Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

FÜRTH/ Stadttheater: BARUCHS SCHWEIGEN von Ella Milch-Sheriff. Premiere

14.06.2015 | Oper

Stadttheater Fürth Ella Milch-Sheriff (1954*) BARUCHS SCHWEIGEN 13.6.2015

"Baruchs Schweigen"
Christina Georg. Copyright: Thomas Langer

Die in Haifa geborene israelische Komponistin und Mezzosopranistin Ella Milch-Sheriff  ist die Tochter osteuropäischer Überlebender des nationalsozialistischen Völkermordes an den Juden. Ihr aus dem polnischen Ostgalizien (Podhajce) stammender Vater, der Gynäkologe Baruch (hebräiischרוּךְ‎ ‚gelobt‘) Milch, schwieg über diese Gräuel der Vergangenheit. Als sie schließlich die Tagebuchaufzeichnungen ihres Vaters aus den Jahren 1943-44 nach dessen Tod entdeckte, begriff sie mit einem Mal das bedrückende Verhältnis zu ihm und komponierte zunächst unter dem Titel „Ist der Himmel leer?“ eine Kantate. Der Intendant des Staatstheaters Braunschweig kommissionierte daraufhin eine Kammeroper über diesen Stoff. Die österreichisch-israelische Theaterregisseurin Yael Ronen (1976*) verdichtete das Tagebuch des Vaters samt den Erinnerungen seiner beiden Töchter, Shosh Avigal (1943-2003) und (Shmu)Ella, zu einem Libretto, das die Grundlage der Oper bildete, die am 25. Februar 2010 im Kleinen Haus des Braunschweiger Staatstheaters uraufgeführt wurde.

In zehn Bildern breitet die Komponistin das Leben dieses Vaters, sein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit, seinen Verlust von Gattin und Sohn, seine Flucht, die Ermordung seines Neffen, der, ob seines ungestümen Benehmens, die bei einem ukrainischen Bauern Untergetauchten, zu verraten drohte, durch den eigenen Bruder. Der Vater hatte aber als sein Bruder ihn fragte, ob er aufhören solle, den Knaben zu würgen, einfach geschwiegen! Und dieses unheilvolle Schweigen hatte Dr. Baruch ein Leben lang verfolgt, verhärtet und verschlossen gemacht. Dieses Geheimnis nahm er mit in sein Grab. Es konnte erst nach Auffindung seiner Tagebücher gelöst werden.

Bruno Berger-Gorski unterlegte dieser Kammeroper als Konzept einen therapeutischen Ansatz aus der Psychotherapie, die sogenannte Familienaufstellung. Und so spielen nun die handelnden Personen der Oper das bewegte Leben von Dr. Baruch Milch und seiner Flucht mit allen grauenvollen Ereignissen nach. Ein wahrlich tragischer Opernstoff, der erschüttert, hätte ihn die Komponistin auf eine allgemeinere und höhere Metaebene gesetzt.

"Baruchs Schweigen"
Carl Schreiber, Lorin Wey. Copyright: Thomas Langer

Indem sie aber ihre eigene Vita, ihre Reflexionen, ihren „Generationskonflikt“ in Form von „Geistererscheinungen“ ihres toten Vaters und Großvaters als „Seelen-Striptease“ mit in ihre Kammeroper hineinverpackte, verpuffte die starke Wirkung, die von dem Stoff hätte ausgehen können. Hätte sie „nur“ die tragische Geschichte ihres Vaters, als ein Beispiel für so viele andere, erzählt, hätte es –dramaturgisch betrachtet – der ganz große Wurf werden können…

Was im Übrigen den Topos der „Geistererscheinungen“ in der Oper betrifft, befindet sich die Komponistin in bester Gesellschaft mit Verdis „Macbeth“, Tschaikowskis „Pique Dame“ und Brittens „The Turn of the Screw“, um hier nur willkürlich drei zu nennen.

