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FÜSSEN/ Königswinkel/Musikfestspiele: TRISTAN UND ISOLDE – Zeitlos werkgetreu inszeniert – hochkarätige musikalische Umsetzung

30.09.2021 | Oper international

Musikfestspiele Füssen/Königswinkel: „TRISTAN UND ISOLDE“ – Premiere 29.9. 2021 –
Zeitlos werkgetreu inszeniert – hochkarätige musikalische Umsetzung

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Nach dem Trank. Robert Dean Smith, Catherine Foster. Copyright: Musikfestspiele

Es bedarf keiner sogenannten Weltstars, um eine Wagner-Aufführung erster Güte zu realisieren. Im besonderen Flair des Festspielhauses Neuschwanstein – aufbauend auf König Ludwigs Wagner-Begeisterung, konnten wir eine Aufführung erleben, die sichtlich und hörbar von einem verantwortungsbewussten Leitungsteam ermöglicht wurde, das über die aktuellen Künstler-Resourcen bestens Bescheid weiß. Sehr zu begrüßen der Rückgriff auf eine der immer werkgerechten Inszenierungen des Welser Wagner-Festivals (1989 – 2015), die im Fundus auf weitere Einsätze warten.  Damit konnte man auf einen Regisseur zurückgreifen, der es nie auf Sensationen abgesehen hatte, sondern auf die liebevollste Personenregie fokussiert ist: Herbert Adler. Zusammen mit seinen Bühnen- und Kostümgestaltern Dietmar Solt und Johanna Solt erlebten wir eine stimmungsvolle, durch die Musik inspirierte Wiedergabe von Wagners grandiosem Liebesdrama.

Trotz der krankheitsbedingten Absage von drei Hauptrollenträgern, Peter Seiffert, Lioba Braun und Matti Salminen, konnte für sie vollwertiger Ersatz gefunden werden. Die einspringende Isolde, Catherine Foster,  war (nachdem Lioba Braun nach der Hauptprobe absagen musste) binnen weniger Stunden vor Ort, um die Generalprobe zu singen!

Catherine Foster erwies sich als fulminante Isolde. Man hatte den Eindruck, dass sie nach dieser Corona-bedingten Wagner-losen Zeit endlich wieder in ihrem Element sein durfte. Ihre Bühnenpräsenz war überwältigend! Kein gestalterisches Detail der Rolle blieb unausgeschöpft. Den auch vokal geäußerten, gespielten Widerstand gegen ihre Ehe mit König Marke hat man selten so amusant erlebt. Alle vokalen Facetten standen ihr problemlos zur Verfügung. Interessant, dass, nicht zuletzt dank der guten Beleuchtung, auch die Brangäne von Hermine May in den Dialogen mit Isolde trotz nicht ganz so voluminöser Stimme gut zur Geltung kam. 

Schon bei seinem ersten Auftreten konnte auch Robert Dean Smith Bühnenpräsenz beweisen.  „Begehrt, Herrin, was Ihr wünscht.“ und „Ehrfurcht hielt mich in Acht.“ ließ, mit stimmlicher Noblesse, durchblicken, dass  da mehr dahinter steckt… Erfreulicherweise ebenfalls in guter Verfassung, gab es für ihn den ganzen Abend keine vokalen Probleme. So steigerte sich die Spannung kontinuierlich bis zum Liebestank. Die wurde allseits atemberaubend gestaltet, sodass man die Pause benötigte, um alles Kommende emotional zu verkraften.     

Sehr gut gelöst war in allen drei Akten die Positionierung der Sänger auf einer Bühnenschräge, nach augenblicklicher psychischer Situation der Akteure in unterschiedlicher Höhe begehbar. Was im 1. Akt nur schemenhaft zu erkennen war, wird im 2. Akt, wie in der Musik vorgegeben, zu einem ebenso optischen wie tönenden Erlebnis nächtlicher Liebesverklärung.

Nach einem dramatischen, aber orchestral nie überlauten 1.Akt, bewies nun der Dirigent Lothar Zagrosek mit dem Kyiv Symphony Orchestra (das wohl von der ursprünglich geplanten Dirigentin Oksana Lyniv eingeladen wurde) vollends seine Wagner-Kompetenz. Alle Feinheiten wurden nicht nur genussvoll ausgespielt, sondern ermöglichten auch, uns mit den Protagonisten zu identifizieren. Trotz Streichung des Tag-Nacht-Gesprächs konnte man am spirituellen Erleben des Liebespaars teilhaben.

