rolle heranwächst. Es gibt ein schwebendes Angebot dafür, aber ich dränge nicht. Trotzdem werde ich in absehbarer Zeit ein „jüngerer“ Hans Sachs sein als üblich, und das kann ja, wie Bernd Weikl gezeigt hat, sehr gut funktionieren.

An den Beckmesser denken Sie gar nicht?

Dafür gibt es keinerlei Angebot, und es wäre mir lieber, die Rolle weiter dem Kollegen Adrian Eröd zu überlassen…

Und die schon vorhandenen Wagner-Partien?

Ich liebe den Holländer, aber weil ich einen großen Stimmumfang habe, nicht nur ziemlich hoch hinauf, sondern auch bis zum tiefen C, habe ich auch die reinen Basspartien wie den Daland gesungen. Oder den König Heinrich, den König Marke, den Fasolt, den Biterolf und den Titurel. Ich habe auch eine reine Bariton-Partie wie den Gunther gemacht. Aber mein Herz schlägt für den Amfortas und sein Leiden, für Wotan, den man gar nie ausschöpfen kann, weil er eine so vielschichtige, spannende Figur ist. Im nächsten Wiener „Tristan“ wird es, wie schon erwähnt, der Kurwenal sein. Der Gurnemanz wäre auch sehr interessant und der Klingsor natürlich ebenfalls. Gefragt wird auch nach dem Hagen. Soll ich? Ich weiß es nicht.

Konieczny ,Wagner und Bayreuth – wie kommt es, dass das noch nie geklappt hat?

Wir reden seit sieben Jahren immer wieder, und es klappt einfach nicht. Immer ist irgendetwas mit den Terminen dazwischen gekommen, oder die Konstellation hat nicht gepasst. Ich hätte beispielsweise im Schlingensief-„Parsifal“ den Klingsor machen sollen, man hat auch wegen dem nächsten „Holländer“ überlegt, sich dann aber anders entschieden. Ein paar Mal haben sich die Termine mit Düsseldorf gekreuzt, wo ich schließlich engagiert bin. Und dann möchte man natürlich auch eine Herausforderung – im nächsten Bayreuther „Ring“ wieder der Alberich zu sein, wäre keine ausreichende, da würde ich mir etwas Neues wünschen.

Weil Katharina Wagner doch mit einem gekürzten „Ring“ – wenn auch hoffentlich nicht in Bayreuth – kokettiert: Würden Sie bei so etwas mitmachen?

Sicher nicht. Ich habe einmal Loriots „Ring an einem Abend“ gemacht, das war lustig, aber etwas ganz anderes.

Als Bassbariton wären Sie natürlich bei Mozart mehr als ideal bedient, denkt man an die Kollegen, die gleichzeitig Giovanni und Leporello, Graf und Figaro im Repertoire haben…

Ich habe den Osmin gemacht, aber inzwischen wieder abgelegt, und im Moment nur Figaro, Sarastro und Masetto auf dem Repertoire. Mozart wird kommen, obwohl ich nicht der Meinung bin wie viele, dass er eine „Erholung für die Stimme“ ist, dafür ist er einfach zu schwer. Für mich ist eher das italienische Repertoire gut für die Stimme, aber dem stehe ich noch mit großem Respekt und etwas abwartend gegenüber. Der Jack Rance in der„Fanciulla del West“ ist sicher der Schritt in die richtige Richtung – da denke ich etwa an den Scarpia, nach dem mich schon Ioan Holender seinerzeit gefragt hat. Neulich habe ich meinen ersten Falstaff gesungen. Da liegt noch einiges in der Zukunft.

Haben Sie das Gefühl, dass die Dinge für Sie derzeit richtig laufen?

Ja, mit Ausnahme dessen, dass ich einfach nicht genug Zeit für meine Familie habe. Es ist immer nur einmal hier, einmal da ein Monat, die ich bei ihnen sein kann, oft nur ein paar Wochen oder gemeinsame Ferien. Aber man kann nicht, wenn ein gutes Angebot kommt, einfach darauf verzichten – entweder man lässt sich auf eine solche Sängerkarriere voll ein oder gar nicht. Und muss darauf vertrauen, dass die Angehörigen das akzeptieren und damit umgehen können – so wie man selbst.

 

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