Musikalisch gesehen ist Ella Milch-Sheriff einer moderaten Moderne verpflichtet und bewegt sich fast ausschließlich auf einer tonalen Grundlage. Eine Nähe zu Kurt Weill, aber auch Alban Berg und Arnold Schönberg lässt sich nicht verleugnen und ein diskretes Zitat aus Carmen, sowie Tango- und Marschmusik dürfen da auch nicht fehlen. Das Ganze ist aber so gut mit jiddischer Klezmer Musik aufbereitet, das es ein großes Vergnügen bereitet, ihrer Musik zuzuhören. Die Oper wird größtenteils deutsch gesungen, mit kurzen Einsprengsel in Hebräisch (bei der Bestattung des Vaters), Jiddisch (als Wiegenlied), Polnisch und Ukrainisch. In den deutschen Text hat sich leider auch unbemerkt (!) ein schwerer Grammatikfehler eingeschlichen. Es muss in Bild 3 natürlich richtig heißen „Am Freitag, dem (und nicht: den) ersten September“.

Uta Christina Georg gestaltete mit ihrem tiefen Mezzosopran besonders eindringlich die Tochter, in der man unschwer die Komponistin wiedererkennt. Als hartherziger Vater überzeugt Till von Orlowski mit durchdringendem Bariton. Eva Resch sang die Mutter mit etwas herberem Sopran ausgestattet. Einat Aronstein, Lorin Wey, Shira Karmon und Karl Huml wirkten noch als Geisterchor und solistisch als Großmutter, erste Frau, Mädchen B und Frau B, Bruder, russischer Soldat und russischer Offizier, sowie als Herr B., rollengerecht und gesanglich bestens disponiert mit.

Zwei Mitgliedern des jungen Chors der Musikschule Nürnberg, Philipp Pätzold und Carl Schreiber, waren noch die gesanglich und darstellerisch besonders anspruchsvollen Rollen des Sohnes von Baruch und dessen Neffen, sowie zweier Geistererscheinung anvertraut, die sie beider mit Bravour meisterten.

Walter Kobéra, viel verdienter musikalischer Leiter und Intendant der Neuen Oper Wien und unumstrittener Experte in Sachen Neuer Musik, leitete sachverständig das mit großem Engagement spielende Orchester des Stadttheaters Fürth.

Wie wohl man es vor kurzem (11.4.2015) so eine therapeutische Sitzung bereits als Grundlage der Inszenierung von „Le Nozze di Figaro“ im Theater an der Wien von Felix Breisach sehen konnte, passt ein solches Konzept, für das sich der Regisseur Bruno Berger-Gorski auch psychotherapeutische Beratung von Christine Egger-Peitler eingeholt hatte, besser zu dem Stoff von „Baruchs Schweigen“, wird doch darin ein Vater-Tochter-Konflikt wie mit einem Skalpell seziert.

Thomas Dörfler stellte einen weißen Guckkasten gleichsam als Therapieraum auf die Bühne, dessen in Quadrate unterteilte Wände umgeklappt werden können. Das offene Fernster gibt den Blick frei auf Haifa, die Geburtsstadt der Komponistin. Die Alltagskostüme des Ensembles wirken etwas uninspiriert und sind der Gegenwart verpflichtet, wobei die bunte Hose der Mutter Erinnerungen an das glamouröse Popzeitalter heraufbeschwört.

Florian Reichart lockerte die szenische Tristesse eines Therapiezimmers gekonnt durch bewegende Bilder auf. Sie stellen einen jüdischen Friedhof, eine Landstraße und dann wieder einen dunklen Wald dar. Einmal sieht man auch die Hand der Komponistin einige hebräische Buchstaben aufschreiben. Das Ganze ist dann noch durch die sensible Lichtregie von Sebastian Carol ausgeleuchtet.

Die Oper hinterließ, trotz der aufgezeigten dramaturgischen Schwächen, beim Premierenpublikum einen großen Eindruck und alle Mitwirkenden, sowie das Regieteam und die vor den Vorhang gebetene Komponistin Ella Milch-Sheriff, erhielten verdienten und lang andauernden Beifall, dem sich der Rezensent gerne und überzeigt anschloss.

Harald Lacina

 

 

 

Diese Seite drucken