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Hans-Peter König, Lukas Siebert, Michael Kupfer-Radecky, Robert Dean Smith, Catherine Foster, Hermine May. Copyright:  Musikfestspiele

 Den Auftritt König Markes konnte Hans-Peter König mit der von Wagner vorgegebenen Würde gestalten.  Seine dunkle, volle, kernige Bassstimme vermochte uns in eine neue Realität zu versetzen, für die man auch ein gewisses Verständnis aufbringen konnte. Sogar den unsympathischen Melot konnte der Sänger Lukas Siebert, der auch den Steuermann gesungen hatte, hier und am Ende des 3. Aktes menschliche Züge abgewinnen.

Im düsteren 3. Akt überraschte Robert Dean Smith mit seiner ausschließlich lyrisch gehaltenen Lebensrückschau und seinem heldentenoralen Schwärmen für Isolde. Und nicht zuletzt muss dem großartigen Kurwenal von Michael Kupfer-Radecky für seinen stimmlichen und physischen Totaleinsatz an der Seite seines verehrten, leidenden Herrn bedankt werden. Als Hirte und Junger Seemann war der junge Wiener Tenor Franz Gürtelschmied bühnenpräsent.

Nach Isoldes Ankunft beim sterbenden Tristan gelang es der Catherine Foster, unterstützt vom Regisseur, ihren Klagegesang so intensiv zu singen, dass er nicht unterging, wie es so oft schon passiert ist, ehe der Tod an diesem Schauplatz zu wüten begann. Nochmals erreichte die Dramatik einen aufregenden Höhepunkt unter äußerstem Einsatz aller Mitwirkenden : „Der Wahn häufte die Not.“  ehe die bis dahin düster gehaltene  Bühne sich in einen Liebeskosmos unter gestirntem Himmel  verwandelte,  der wohl in nicht wenigen Anwesenden den geheimen Wunsch nährte, auch auf diese Weise in die Ewigkeit eingehen zu dürfen…

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Tristan verklärt: Robert Dean Smith. Copyright: Musikfestspiele

Eine große Überraschung erwartete uns nach Fallen des Schussvorhangs. Nachdem die Solisten sich unter donnerndem Applaus den verdienten Dank beim Publikum geholt hatten, öffnete sich nochmals der Vorhang und auf der Bühne stand das Orchester samt – soweit tragbar – allen Instrumenten. Während der gesamten Aufführung hatten wir gerätselt, wie groß der so schön und hochprofessionell tönende Klangkörper wohl sein könnte. Wohl nach Bayreuther Muster liegt der Graben in diesem Festpielhaus sehr tief, sodass es niemals zur Entwicklung einer übermäßigen Lautstärke kam. Wir konnten auf die Schnelle die beteiligten Musiker nicht zählen, aber sicherlich waren es alle von Wagner gewünschten. Und was uns unsäglich überraschte und freute: Es waren fast nur junge Menschen! Wohl größtenteils aus der Ukraine. Und dass es Lothar Zagarosek gelungen war, sie so spielen zu lassen, dass man meinen konnte, sie hätten schon ein Leben lang Wagner gespielt und ihn bis ins Innerste verstanden, das machte die Freude an dieser Produktion komplett.

Vielleicht gibt es auch noch andere Länder, die sich einen König wie den bayrischen Ludwig II. gewünscht hätten oder wünschen würden, der den Mut hatte, die Kultur mit Ewigkeitswert über die Politik und jegliches Kriegsbedürfnis zu stellen…..

Sieglinde Pfabigan & Marisa Altmann-Althausen

Zusatz von Prof.Dr. Albert Gier

Zugabe!

Hermine Mey im Festspielhaus Füssen

Es sollte ein Dankeschön an all jene sein, die nach der Pandemie-bedingten Absage im vorigen Jahr ihre Karten nicht zurückgegeben haben und am 29. September im Festspielhaus Neuschwanstein (Füssen) Tristan und Isolde mit einem Jahr Verspätung erleben konnten, erläuterte Geschäftsführer Florian Zwipf-Zaharia: Am 30. September gab es ein (im Programmheft nicht angekündigtes) kleines Matinee-Konzert, für das die Tristan-Karten vom Abend vorher Gültigkeit hatten. Hermine Mey, im Tristan eine wunderbare Brangäne, sang die Wesendonck-Lieder. (Sie standen auch bei ihrem Liederabend am 3. Oktober auf dem Programm, neben Liedern von Henri Duparc und Liszt.)

Es war eine interessante Erfahrung, diese Lieder einmal nicht im größeren Rahmen eines Konzertprogramms, wo verschiedene Eindrücke einander überlagern (oder auch stören), sondern isoliert zu hören: Sie haben es verdient, daß sich die Aufmerksamkeit ganz auf sie konzentriert, und hallen im Zuhörer gleichsam länger nach. Das war auch das Verdienst der Sängerin, die mit ihrer schönen, runden Mezzo-Stimme eine intensive Intepretation bot.

Einfühlsamer Begleiter am Klavier war Manuel Lange, Prof. für Liedbegleitung in Detmold.

A.G

 

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